ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2000Auskunfteien: Kein Buch mit sieben Siegeln

VARIA: Wirtschaft - Kapitalmarkt

Auskunfteien: Kein Buch mit sieben Siegeln

Dtsch Arztebl 2000; 97(20): A-1399 / B-1190 / C-1116

PJ

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LNSLNS Nur wer bei Bank oder Sparkasse als „kreditwürdig“ eingestuft wird, erhält möglicherweise erforderliche Überbrückungsdarlehen und kann auf günstige Zinsen hoffen. Falsche Daten bei einer Auskunftei können jedoch das Ansehen schädigen.

Ob Eröffnung eines Girokontos, Kreditkartenantrag oder Leasingvertrag – eines haben sie alle gemeinsam: Die Daten werden auch bei der Schufa, der „Schutzvereinigung für allgemeine Kreditsicherung“, gespeichert. Mit der Schufa schließen Banken und Sparkassen so genannte A-Verträge, mit denen sie sich zunächst verpflichten, über positives ebenso wie über negatives Verhalten ihrer Kunden zu berichten. Quasi als Gegenleistung erhalten sie Zugriff auf die bei der Schufa gespeicherten Daten, mittlerweile sogar meist online per Direktdatenleitung. Daneben können Einzel- und Versandhandelsunternehmen, Kauf- und Warenhäuser sowie Mobilfunkanbieter so genannte B-Verträge abschließen, die ebenso zur Meldung über die einzelnen Geschäftsbeziehungen verpflichten, aber nur zum Abruf so genannter Negativmeldungen berechtigen. Sollte ein Kunde die Unterschrift unter der Schufa-Klausel verweigern, lehnen die meisten Kreditinstitute die Geschäftsbeziehung ganz ab – selbst wenn der Kunde plausible Gründe für sein Verhalten darlegen kann.
Auf Basis des gegenseitigen Informationsaustauschs werden zunächst die persönlichen Daten des Kunden, etwa Name und Anschrift sowie Geburtsdatum und -ort, gespeichert. Weiterhin werden Informationen über die Aufnahme und vertragsgemäße Abwicklung eines Geschäfts gemeldet und gespeichert. Dazu zählen unter anderem der Abschluss von Kredit- und Leasingverträgen, bei denen auch der Betrag und die Laufzeit erfasst werden, die Eröffnung eines Girokontos, die Ausgabe von Kreditkarten, die Einrichtung eines „Telekommunikationskontos“, also zum Beispiel eines Mobiltelefonanschlusses. Größten Wert legt die Schufa schließlich auf die Speicherung so genannter Negativmerkmale, zum Beispiel einer Vertragskündigung wegen Verzugs oder eingeleiteter Vollstreckungsmaßnahmen, Einsprüche und Widersprüche gegen Mahn- und Vollstreckungsbescheide und deren Erledigung, das Einziehen einer Kreditkarte oder die Kündigung eines Girokontos wegen missbräuchlicher Nutzung.
Information ganz öffentlich
Darüber hinaus informiert sich die Schufa aber auch aus öffentlichen Quellen, beispielsweise den Schuldnerverzeichnissen der Amtsgerichte, die im Übrigen jedem zugänglich sind. Besonders gravierende Negativkennzeichen sind die Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung, ein Haftbefehl zur Erzwingung der eidesstattlichen Versicherung oder die Eröffnung eines Verbraucher-, Insolvenz- oder Konkursverfahrens. Findet sich ein solcher Hinweis in der Schufa-Akte, haben Bankkunden kaum noch die Möglichkeit, einen neuen Kredit aufzunehmen oder ein bestehendes Darlehen zu einem anderen Institut umzuschulden. Generell nicht erfasst werden Informationen über Einkommens- und Vermögensverhältnisse, über den Familienstand und ein Beschäftigungsverhältnis.
Sehr wohl registriert werden indes die Zugriffe der Schufa-Mitglieder: Sollte also ein Bankkunde bei mehreren Instituten nach einem Kredit nachfragen, werden die daraus entstehenden Schufa-Anfragen für einen Zeitraum von einem Jahr beim Datensatz des Kunden vermerkt. Weitergegeben werden sie allerdings nur innerhalb der ersten zehn Tage. Dennoch erfährt damit jedes Institut sehr schnell, wenn sich ein Kunde auch bei der Konkurrenz für ein Darlehen interessiert. Entsprechende Informationen werden über „Nachmeldungen“ auch an den ersten Anfrager weitergegeben.
Allerdings erfolgt die Datenspeicherung – zumindest nach den Versprechen der Schufa – nicht unbegrenzt. Vielmehr sind strenge Löschkriterien vorgegeben. Danach werden Informationen
- über Kredite zum Ende des dritten Kalenderjahres nach dem Jahr der Rückzahlung gelöscht,
- Daten über nicht vertragsgemäß abgewickelte Geschäfte einschließlich ihrer Erledigung zum Ende des dritten Kalenderjahres nach dem Jahr der Speicherung gelöscht,
- Meldungen über Giro- und Kreditkartenkonten sofort bei Kontoauflösung gelöscht,
- Daten über Kundenkonten des Handels nach drei Jahren gelöscht,
