ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2000Fribrinogenreduktion durch Apharese: Wie die Mikrozirkulation verbessert werden kann

POLITIK: Medizinreport

Fribrinogenreduktion durch Apharese: Wie die Mikrozirkulation verbessert werden kann

Dtsch Arztebl 2000; 97(21): A-1441 / B-1207 / C-1129

Nickolaus, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Diabetiker mit Spätkomplikationen wie Ulcus oder Gangrän profitieren nach ersten Studien von der innovativen Technik.

Bei rund 40 000 bis 50 000 Patienten entwickelt sich jährlich als Spätkomplikation des Diabetes mellitus ein diabetischer Fuß. Bei den oft frustranen Bemühungen um diese schweren Mikrozirkulationsstörungen mit wiederkehrender Antibiotikatherapie und extensiver Wundbehandlung steht stets als Schreckgespenst die Amputation im Raum. Jährlich ist sie in der Bundesrepublik bei 20 000 bis 25 000 Diabetikern Ultima Ratio.
Kürzlich wurde ein Aphareseverfahren (RheoSorb®) zugelassen, welches die Hämorheologie und die Mikrozirkulation zu verbessern vermag. Dabei wird nach Antikoagulation und Plasmaseparation fibrinogenreiches Plasma durch Pentapeptid beladene Sepharose CL-4 B geleitet, selektiv gebunden und das fibrinogenreduzierte Plasma anschließend zum Patienten zurückgeleitet. Auf einem Symposium in Berlin wurde das innovative Verfahren näher dargestellt und über derzeit laufende klinische Studien berichtet.
Viskosität verbessern
Bei den Untersuchungen konzentriert man sich insbesondere auf das Syndrom des diabetischen Fußes. Prof. Gordon Lowe (Universität Glasgow) erklärte, dass ein Anstieg des Plasmafibrinogenspiegels ein vorzüglicher Indikator für ein später zu erwartendes ischämisches Ereignis im Bereich des Herzens, Gehirns oder der Extremitäten sei. Dies ließe sich bei Rauchern besonders gut darstellen, deren Plasmafibrinogenspiegel stets erhöht sei und auf normale Werte absinke, sobald sie dem Rauchen dauerhaft entsagen. Fibrinogen bestimmt in hohem Maße die Viskosität von Plasma und Vollblut und wirkt sich insbesondere auf die Mikrozirkulation aus. Verbessert man gezielt die rheologischen Eigenschaften des Blutes durch Verringerung des Fibrinogens, so lassen sich nach Ansicht Lowes ischämische Prozesse aufhalten beziehungsweise in ihrer Entstehung bereits unterdrücken.
Zurzeit wird der therapeutische Erfolg des Aphareseverfahrens Rheo-Sorb in Boston, München und Lund bei Patienten mit diabetischem Fuß, nach gefäßchirurgischem Eingriff, nach Extremitäten-Amputation untersucht. Die Behandlung dauert vier Wochen, anschließend erfolgen Kontrolluntersuchungen. Die Gesamtbeobachtungzeit umfasst zwölf Monate. Dr. Werner Richter (München) berichtete von den sieben ersten Patienten mit diabetischem Fuß, bei denen Rheosorb im Rahmen einer Studie klinisch angewandt wurde. Alle in die Studie aufgenommenen Patienten hatten konservative Standardtherapien über zwölf Monate erfolglos durchlaufen. Unter Anwendung des Fibrinogen-Adsorptionsverfahrens zeigten sie einen deutlichen Rückgang der Ulcerationes und zugleich die Entwicklung von Granulationsgewebe. Richter äußerte daher die Hoffnung, dass durch gezielte Fibrinogen-Reduzierung die hohe Amputationsrate beim diabetischen Fuß wesentlich vermindert werden kann.
Bei Fibrinogenwerten über 200 mg/dl ist die Gefäßsituation als ungünstig und über 300 mg/dl als gefährdend im Hinblick auf eine Gefäßokklusion einzustufen. In der Regel zeigen Patienten mit Mikroangiopathien Plasmafibrinogenwerte zwischen 400 und 600 mg/dl. Insofern plädierte der Referent für eine länger währende Fibrinogenreduktion auf Werte weit unter 100 mg/dl, da es dann zu keiner Erythrozyten-Aggregation mehr kommt. Unter diesem Wert verbessert sich die Mikrozirkulation innerhalb von circa vier bis sechs Wochen.
Als weitere Indikationsbereiche für RheoSorb sieht Richter Erkrankungen und Zustände mit häufig hoher Fibrinogeneinlagerung, zum Beispiel dilatative Kardiomyopathie, instabile Angina pectoris, Zustand nach Transplantation oder nach Bypass-Operation, Patienten mit zerebralen Durchblutungsstörungen, vaskuläre Erkrankungen der Retina, Sepsis, Hörsturz et cetera.
Dr. Robert Koll (PlasmaSelect AG, Teterow) nannte als optimales Therapieziel die Absenkung des Plasmafibrinogenspiegels auf Werte von 60 bis 90 mg/dl. Da zu Beginn der Behandlung stets ein rascher Wiederanstieg der Fibrinogenkonzentration und der Plasmaviskosität auftritt, ist anfangs eine Therapie alle 24 bis 48 Stunden erforderlich, später sind nur noch weiträumigere Behandlungsabstände nötig, da der Wiederanstieg sich zunehmend abschwächt.
Anders als bei der Dialyse wird der Patient durch die Behandlung – sie dauert in der ersten Sitzung durchschnittlich mehr als drei Stunden, in den Erhaltungstherapien circa eine Stunde – kaum belastet. Zwar ist die Therapie derzeit noch Kliniken vorbehalten, jedoch ist davon auszugehen, dass das Verfahren auch ambulant in entsprechenden Schwerpunkt- und Facharztpraxen durchführbar ist.
Koll bezeichnete das Verfahren als sicher, effektiv und gut verträglich. In Versuchen am Tier und an gesunden Probanden zeigte sich, dass weder die Blutgerinnung ungünstig beeinflusst wird noch histologische Organveränderungen oder Co-Elimination von anderen Proteinen, Hormonen, Elektrolyten auftraten. Die Referenten betonten, dass sie das Adsorptionsverfahren nicht als lebenslange Therapie erachten, sondern als effiziente Maßnahme in schwerwiegenden Akut-Situationen, wie der Entwicklung von Ulcus oder Gangrän beim Diabetiker.
Dr. Barbara Nickolaus

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema