ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2000TOP IV: (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: „Stillstand ist Rückschritt“

POLITIK: Deutscher Ärztetag

TOP IV: (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: „Stillstand ist Rückschritt“

Dtsch Arztebl 2000; 97(20): A-1356 / B-1136 / C-1061

Korzilius, Heike

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LNSLNS Mit großer Mehrheit hat der Deutsche Ärztetag die Bundes­ärzte­kammer beauftragt, die geltende
(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung weiterzuentwickeln.

Es hatte im Vorfeld ordentlich rumort. Noch am Tag vor den Beratungen zur Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung orakelte man in den Gängen der Kölner Messehalle über das drohende Scheitern des Konzepts, das die Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) den Delegierten des 103. Deutschen Ärztetages zur Abstimmung vorlegen würden. Es kam alles ganz anders. Der lautstarke Beifall, mit dem die Ärzte die von Dr. med. H. Hellmut Koch vorgestellten Eckpunkte bedachten, signalisierte bereits breite Zustimmung. Koch ist Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der BÄK. „Ich habe nicht mit so überwältigender Zustimmung gerechnet“, resümierte er, nachdem die Delegierten nach rund sechsstündiger Diskussion mit großer Mehrheit eine Neustrukturierung des Weiterbildungsrechts befürwortet hatten. Obwohl die geltende Weiter­bildungs­ordnung erst 1992 beschlossen worden und 1997 in allen Lan­des­ärz­te­kam­mern umgesetzt war, ist nach Ansicht von Koch eine Weiterentwicklung dringend erforderlich. „An den Grundfesten wird nicht gerüttelt“, sagte er. Aber die Entwicklungen in der Medizin während der vergangenen acht Jahre machten eine Anpassung nötig. Zudem hatten der 100. Deutsche Ärztetag in Eisenach und der 101. Deutsche Ärztetag in Köln die Bundes­ärzte­kammer beauftragt, die Weiter­bildungs­ordnung zu vereinfachen und überschaubarer zu gestalten. Koch ist überzeugt, dass die Delegierten des 103. Deutschen Ärztetages jetzt einem Konzept zugestimmt haben, das praktikabel und umsetzbar ist.
Der Ärztetag hat beschlossen, dass das Gebiet wie in der gültigen (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung abschließend definiert ist und sämtliche innerhalb des Gebietes zu erwerbenden Kompetenzen umfasst. Die Facharztweiterbildung beschreibt die obligatorischen Kenntnisse für alle Ärzte dieser Fachgruppe. Darüber hinaus können innerhalb der Gebietsgrenzen zusätzliche Kompetenzen individuell erworben werden. Allgemeines Einverständnis herrschte auch darüber, dass die Schwerpunkte bestehen bleiben. Dagegen sollen in der Novelle zur Weiter­bildungs­ordnung fakultative Weiterbildung und Fachkunden (Beispiel: Bronchoskopie oder Laserchirurgie) entfallen. Soweit Inhalte, die bislang unter die fakultative Weiterbildung fielen, erhalten bleiben sollen, werden sie in andere Qualifikationen wie Schwerpunkte oder Zusatzbezeichnungen überführt oder in die Facharztweiterbildung zurückverlagert. Trotz des Wegfalls der Fachkunden können gebietsbezogene nicht obligatorische Inhalte von einem zur Weiterbildung befugten Arzt – auch während der Weiterbildung zum Facharzt – vermittelt werden. Die Kenntnisse können im Rahmen der Facharztprüfung nachgewiesen und von der Ärztekammer bescheinigt werden. Werden die Inhalte berufsbegleitend erworben, müssen die Kenntnisse in einer eigenen Prüfung vor der Ärztekammer nachgewiesen werden.
Lernen, was ausgeübt wird
Um beim Erwerb einer Zusatzbezeichnung zu verhindern, dass Weiterbildungsinhalte erlernt werden müssen, die nicht gebietskonform sind und somit auch nicht ausgeübt werden dürfen (Beispiel: Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Schmerztherapie, die auch operative Anteile enthält), hat der Ärztetag ein „Menü-Modell“ beschlossen. Lassen sich die Inhalte einer Zusatzbezeichnung einer definierten Auswahl von Gebieten zuordnen, gliedern sie sich in Basiskenntnisse und in Kenntnisse, die einzelnen Gebieten zugeordnet sind. Die allgemeinen Basiskenntnisse müssen demnach von allen nachgewiesen werden, die gebietsspezifischen Kenntnisse müssen nur für das jeweilige Fachgebiet erlernt werden. Nach Ansicht von Koch kann die Menü-Lösung auch dazu beitragen, die bundesweite Einheitlichkeit des Weiterbildungsrechts wiederherzustellen, denn einige Lan­des­ärz­te­kam­mern hatten aufgrund der Umsetzungsschwierigkeiten die Zusatzbezeichnungen nie in ihre Weiter­bildungs­ordnungen übernommen.
Neu eingeführt werden soll nach dem Willen des Deutschen Ärztetages der Befähigungsnachweis als Instrument der Weiterqualifikation. Dabei handelt es sich um eine fakultative, theoretische und berufsbegleitend zu erwerbende Qualifikation. Die Kenntnisse müssen nicht von einem weiterbildungsbefugten Arzt vermittelt werden, müssen aber im Rahmen einer von der Ärztekammer anerkannten Weiterbildungsmaßnahme erworben werden. Neu einzuführende Bezeichnungen schlägt der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer vor, die dann von den Lan­des­ärz­te­kam­mern beschlossen und in einem Katalog als Anhang zur Weiter­bildungs­ordnung aufgelistet werden. Mit dem Befähigungsnachweis will man unter anderem sicherstellen, dass neue Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden zeitnah in die medizinische Versorgung eingeführt werden. Ein solcher Befähigungsnachweis existiert bereits in einigen Lan­des­ärz­te­kam­mern, wenn auch unter anderem Namen. Dr. med. Elisabeth Siegmund Schulze, Ärztekammer Westfalen-Lippe, knüpft an seine Einführung in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung die Hoffnung, dass das Vorgehen der Lan­des­ärz­te­kam­mern wieder bundesweit vereinheitlicht wird.
Darüber hinaus soll künftig die grundsätzliche Möglichkeit bestehen, die Weiterbildung in geeigneten Gebieten über eine gemeinsame Basisweiterbildung zu strukturieren. Über eine Einführung in solchen geeigneten Gebieten wird der Deutsche Ärztetag jedoch erst befinden, wenn konkrete Inhalte für eine entsprechende Basisweiterbildung definiert worden sind und ausreichend Weiterbildungsstätten diese vermitteln können. Großen Anklang fand dies bei Prof. Dr. med. Günter Lob, Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer, der als Vorreiter für ein solches Konzept die chirurgischen Fächer anführte. Dort habe die Zersplitterung seit 1992 zu großer Unzufriedenheit geführt, deshalb liebäugele man dort seit längerem mit einer gemeinsamen Basisweiterbildung, um einzelne Gebiete und Schwerpunkte wieder zusammenzuführen. „Die Herzchirurgie ist heute so weit weg von der Chirurgie wie die Psychiatrie“, beklagte Lob. Dr. med. Theodor Windhorst, Ärztekammer Westfalen-Lippe, wies auf einen weiteren Pluspunkt des „common trunk“ hin: „Er bringt Vorteile für die jungen Kollegen. Er beseitigt die Sackgasse am Anfang ihrer Weiterbildung.“ Denn, so bestätigte Lob am Beispiel der Chirurgie: „Jeder Chirurg kann diese Basisweiterbildung vermitteln. Sie ist überall gleich.“
Anpassung an die EU
In Anpassung an Regelungen der Europäischen Union haben die Delegierten darüber hinaus beschlossen, in einer Novelle zur (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung die Mindestzeiten der Schwerpunktweiterbildungen auf drei Jahre festzusetzen. Das soll die Migration innerhalb der EU für deutsche Ärztinnen und Ärzte erleichtern. Nach EU-Vorgaben müssen die Zeiten für eine Spezialisierung innerhalb eines Fachgebietes mindestens drei Jahre betragen. Nur dann können Titel ohne zusätzliche Prüfung EU-weit anerkannt werden. Der Ärztetag gab den Weiterbildungsgremien jedoch auf, eine Verlängerung von Mindestweiterbildungszeiten möglichst nicht zuzulassen.
