ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2023Digitalisierung: Großer Wurf mit Hindernissen

SEITE EINS

Digitalisierung: Großer Wurf mit Hindernissen

Beerheide, Rebecca

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Rebecca Beerheide, Leiterin politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Leiterin politische Redaktion

Brandneu sind viele Ideen aus der nun vorgelegten Digitalisierungsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums nicht – vieles wurde schon in blumigen Vorträgen zur Zukunft der medizinischen Versorgung angepriesen und beschrieben. Aber es ist wichtig, dass nun alle Pläne und theoretischen Möglichkeiten aufgeschrieben wurden und die Regierungsarbeit leiten sollen – daran kann man Politik in den nächsten Jahren schließlich messen. In der Strategie werden auf 43 bunten Seiten viele konkrete Projekte, aber auch Zukunftsideen vorgetragen, die die Versorgung tatsächlich verbessern könnten: verpflichtende elektronische Medikationspläne und das E-Rezept, die verbindliche elektronische Patientenakte (ePA), digitale Disease-Management-Programme (dDMP) sowie der Datenaustausch für die Forschung, sofern der Versicherte dem zustimmt. Dazu kommen sichere Kommunikationskanäle zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie auch digitale Kommunikationskanäle mit den Patienten. Aufwendiges Suchen nach Unterlagen, doppelte Befunde oder Untersuchungen sowie Medikationsprobleme sollen so vermieden werden. Auch der Forschungsstandort Deutschland soll von einer besseren Datenverfügbarkeit profitieren.

Es sind viele wichtige und richtige Ziele, die in den kommenden Monaten in Gesetzestexte gegossen werden sollen. Einen ambitionierten Zeitplan dafür hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) formuliert (Seite 459). Gerade für die Forschung sind die Pläne wichtig – auch hier steht Deutschland im europäischen Vergleich schon länger im Abseits. Die Teilnahme an einem Europäischen Datenraum, der eigentlich im kommenden Jahr starten sollte, kann mit der aktuellen unkoordinierten Datenstruktur nicht gelingen.

Doch natürlich – wie bei vielen Reformen im Gesundheitswesen – liegt auch bei der Digitalisierung der Teufel im Detail: Es ist ja nicht so, als ob die Ampelkoalition die erste Regierung wäre, die diese Projekte zur Digitalisierung vorgetragen hätte. Auch Amtsvorgänger Jens Spahn (CDU) hatte viele Ideen und einiges davon auch umgesetzt. Letztendlich war aber auch er an vielen Details sowie den Einwänden von Bundes- und Landesdatenschützern gescheitert. In der Pandemie wurde einerseits durch die digitalen Defizite bei den Gesundheitsämtern sowie andererseits durch die positiven Beispiele wie der Corona-Warn-App und den digitalen Impfausweisen deutlich, wo die Probleme, aber auch die Chancen liegen.

Die Details für die Umsetzung der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung sind aber komplexer. Eine gewisse Müdigkeit und Resignation macht sich beim Stichwort Digitalisierung unter allen Beteiligten breit. Ärzteschaft sowie auch Krankenkassen haben bereits Milliardensummen investiert. Doch vieles – Stichwort stationärer Konnektor oder analoge Karten – ist technisch nicht mehr auf dem heutigen Stand. Nun soll zügig umgebaut werden, damit beispielsweise die Opt-out-Option für die ePA überhaupt funktioniert. Auch die Anbieter von Praxisverwaltungssystemen (PVS) sowie Krankenhausinformationssystemen (KIS) müssen hier schnell zu neuen Lösungen kommen, damit die ePAs mit einem Klick von Ärztinnen und Ärzten befüllt werden können. Doch wie kommen die Patientendaten, die aus früheren Behandlungen stammen, in die neue digitale Akte? Das ist nur eine der vielen Fragen, die in den kommenden Wochen zumindest politisch geklärt werden müssen. Die technische sowie praktische Umsetzung im medizinischen Alltag wird die Herausforderung für die nächsten zwei bis drei Jahre.

Rebecca Beerheide
Leiterin politische Redaktion

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote