ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2023Krieg in der Ukraine: Ein Jahr und kein Ende in Sicht

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Krieg in der Ukraine: Ein Jahr und kein Ende in Sicht

Stöbe, Tankred

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Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine an. Die Angriffe auf zivile Ziele haben im Laufe des Krieges immer mehr zugenommen. Zuletzt war es in der ukrainischen Stadt Dnipro ein riesiger Wohnblock, der von einem Bombenangriff getroffen wurde. Ärzte ohne Grenzen leistet seit Beginn des Krieges Hilfe. Ein Bericht.

Dieser Wohnblock in Dnipro wurde am 14. Januar von russischen Bomben getroffen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Edgar Gutierrez
Dieser Wohnblock in Dnipro wurde am 14. Januar von russischen Bomben getroffen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Edgar Gutierrez

Wie sieht es aus in der Ukraine, nach fast einem Jahr Krieg? Obwohl: Eigentlich eskalierte der Nachbarschaftsstreit schon 2014, als Russland die Krim annektierte. Anfang Januar erreiche ich über Polen das gebeutelte Land, fahre aber an andere Orte als im Sommer, mit neuen Aufgaben. Oft werde ich gefragt, ob ich mit Patienten und Kollegen in Kontakt bleibe, wenn eine Projektmitarbeit endet. Und ja, bei allem, was stets anders und unzusammenhängend erscheint, bleiben menschliche Verbindungen bestehen. Nun aber lege ich die zweitägige, fast 1 000 Kilometer lange Strecke von Lviv im Westen nach Dnipro im Osten erst mit dem Zug, dann mit dem Auto zurück. Das Schienen- und Straßennetz ist trotz der Kämpfe noch erstaunlich intakt. Diesbezügliche Zwischenfälle oder Verzögerungen gibt es keine. Noch immer funktioniert das Eisenbahnsystem hervorragend und pünktlicher als zu Hause.

Jetzt im Winter sieht alles anders aus und die Reise ist wie ein Kaleidoskop des ukrainischen Kriegsalltags. Unendlich anmutende, schneebedeckte Felder, zugefrorene Flüsse und Seen und auch die Straße ist immer wieder vereist, da Salz fehlt, die Minen in der umkämpften Stadt Soledar sind nicht mehr zugänglich. Die Konsequenz sind vom Wege abkommende oder verunfallte Fahrzeuge, auch viele Militärkonvois sind unterwegs, die sich an keine Verkehrsregeln halten müssen. Wir passieren ein Soldatenbegräbnis auf einem nahe gelegenen Friedhof. Inmitten des Schneetreibens mutet diese kleine traurige Zeremonie wie ein surreales Gemälde an und ist doch trauriger Alltag. Je weiter wir nach Osten kommen, desto häufiger werden die Sicherheits-Checkpoints, die Soldaten winken uns jetzt aber meist durch. Auch die Stromausfälle häufen sich und dauern länger. Am Abend erreichen wir unser Team in der Millionen-Metropole Dnipro.

Außerhalb der direkten Kampfgebiete scheint der Krieg auch in der Ukraine manchmal wie ein fernes Geschehen. Vereinfacht lassen sich drei Kampfzonen unterscheiden. In der direkten Frontlinie von 30 Kilometern werden dauernd und oft wahllos Kurzstreckenraketen abgefeuert. Diese Gebiete sind extrem gefährlich und tödlich. Bis zu 100 Kilometer reichen Mittelstrecken-Raketen, damit beschießt das russische Militär grenznahe Städte wie Charkiw, Cherson, Mykolajiw und Saporischschja. Das Problem dieser Waffen sind nicht nur die verheerenden Schäden, die sie anrichten, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der sie ihre Ziele erreichen, in weniger als einer Minute schlagen sie ein. Deshalb hören wir die Explosionen auch vor den Sirenen, die benötigen länger. Und dann gibt es die Langstreckenraketen, die jeden Ort in der Ukraine erreichen können, nirgends und niemand ist vor ihnen sicher, auch wenn diese Waffen seltener zum Einsatz kommen.