Hocherfreut zeigte sich Dr. med. Ingo Flenker, Ärztekammer Westfalen-Lippe, „dass unsere Forderungen nach Vereinfachung so aufgegriffen wurden“. Die Weiter­bildungs­ordnung von 1992 sei kaum umsetzbar. Sie habe sich zu einem Weiterbildungsmarathon im Sinne eines Rabattmarkensammelns entwickelt. „Diese Erfahrung haben wir in Westfalen-Lippe gemacht, wo wir die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung buchstabengetreu eingeführt haben.“ Eine Weiterentwicklung der geltenden Weiter­bildungs­ordnung muss nach Ansicht von Dr. med. Hans-Jürgen Thomas, Ärztekammer Westfalen-Lippe, jedoch sicherstellen, dass sich die Weiterbildung der Ärzte, die eine Klinikkarriere anstreben, nicht von der der Ärzte unterscheidet, die sich niederlassen wollen. „Wir müssen verhindern, dass es Fachärzte zu Fuß und zu Pferde gibt“, so Thomas.
Mit mehreren Anträgen ergänzten die Delegierten das Konzept der Weiterbildungsgremien. Unter anderem forderten sie die Bundes­ärzte­kammer auf, mit der Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung sicherzustellen, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte stärker als bisher in die Weiterbildung einbezogen werden. Dazu müssten mehr Niedergelassene aller Fachrichtungen zur Weiterbildung ermächtigt werden. Da rund 90 Prozent aller Patienten in der ambulanten Versorgung behandelt würden, trage eine Weiterbildung durch niedergelassene Ärzte dem überwiegenden Krankheitsgeschehen Rechnung, hieß es zur Begründung. Zudem plädierten die Delegierten dafür, Weiterzubildende, Weiterbilder und Weiterbildungsstätten regelmäßig zu evaluieren.
Grundsätze beschlossen
Auf Kritik der Delegierten stieß eine Regelung der geltenden Weiter­bildungs­ordnung, nach der Weiterbildung formal nur dann in Teilzeit erfolgen kann, wenn ganztägige Weiterbildung nicht möglich ist. Da Teilzeittätigkeit für viele Ärztinnen und Ärzte häufig die einzige Möglichkeit darstelle, berufliche und familiäre Belange unter einen Hut zu bringen, müsse diese Regelung in der novellierten Fassung der Weiter­bildungs­ordnung entfallen.
Der 103. Deutsche Ärztetag hatte sich zur Aufgabe gestellt, Grundsätze zu verabschieden und die Weichen für eine Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung zu stellen. Entscheidungen zu Detailfragen wurden deshalb zurückgestellt und entsprechende Anträge zur weiteren Bearbeitung an den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer überwiesen. Die Delegierten forderten allerdings die Weiterbildungsgremien der BÄK auf, eindeutige Übergangsbestimmungen von der alten zur neuen Weiter­bildungs­ordnung zu erarbeiten sowie neben den wissenschaftlichen Fachgesellschaften die Berufsverbände in die Beratungen über die Inhalte der Novelle zur Weiter­bildungs­ordnung einzubinden. Damit will man sicherstellen, dass auch die Interessen der ambulanten Versorgung wirksam vertreten werden. Zudem forderten sie die Lan­des­ärz­te­kam­mern auf, die novellierte Weiter­bildungs­ordnung, wenn sie denn vorliegt, zeitnah umzusetzen.
Von den mehr als 40 Anträgen zur Novellierung der (Muster-)Wei-
