ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2023Digitalisierung: Auf Treu und Glauben

SEITE EINS

Digitalisierung: Auf Treu und Glauben

Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen hatte vergangene Woche in Berlin ihren großen Auftritt. Auf der DMEA tummelten sich mehr als 16 000 Besucher inklusive derjenigen, die den E-Health-Bereich vorantreiben wollen und auch Entscheidungen treffen könnten. Auf solchen Veranstaltungen freut man sich in der Regel, alte Bekannte zu treffen. Alte Bekannte sind allerdings auch viele Vorhaben, über die man dort diskutierte und da ist es mit der Freude eher mäßig (Seite 797).

Denn eigentlich sollte man über Fortschritte, Innovationen und Erfolge sprechen können und nicht darüber, warum zum Beispiel die elektronische Patientenakte (ePA) weiterhin nur in politischen Ankündigungen eine große Rolle spielt. Denn de facto ist die Akte noch ein Ladenhüter. Der von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) verfolgte Opt-out-Ansatz zur ePA ist durchaus richtig, dennoch bleiben viele Fragen offen. Sowohl der Minister als auch die Abteilungsleiterin für Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium, Susanne Ozegowski, haben allerdings keine Scheu, ihre Forderungen an die Ärzteschaft zu adressieren. Man müsse die Ärzte verpflichten, die ePA zu befüllen, heißt es von beiden unisono. Erst recht, weil im ersten Schritt die Medikationsübersicht im Fokus stehen solle, sagte die BMG-Abteilungsleiterin auf der DMEA. Entlassbriefe sollen ebenfalls im ersten Schritt der ePA angegangen werden, fügte sie hinzu.

Wie das genau im Praxisbetrieb vonstattengehen soll, ist allerdings noch nicht klar. Ozegowski zufolge ist geplant, die Daten „weitgehend automatisiert“ aus dem Praxisverwaltungssystem in die digitale Medikationsübersicht einfließen zu lassen. Das Einpflegen von Altdaten solle zudem vergütet werden, kündigte Lauterbach an. „Weitgehend“ und „soll vergütet werden“ sind so unbestimmt, dass sich mancher Praxisinhaber wohl wieder die Haare raufen wird. Denn im Praxisalltag zählt doch gerade, dass Verwaltungsvorgänge schnell und bestenfalls automatisiert bearbeitet werden können. Auf der anderen Seite muss es eine gerechte Vergütung für die geleistete Arbeit geben. Das Gezerre um den Austausch der Konnektoren für die Telematikinfrastruktur haben viele sicherlich noch im Hinterkopf. Dass Ozegowski so en passant fallen ließ, sie sähe für eine Aufklärung der Bevölkerung über das eRezept auch die Ärzteschaft in der Pflicht, spricht Bände.

Forderungen kommen also schnell auf den Tisch, die Gegenleistung der Politik – sprich die offenen Fragen mit einem Gesetz zu beantworten – lässt aber noch auf sich warten. Da passt es ins Bild, das kurz nach der DMEA bekannt wurde, dass sich das angekündigte Digitalgesetz auf den Sommer verschiebt.

Einig war man sich trotz allem auf der DMEA, dass der Nutzen der digitalen Anwendungen, insbesondere der ePA, nicht nur besser kommuniziert, sondern auch gelebt werden muss. Dafür muss man in die Praxis schauen und aufgrund dieser Erfahrungen komfortable, nutzbringende und intuitiv handhabbare Lösungen schaffen. Wenn aber die Krankenversicherten es kaum schaffen, sich eine ePA einzurichten und die Ärzteschaft sich immer neuer Forderungen erwehren muss, hilft dies sicher nicht. Nur auf Treu und Glauben werden sich diejenigen, die sie nutzen sollen, nicht engagieren. Der Startschuss mit detaillierten Vorschlägen muss zügig kommen, denn ohne eine gelungene Digitalisierung sind auch die geplanten Reformen in Gefahr.

Michael Schmedt
Chefredakteur

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote