ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Egon-Schiele-Ausstellung: Psychische Grenzerfahrung

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Egon-Schiele-Ausstellung: Psychische Grenzerfahrung

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LNSLNS 150 Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers Egon Schiele ermöglichen einen Einblick in seine Entwicklung, ausgehend vom Wiener Jugendstil bis zu einem individuellen kompromißlosen Stil, in dem psychische Grenzerfahrungen, Sexualität und Tod thematisiert werden. Die ersten Gemälde von 1906 bis 1910 zeigen deutlich Klimts Einfluß mit goldenem Hintergrund, ornamental gegliederter Bildfläche und Einhalten von ästhetisch dekorativen Konventionen. Dann verläßt Schiele die elegischen Figuren des Jugendstils, die Konturen werden schroff und kantig, seine Figuren verrenken sich, sind oft dem Zerreißen nah und drücken Gewalt, Schmerz und auch Hingabe aus. An immer wieder gleichen Motiven – Selbstdarstellungen, Akt, Bildnis und Stadtlandschaft – entwickelt Schiele in den Jahren zwischen 1910 und 1914 ein reiches Repertoire an graphischen und malerischen Mitteln, die ihn zum Wegbereiter des Expressionismus werden lassen.
Sein Stil stößt in der Wiener Gesellschaft zunächst auf wenig Gegenliebe, trägt ihm den Ruf eines Pornographen ein, sein freizügiger Umgang mit jugendlichen Modellen eine Gefängnisstrafe. Um 1915 setzt eine Harmonisierung in Schieles Werk ein. Die Linien der Zeichnungen beruhigen sich, die Konturen werden geschlossener. Bildnisse von Kriegsgefangenen und Kameraden spiegeln die Auseinandersetzung mit seiner Einberufung wider. 1918 stirbt Schiele, nur 28jährig, an der Spanischen Grippe, kurz nach seinem ersten Ausstellungserfolg.
Die in Tübingen, Düsseldorf und Hamburg gezeigte Ausstellung ist Bestandteil der Leopold-Sammlung, die als die bedeutendste Privatsammlung österreichischer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts gilt. Die Werke Schieles sind jetzt im neu eröffneten Leopold-Museum in Wien zu bewundern. Kirsten Stollhoff
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