- Bürgschaften nach der Rückzahlung der Verpflichtung gelöscht,
- Daten aus den Schuldnerverzeichnissen der Amtsgerichte nach drei Jahren gelöscht.
Löschung funktioniert oft nicht
Eine vorzeitige Löschung ist möglich, wenn der Betroffene der Schufa eine Löschung durch das Amtsgericht nachweisen kann. Längst nicht immer funktioniert die Löschung jedoch in der vom Gesetz und den Schufa-Statuten vorgegebenen Art und Weise. Stichproben der Verbraucherschutzverbände ergeben immer wieder, dass nicht nur längst veraltete Daten bei der Schufa gespeichert sind, sondern auch fehlerhafte Informationen gesammelt und weitergegeben werden. So wird vielfach übersehen, dass auch Löschungen und Kontoauflösungen zu melden sind.
Da die Schufa die Betroffenen nicht automatisch über gespeicherte Daten informiert, bleibt lediglich die Eigeninitiative: Jeder kann bei der für seinen Wohnsitz zuständigen Schufa-Niederlassung eine Eigenauskunft anfordern, die alle gespeicherten Informationen erhält. Möglich ist dies schriftlich oder über das Internet (www.schufa.de), wobei die von der Schufa berechnete Gebühr von 15 DM je Auskunft in jedem Fall im Voraus zu bezahlen ist. Stellt der Betroffene dabei fest, dass über ihn fehlerhafte oder veraltete Daten gespeichert sind, kann er die sofortige Berichtigung fordern, gegebenenfalls unter Beifügung entsprechender Belege. In jedem Fall sinnvoll ist es, die Löschung nach einigen Monaten durch eine neuerliche Eigenauskunft zu überprüfen.
Eine Kennzahl wird dem Kunden in der Eigenauskunft nicht genannt, sehr wohl aber den angeschlossenen Mitgliedern: Der so genannte Score-Wert, der seit 1997 ermittelt wird und dem Anfragenden auf einen Blick Auskunft über die Zahlungsfähigkeit des – möglichen – Kunden geben kann. Dabei handelt es sich um eine Zahl zwischen 1
(= sehr schlechte Bonität) und 1 000 (= beste Bonität), die zum einen aus den gespeicherten Daten, zum anderen aber auch aus dem Kreditverhalten einer Gruppe ähnlich gelagerter Fälle gewonnen wird. Selbst wenn die Berechnungsmethode streng geheim gehalten wird, so ist zu erfahren, dass neben dem Alter und dem Familienstand unter anderem auch der Wohnsitz und die Anzahl der Wohnungswechsel in die Berechnung einfließt. Dass eine solche Berechnungsmethode nicht selten Anlass zu Fehlschlüssen ist, beweist die Schufa selbst, indem sie die Kennzahl gegenüber dem Betroffenen geheim hält.
Während die Schufa in erster Linie auf Auskünfte über Privatpersonen spezialisiert ist, decken die privaten Auskunfteien – etwa Creditreform, Dun & Bradstreet oder Bürgel – den gesamten Bereich des deutschen und mittlerweile auch internationalen Geschäfts- und Wirtschaftslebens ab. Und während sich die Schufa zum Beispiel nicht für einen eventuellen Arbeitgeber interessiert, finden sich im Protokoll der Kreditauskunfteien alle Informationen wieder, die – auf welchem Weg auch immer – gesammelt werden konnten.
Detaillierte Informationen
Kreditauskunfteien unterscheiden in der Regel zwischen Einmalkunden, die lediglich von Zeit zu Zeit Auskünfte anfordern, die sie dann mit jeweils 300 bis 500 DM bezahlen müssen, und Mitgliedern, die gegen einen Jahresbeitrag von 300 bis 1 000 DM eine bestimmte Anzahl kostenfreier Auskünfte erhalten, aber auch konkrete Recherchen gegen vergleichsweise geringes Entgelt in Auftrag geben können. Die Auskünfte werden entweder telefonisch, schriftlich oder auch elektronisch erteilt und umfassen neben einer ausführlichen Darstellung zum Beispiel des angefragten Unternehmens auch detaillierte Informationen über die Zahlungsgewohnheiten, Immobilieneigentum und die Bankverbindung. Nicht zuletzt wird meist auch hier ein Bewertungsschlüssel vergeben, oder es wird eine verbale Höchstkreditempfehlung ausgesprochen. Anfragende müssen grundsätzlich ihr „berechtigtes Interesse“ nachweisen, jedoch genügt in der Regel ein Hinweis wie „Aufnahme der Geschäftsbeziehung“ oder „Neufestlegung des Kreditrahmens“.
Die Daten der Kreditauskunfteien entstammen unter anderem öffentlichen Registern wie dem Schuldnerverzeichnis, sie werden von einem eigenen Außendienst zusammengetragen oder durch Rückfragen beziehungsweise Selbstauskünfte des Betroffenen eingeholt. Gerade hier bestehen durchaus Möglichkeiten, die eigene Bonität durch entsprechende Informationen – die allerdings der Wahrheit entsprechen müssen – zu verbessern. PJ
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