terbildungsordnung wurde keiner abgelehnt. Änderungsanträge zu den Eckpunkten der Weiterbildungsgremien beschränkten sich in der Regel auf Präzisierungen oder redaktionelle Änderungen. Die gemeinsamen Anträge von Prof. Dr. med. Klaus Dieter Kossow, Ärztekammer Niedersachsen, sowie Dr. med. Ludger Beyerle und Priv.-Doz. Dr. med. M. Ludwig, beide von der Ärztekammer Nordrhein, die das vorgelegte Konzept grundsätzlich ablehnten, schmetterten die Delegierten mehrheitlich ab. Sie votierten für Nichtbefassung. Kossow konnte sich mit seiner leidenschaftlich vorgetragenen Ansicht, die Zeit sei noch nicht reif, um über Grundsatzfragen abzustimmen, nicht durchsetzen. Dabei hatte er sich auf Rückendeckung durch ein Papier berufen, das die Novellierungspläne für nicht zielführend und kontraproduktiv hält und den Weiterbildungsgremien „überbordende Novellierungshektik“ bescheinigt. Unterzeichnet hatten das Papier die Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung von Intensiv- und Notfallmedizin, der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände und Kossow selbst in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands. Er musste sich allerdings von einigen Delegierten vorwerfen lassen, das Papier sei mit der Basis der jeweiligen Verbände nicht abgestimmt worden. Dazu Dr. med. Klaus Thierse, Ärztekammer Berlin: „Herr Kossow irrt, wenn er sich auf den Widerstand der Fachverbände beruft.“ Ähnlich vernichtend fiel das Urteil von Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Ärztekammer Hamburg, aus: „Das Papier wurde von einigen wenigen unterschrieben, die das Konzept nicht durchschaut haben und wahrscheinlich auch keine Mehrheit in ihren eigenen Verbänden haben.“
Mit Blick auf den großen Beifall, den das Konzept der Weiterbildungsgremien erhielt, äußerte Kossows Mitantragsteller Beyerle seine Verwunderung darüber, dass der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer sich die Arbeit seiner Gremien nicht zu Eigen gemacht hatte: „Zu dieser brillanten Vorlage sagt der Vorstand in den entsprechenden Anträgen nur, er nimmt sie zur Kenntnis und leitet sie an uns weiter. Das erinnert mich an eine heiße Kartoffel.“ Ansonsten kritisierte er an dem Entwurf, dass er das Problem des Überangebots an Ärzten und des Mangels an Weiterbildungsstellen nicht löse. Zudem berge die Menü-Lösung bei den Zusatzbezeichnungen und die Einführung neuer Qualifikationen erneut die Gefahr des Wildwuchses, den die Novelle bekämpfen soll. Dazu Koch als Vorsitzender der Weiterbildungsgremien: „Das Thema ist so wichtig, dass der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer dem Ärztetag keine Richtung vorgeben wollte. Er soll frei über die Arbeit der Weiterbildungsgremien entscheiden.“ Zudem könne eine Weiter­bildungs­ordnung das Problem der zu wenigen Stellen für zu viele Ärzte nicht lösen.
Einen ersten Zwischenbericht zur Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung erwarten die Delegierten beim 104. Deutschen Ärztetag im nächsten Jahr in Ludwigshafen. Bis dahin soll auch eine Beschlussvorlage zu notwendigen Änderungen oder Ergänzungen der geltenden Weiter­bildungs­ordnung vorgelegt werden, denn Koch rechnet damit, dass die inhaltliche Überarbeitung der Weiter­bildungs­ordnung nicht vor 2003 oder 2004 abgeschlossen ist. Die Hoffnung, dass damit die Weiterbildung ein für allemal geregelt ist, erstickte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien im Keim: „Die Weiter­bildungs­ordnung ist kein statisches Konzept, sondern einer dynamischen Entwicklung unterworfen. Sie wird uns immer wieder beschäftigen.“ Heike Korzilius

Erläutert in klarer Diktion die verschlungenen Wege der Weiterbildung: Dr. med. H. Hellmut Koch,
Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bun-
desärztekammer. PC-gestützte Präsentation veranschaulichte sein Referat.

Bei knappen Mehrheiten muss gezählt werden, um „Legendenbildungen vorzubeugen“.

Mal versunken in die Anträge, mal verärgert . . .
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