ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2000Schwerstkranke in Pflegeeinrichtungen: Lob und Tadel für Berliner Modellprojekt

POLITIK: Ausland

Schwerstkranke in Pflegeeinrichtungen: Lob und Tadel für Berliner Modellprojekt

Dtsch Arztebl 2000; 97(21): A-1428 / B-1194 / C-1117

Rieser, Sabine

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LNSLNS Angestellte und niedergelassene Ärzte sind in einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung für Patienten in so genannten Krankenheimen da – ein Modellvorhaben zeigt Erfolge.

Es sei keine ganz leichte Geburt gewesen, aber nun sei ein recht kräftiges Baby auf der Welt. So umschrieb Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin und der KBV, in der vergangenen Woche den Werdegang eines Modellprojekts* in Berlin. Es umfasst die ärztliche und therapeutische Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Schwerstkranken in Heimen, für die eine pflegerische Betreuung allein nicht ausreichend und eine akut-stationäre Behandlung nicht erforderlich ist.
Das Projekt hat eine komplizierte Vorgeschichte, wie Pastor Elimar Brandt vom Vorstand der Berliner Krankenhausgesellschaft erläuterte. In Westberliner Krankenheimen und Krankenhäusern für chronisch Kranke wurden Patienten jahrelang durch multiprofessionelle Teams betreut. Dem wurde durch die Pflegeversicherung die finanzielle Grundlage entzogen. Die Einrichtungen wurden 1996 in vollstationäre Häuser umgewandelt, in denen nur Pflege-, aber keine weiteren Leistungen abgerechnet werden konnten.
Mithilfe des Modellprojekts soll das ursprüngliche Konzept erhalten bleiben. Die Patienten, zu zwei Dritteln im Rentenalter, werden inzwischen in 30 Heimen von ermächtigten angestellten Ärzten versorgt und in 14 Einrichtungen von niedergelassenen. Vorgesehen sind für Letztere mindestens eine Regelvisite pro Woche, die Kooperation mit allen Versorgenden und die Rufbereitschaft rund um die Uhr.
Die Vertragspartner vereinbarten eine jährliche Platzpauschale von rund 8 200 DM. Sie soll alle Ausgaben für die ambulante und stationäre Versorgung der Patienten abdecken. Anreize, mit weniger Geld auszukommen, sind eingebaut. Die beteiligten niedergelassenen Ärzte erhalten von den 8 200 DM eine Pauschale von 400 DM pro Quartal außerhalb des Budgets. Erste Auswertungen haben ergeben, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen und ihre Dauer dennoch gesenkt werden konnten. Das berichtete Rolf D. Müller, Vorstandsvorsitzender der AOK Berlin.
Richter-Reichhelm erläuterte, mit der Finanzierung seien die Krankenkassen dem Argument gefolgt, dass Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich verlagert würden. Er forderte, die qualitativen Effekte dieses Versorgungsansatzes noch stärker zu überprüfen, nicht allein die Wirtschaftlichkeit.
Kritik der Kassen
Vom Projekt sind nicht alle überzeugt. Beim Landesverband Ost der Betriebskrankenkassen bezweifelt man, dass sich Kosten einsparen lassen. Der Landesverband der Ersatzkrankenkassen kritisiert die Ärzte-Pauschale. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte hätten die ambulante Versorgung im Rahmen des Budgets sicherzustellen, auch in Heimen, heißt es. Zudem sei durch das Projekt die freie Arztwahl der Heimbewohner eingeschränkt. Sabine Rieser

* Das Modellprojekt wurde am 1. April 1998 begonnen und endet 2002. Kooperationspartner sind die AOK Berlin, die IKK Brandenburg und Berlin, die KV Berlin, die Berliner Krankenhausgesellschaft und der Verband der Privatkrankenanstalten Berlin-Brandenburg.
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