Essenziell für die eigene Sicherheit ist die Kriegs-Alarm-App auf dem Mobiltelefon, die mehrmals täglich anschlägt. Mit dem Sirenenton erscheint der Text auf dem Display: „Air Alert! Immediately proceed to the nearest shelter. If there is no shelter around: At least two walls must separate you from the potential shell impact zone.“ Im Unterschied zum Sommer funktioniert die App nun auch auf Englisch. Zusätzlich warnt jetzt eine eindringliche Männerstimme: „Attention, go to the nearest shelter. Don’t be careless. Your overconfidence is your weakness!“ Viele nehmen diese Warnungen trotzdem nicht mehr ernst, den Gang in einen Schutzbunker unternimmt kaum noch jemand.

Hilfslieferungen werden von Ärzte ohne Grenzen in ein Lagerhaus transportiert. Fotos: Tankred Stöbe
Hilfslieferungen werden von Ärzte ohne Grenzen in ein Lagerhaus transportiert. Fotos: Tankred Stöbe

Millionen Binnenvertriebene

In der Bevölkerung erlebe ich eine Kriegsroutine, aber keine Kriegsmüdigkeit und ich begegne keinem, der sich den russischen Invasoren ergeben möchte für den Preis eines schnellen Friedens. Das ablaufende Jahr lässt sich in drei großen Phasen beschreiben. Die Angriffsoffensive der russischen Streitkräfte am 24. Februar dauerte bis Anfang Juli. Ab August reagierte die Ukraine mit groß angelegten Gegenoffensiven, erst im Osten um die Stadt Charkiw und bis zur Befreiung der südlichen Stadt Cherson im November. Seitdem verharren beide Seiten in einem Stellungskrieg mit stabilem Frontverlauf. Die ersten Wochen im neuen Jahr sind ruhig, außerhalb der direkten Kampfzone gibt es wenige Angriffe. Die bisherige Bilanz ist unvorstellbar, bei fehlenden offiziellen Zahlen gehen die seriösen Schätzungen von 100 000 Opfern aus, auf jeder Konfliktseite. Der britische Economist schreibt: „In einem durchschnittlichen Krieg seit 1816 wurden täglich etwa 50 Menschen auf dem Schlachtfeld getötet. Russlands Krieg in der Ukraine ist viel blutiger.“

Eine der größten humanitären Herausforderungen sind die sieben Millionen Binnenvertriebenen, die nicht nach Europa fliehen können oder wollen, sondern in den nächstsicheren Ort von ihrem Zuhause und also relativ nahe der Kontaktzone der verfeindeten Truppen bleiben.

Um Zeugen zu finden, die aus eigener Erfahrung von Krieg und Vertreibung berichten können, muss ich nicht lange suchen oder weite Strecken zurücklegen. Dafür kann ich die eigenen Mitarbeitenden befragen, viele arbeiten schon viele Jahre für Ärzte ohne Grenzen und sind selbst Binnenvertriebene, vor allem aus jenen Ostprovinzen, die nun von russischen Streitkräften kontrolliert werden. So wie unser Logistiker, der mit seiner Familie aus der schwer beschädigten Hafenstadt Mariupol floh. Seine Geschichten klingen grausam. Oder die eines unserer Ärzte: Er floh mit Frau und kleiner Tochter, seine Eltern aber zogen in die Gegenrichtung, sie leben jetzt in Moskau und der Kontakt ist abgebrochen, die inneren Familienbande zerstört.

