ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2023Volkmar Sigusch †: Pionier der Sexualmedizin in Deutschland

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Volkmar Sigusch †: Pionier der Sexualmedizin in Deutschland

Kühl, Richard

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Volkmar Sigusch, Foto: privat
Volkmar Sigusch, Foto: privat

Der langjährige Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Universitätsklinik Frankfurt am Main, der Arzt und Soziologe Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch, ist im Februar im Alter von 82 Jahren gestorben.

Sigusch, der 1972 den Ruf an die Mainmetropole erhielt, gehörte zu den schillerndsten Figuren der „zweiten Generation“ der deutschen Nachkriegssexologie. Selbst noch ein Schüler von Prof. Dr. med. Hans Giese, der das Fach in der Adenauerzeit dominierte, umschließt Siguschs Wirken als Forscher die Zeit der sexuellen Liberalisierung um 1968, die AIDS-Katastrophe der 1980er-Jahre und den von Pluralisierung und Diversifizierung geprägten sexualkulturellen Wandel seit den 1990er-Jahren, den Sigusch auf den Begriff der „neosexuellen Revolution“ brachte.

Das enorm vielseitige, medizinische und kulturwissenschaftliche Zugänge amalgamierende „Sigusch-Institut“ spielte zunächst bei der akademischen Etablierung der Sexualmedizin als eigenständige Disziplin eine zentrale Rolle. Beeinflusst von der Kritischen Theorie und vom französischen Poststrukturalismus, konzipierte Sigusch später die Kritische Sexualwissenschaft und prägte damit das Selbstverständnis der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung nachhaltig. Die Schließung seines renommierten Instituts nach seiner Emeritierung 2006 löste über Fachkreise hinaus Kopfschütteln aus. Zum Spätwerk Siguschs gehören eine viel gelobte „Geschichte der Sexualwissenschaft“ (2008) und der Band „Sexualitäten“ (2013), eine Sexualtheorie auf der Höhe der Zeit. Dr. phil. Richard Kühl

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