ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2000Genomforschung: Erbitterter Wettlauf

POLITIK: Medizinreport

Genomforschung: Erbitterter Wettlauf

Dtsch Arztebl 2000; 97(20): A-1396 / B-1164 / C-1088

Nickolaus, Barbara

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LNSLNS Anlässlich der Bekanntgaben der Entschlüsselung des Chromosoms 21 beklagten deutsche Molekularbiologen erneut, dass die Genomforschung politisch und finanziell nicht genügend unterstützt wird.


Ein deutsch-japanisches Konsortium hat nunmehr das Chromosom 21 mit 99,7-prozentiger Genauigkeit entschlüsselt. Damit liegt nach Chromosom 22 eine zweite vollständige Sequenz aus der Reihe der 23 Chromosomenpaare des Menschen vor. Wie Prof. Helmut Blöcker (Gesellschaft für Biotechnologische Forschung, Braunschweig) in Berlin erklärte, gehört Chromosom 21 zu den kleinsten der Chromosomen. Es enthält 225 Gene, von denen 127 eindeutig identifiziert sind, 98 Gene sind vorhergesagt aber noch nicht charakterisiert. Von den 127 Genen sind 103 in ihrer Funktion bekannt – hier lässt sich das dazugehörige Protein angeben, beziehungsweise es ist bekannt, in welchem biologischen Zusammenhang das Gen an- oder abgeschaltet wird.
Von den noch nicht hinlänglich charakterisierten 98 Genen weiß man, dass einige als Verursacher schwerwiegender genetischer Erkrankungen infrage kommen, so etwa manischer Depression, Taubheit, bestimmter Tumorerkrankungen. 14 der bereits in ihrer Funktion identifizierten Gene führen bei genetischer Veränderung zu „monogenen“ Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, Autoimmunerkrankungen, erhöhte Anfälligkeit für Leukämie und einer speziellen Form der Epilepsie.
Wichtigste Erkenntnis ist die seit langem bekannte Tatsache, dass das Chromosom 21 in direktem Zusammenhang mit der Trisomie 21 (Down-Syndrom) steht. Dr. Marie-Laure
Yaspro (Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, Berlin) erläuterte, dass das nun vorliegende Wissen, insbesondere das über die partielle Trisomie 21, ein neues und tieferes Verständnis des molekular bedingten Pathomechanismus des Down-Syndroms und anderer Erkrankungen eröffne und damit auch die Chance zur Entwicklung eindeutigerer diagnostischer Testverfahren. So könnte im Hinblick auf die Trisomie 21 in Zukunft vermutlich die Fruchtwasseruntersuchung gerade auch bei älteren Schwangeren unterbleiben und durch weniger invasive Tests ersetzt werden.
Prof. André Rosenthal (Institut für Molekulare Biotechnologie, Jena) sprach die Frage an, warum es zu einem derart erbitterten Wettlauf zwischen dem akademischen internationalen Humangenomprojekt und der privaten US-Firma „Celera“ von Craig Venter kommen musste. Venter behauptete unlängst, er habe 99 Prozent des menschlichen Erbgutes entschlüsselt. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um die komplette Kartierung und fertige Sequenz der einzelnen Chromosomen, sondern um Millionen von Teilstücken, deren Buchstabenabfolge erst noch zusammengesetzt werden muss.
Empfehlungen zur Patentierung
„Während die Daten des internationalen Genomprojekts alle 24 Stunden kontinuierlich im Internet veröffentlicht werden und damit jedem Forscher zur Verfügung stehen – also auch Craig Venter –, hält dieser seine Fortschritte der Sequenzierung unter Verschluss und fordert Patentschutz“, erklärte Prof. Heinz Lehrach (MPI für Molekulare Genetik, Berlin). Der Molekularbiologe kritisierte die im amerikanischen, jedoch nicht im europäischen Recht verankerte Möglichkeit der Patentierung Tausender von Genen. Er forderte, dass für die freie Forschung Informationen zu einfachen Sequenzen (deren Funktion und Anwendungsmöglichkeit noch nicht charakterisiert ist) nur mit öffentlichen Mitteln generiert, patentfrei und jederzeit zugänglich sein müssten. Anders solle dies bei sogenannten Funktionsgenen gehandhabt werden. Diese zur gezielten Entwicklung spezifischer Pharmaka identifizierten Geninformationen bedürften als „Rezepte zur Herstellung von Wirkstoffen“ eines umfassenden Patentschutzes.
Der Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), Wolf-Michael Catenhusen, feierte den Tag der Bekanntgabe der Entschlüsselung von Chromosom 21 als einen Erfolg der deutschen Wissenschaft. Er merkte an, dass Deutschland erst 1995/96 – also fünf Jahre nach Beginn einer der größten internationalen Studien in der Biologie – in die Genomforschung eingestiegen sei. Dieser späte Zugang beruhe auf der damals mangelhaften Einsicht in das Wissen um das praktische Potenzial dieses Wissenschaftszweiges, der dementsprechend nicht ausreichend finanziell gefördert wurde.
Das Deutsche Humangenomprojekt – eine Initiative des BMBF, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Wirtschaft mit insgesamt 42 Forschungsprojekten durch 90 Arbeitsgruppen – wird jährlich mit 44 Millionen DM staatlich gefördert. Catenhusen hielt eine Erhöhung um 20 Millionen DM für nicht ganz ausgeschlossen. Lehrach forderte in diesem Zusammenhang eine Fördersumme von 500 Millionen DM, um konkurrenzfähig und schnell zu sein, und er hoffte, dass die „Bedenkenträger endlich vom Sinn dieser epochalen Forschung überzeugt werden können“.
Bislang wurden aus den Forschungsergebnissen des Deutschen Humangenomprojekts 20 Schutzrechte für entsprechende Technologien und Verfahren sowie 280 Schutzrechte für Funktionsgene erteilt beziehungsweise angemeldet. Eine ethische Begleitforschung wurde ebenfalls initiiert. Dr. Barbara Nickolaus

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