Und was ist hier meine Aufgabe? Es geht darum, unsere medizinischen Teams für akute Notfälle vorzubereiten, sie in der Erkennung und Behandlung von internistischen Akutkrankheiten und schweren Verletzungen zu trainieren. Bisher waren sie meist in mobilen Einheiten unterwegs, Binnenvertriebene mit chronischen Erkrankungen zu behandeln. Wir sehen aber, dass die medizinische Versorgung noch näher der Front nötig ist. Dort verharren Zehntausende Zivilisten, abgeschnitten von allem, auch von ärztlicher, pflegerischer und medikamentöser Versorgung. Für tatsächliche Notfallmedizin müssen wir in diesem Krieg entweder in den entsprechenden Krankenhäusern oder nahe der Front helfen – und beides ist schwierig. Weiterhin werden Soldaten und andere Kriegsopfer in Militärkliniken versorgt. Aber die vielen Zivilisten entlang der 1 000 Kilometer langen Frontlinie sind wahrscheinlich die am schlechtesten versorgten Menschen in der Ukraine. Die Trainings machen wir in Dnipro und Saporischschja. Diese Industriemetropole wurde durch das größte Kernkraftwerk Europas bekannt, dass 50 Kilometer südlich an einem großen Stausee liegt, längst unter russischer Kontrolle steht und weitgehend heruntergefahren wurde. Die Stadt wird zudem von einem mächtigen Staudamm geprägt. Die desaströsen Folgen der Zerstörung dieser Infrastruktur vorzustellen, unterlasse ich besser. Als ich eine unserer ukrainischen Ärztinnen in Dnipro nach der Stadt befrage, meint sie, da sei nichts Besonderes und sie sei sicher. Als ich entgegne, Saporischschja habe im Rest der Welt nicht den besten Ruf, fragt sie zurück: Wird nicht Tschernobyl als die Hölle gesehen? Darauf sage ich: Tschernobyl ist die alte Hölle, Saporischschja die neue. Nachdem ich wohlbehalten von dort zurückkehre, fragt sie interessiert: Wie war’s? Ich berichte, dass es ruhig war, die Stadt funktioniert noch, trotz Frontnähe. Die Resilienz der Ukrainer ist immer wieder beeindruckend.

950-Kilo-Bombe explodiert

Die Ruhe endet plötzlich, am 14. Januar, dem orthodoxen Neujahrstag. Für die gesamte Ukraine wird schon am Morgen Luftalarm ausgelöst. Russische Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe sind gestartet und Dutzende Bombenangriffe folgen, von denen zwei Drittel abgewehrt werden können. Wir verbringen die längste Zeit des Tages in unserem Kellerbunker, erstmals seit meiner Ankunft. Am Nachmittag um 15.30 Uhr hören wir einen schweren Einschlag, wir können nicht abschätzen, wie nah das war. Und dann stellen wir uns die Frage: Weiterhin im Schutz des Bunkers bleiben oder rausgehen und helfen? Und wann ist dafür der richtige Zeitpunkt?

Wie sich später herausstellen wird, schlägt in etwa drei Kilometer Entfernung eine 950-Kilo-Bombe vom Typ Kh-22, die nicht von den verfügbaren Flugabwehrsystemen abgefangen werden kann, in ein neunstöckiges Hochhaus in der Innenstadt ein, von dem später einer unser Mitarbeiter behauptet, es sei die chinesische Mauer, das längste Gebäude der Stadt. Die ersten Nachrichten, die uns erreichen, melden fünf Verunglückte, das scheint überschaubar. Als ich aber Bilder sehe von dem völlig zerstörten Wohntrakt, weiß ich, dass diese Opferzahlen nicht stimmen.

Nach dem Bombenangriff auf den Wohnblock warten Einwohner auf ambulante Konsultationen nach dem Bombenangriff.
Nach dem Bombenangriff auf den Wohnblock warten Einwohner auf ambulante Konsultationen nach dem Bombenangriff.
Einsatzkoordination in Dnipro nach dem Bombeneinschlag.
Einsatzkoordination in Dnipro nach dem Bombeneinschlag.

Schreckliche Bilanz

Und die Bilanz wird schrecklich sein, mehr als 150 Tote, Verletzte und Vermisste. Also 46 Tote und 80 Schwerverletzte, die Leichtverletzten werden nicht gezählt. 20 Menschen bleiben vermisst. Es ist der bisher schwerste zivile Angriff seit Kriegsbeginn, die tödlichste Attacke auf die Stadt am Dnepr-Fluss und eine grausame Erinnerung, wie barbarisch dieser Krieg ist, der Zivilisten oft nicht ausspart, sondern in den Fokus nimmt. Weit und breit befindet sich keine kritische Infrastruktur.

Noch aus unserem Schutzbunker telefonieren wir mit den verschiedenen Rettungsorganisationen in der Stadt und hören, dass sie die Situation bewältigen können, wir würden nicht benötigt. Später fahren wir an die Unglücksstelle und entscheiden uns für einen Einsatz. Wir beliefern die Rettungsstelle des größten Krankenhauses der Stadt mit Medikamenten und medizinischem Material. In den großen Innenhof des Wohnkomplexes stellen wir zwei unserer beheizbaren Ambulanzfahrzeuge, jeweils mit einer Ärztin, Psychologin und einem Health Promoter. Die Schwerverletzten sind da schon versorgt und Überlebende wurden auch Tage später noch unter den Trümmern gefunden, einige unvorhersehbare Wunder in diesem tödlichen Schutthaufen. Wir sind die einzigen medizinischen Akteure vor Ort und können in den ersten fünf Tagen 800 Überlebenden unmittelbar helfen, mit 310 medizinischen, 135 psychologischen und 355 Beratungskonsultationen. Viele Menschen kommen zu uns, um ihre Leidensgeschichte zu erzählen. Wie ein altes Ehepaar aus Mariupol, das aus der schwer bombardierten Stadt schließlich floh. Jetzt erneut dieser tödlichen Gefahr ausgesetzt zu sein, finden sie unerträglich.

Und was wurde aus Anatolie und Timofej, den beiden verwundeten Soldaten und Patienten, die ich vor einem halben Jahr kennenlernte? Ich treffe Sudan wieder, unseren unglaublich talentierten Physiotherapeuten, der einen Großteil der mittlerweile 3 000 Krankengymnastik-Einheiten bei Amputationspatienten begleitete. Er berichtet mir, dass Anatolie, der äußerlich fast unverletzt blieb, aber unter unerträglichen Schmerzen litt, im weiteren Verlauf starke Medikamente zur Schmerzbehandlung und mehrere psychologische Konsultationen erhielt. Sie haben weitere Ansätze ausprobiert, von Muskelentspannung, Massagetherapie bis Akupunktur, aber nichts hat ihm wirklich geholfen. Er bleibt in stationärer Behandlung, vermutlich sind die seelischen Traumafolgen zu gravierend.

Jeder wird behandelt

Der schwerverletzte Timofej wurde zur weiteren Behandlung nach Belgien evakuiert, dort erhielt er eine Prothese für seinen linken Unterschenkel und kann wieder gehen. Jetzt wartet er auf die vollständige Heilung des rechten Unterschenkelknochens. Ich bin mit Timofej in Kontakt, er freut sich darauf, in die Ukraine zurückzukehren und seinem Land wieder zu dienen.

Darüber entbrennt eine intensive Debatte, die Physiotherapeuten machen sich Vorwürfe, dass einige ihrer Patienten wieder an die Front möchten. Was wir im Sommer noch als PTSD-Effekt interpretierten, erweist sich als zutreffend, trotz schwerer Gliedmaßenverluste zieht es einige der Männer wieder in den Krieg. Wird Ärzte ohne Grenzen dadurch zur Konfliktpartei? Verlängern wir mit unserer Hilfe womöglich den Krieg? Ich versuche Sudan und seine Kollegen zu beruhigen und zu überzeugen, dass wir da keinen signifikanten Unterschied machen können. Und dass wir als humanitäre Helfer nicht danach fragen, was unsere Patienten denken, glauben und tun, oder woher sie kommen. Und auch nicht, wohin sie nach der Heilung gehen.

Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

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