ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2000Brisante Fragen in der Bioethik: Totschweigen – oder öffentlich ausdiskutieren?

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

Brisante Fragen in der Bioethik: Totschweigen – oder öffentlich ausdiskutieren?

Dtsch Arztebl 2000; 97(21): A-1455 / B-1238 / C-1161

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Ärzte, Philosophen und Psychologen diskutierten
über eine mögliche Einschränkung der Redefreiheit
bei brisanten bioethischen Themen.

arf man über alles diskutieren? Gibt es Grenzen der Redefreiheit? Kann man über alles öffentlich reden, worüber man akademisch disputiert? Antworten auf diese Fragen suchten die Akademie für Ethik in der Medizin und das Philosophische Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die gemeinsam Ende April eine Tagung in Düsseldorf zu dem Thema „Toleranz – Grenzen der Toleranz“ veranstalteten.
Ausgangspunkt war eine Diskussionsveranstaltung vor zwei Jahren in Göttingen, zu der der Mainzer Rechtsphilosoph Norbert Hoerster eingeladen war. Hoerster war durch umstrittene Stellungnahmen zu Sterbehilfe und Abtreibung bekannt geworden. Durch Proteste von Behinderten war die geplante Diskussionsrunde allerdings kurz nach deren Beginn gesprengt worden. Es folgte eine Reihe ähnlicher Vorkommnisse bei weiteren Veranstaltungen, zum Beispiel bei Kongressen, auf denen der australische Bioethiker Peter Singer reden sollte.
Angriffe auf die Meinungsfreiheit
Singer unterscheidet zwischen „lebenswertem“ und „lebensunwertem“ Leben. Für Patienten, die für immer das Bewusstsein verloren haben, oder für Kinder, die ohne oder fast ohne Gehirn geboren sind, habe das Leben keinen subjektiven Wert. Es bestehe daher, so Singer, normalerweise kein patientenbezogener Grund, diese Menschen am Leben zu erhalten. Singer tritt außerdem wie Hoerster für eine aktive Euthanasie ein (dazu DÄ 16/1990 und 23/1996).
Der Göttinger Philosoph Prof. Dr. phil. Günther Patzig hält solche Auffassungen für durchaus diskutabel und verurteilt scharf jegliche Beschränkung der Redefreiheit. Er selbst sei zwar gegen eine „Früheu-
thanasie“ Neugeborener, plädiere aber für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe bei Patienten, die ausdrücklich darum bitten und deren Leiden bei aussichtsloser Krankheit auf andere Weise nicht gelindert werden könne. Die „fanatischen Gegner“ (Patzig) der Freigabe aktiver Euthanasie unterstellten, dass Medizinethiker wie
Hoerster eigentlich eine an nationsozialistische Untaten gemahnende „Eu-
thanasie“ anstrebten. Auf diese Weise seien die Ansichten Hoersters in bedenkenloser Weise entstellt worden. Patzig fordert einen entschiedenen Widerstand der Wissenschaftlergemeinschaft und der an einer freien Diskussion interessierten Öffentlichkeit gegen diese „gefährlichen Angriffe auf die verfassungsmäßig garantierte Meinungsfreiheit“. Das Tabuisieren bestimmter Themen wie der
aktiven Sterbehilfe sei, so Patzig, grundsätzlich abzulehnen.
Der Trierer Philosoph Prof. Dr. phil. Anselm Müller vertrat dagegen die Auffassung, dass auch der Toleranz Grenzen gesetzt werden müss-
ten. So sollte zum Beispiel ein Vor-
trag über Folter unter Umständen nicht geduldet werden, da ein solcher Vortrag unter anderem zum Bösen und zur Rechtsverletzung anstiften könne. „Auf einer tieferen Ebene kann Nichtduldung hier ein Erfor-
dernis moralischer Integrität sein“, sagte Müller. Sein Beispiel auf die Proteste der Behinderten übertragend, stellte er lakonisch fest: „Die Behinderten haben völlig Recht. Wenn sie nicht gegen solche und ähnliche Veranstaltungen protestiert hätten, wären sie in ihrer Menschenwürde beeinträchtigt worden.“
Auch der Hamburger Psychologe Dr. Michael Wunder betonte, dass das Lebensrecht von Menschen nicht diskutierbar sein könne. Von der permanenten Dauerinfrageinstellung des Lebensrechtes von Menschen mit schweren Behinderungen, mit genetisch bedingten Erkrankungen, von Menschen, die sich im Wachkoma befinden, oder Sterbenden gehe eine wirkliche Gefahr aus.
So habe die Permanenz dieser Debatten eine eskalierende Wirkung. Aus einer Bundesdrucksache vom vergangenen Jahr gehe zum Beispiel eine geheime „Erfolgsstatistik“ der selektiven pränatalen Diagnostik hervor. Die Zahl der Neugeborenen mit Spina bifida habe sich danach in den Jahren 1973 bis 1990 von 18,6 auf 7,7 je 100 000 reduziert; die Zahl der Neugeborenen mit Down-Syndrom im gleichen Zeitraum von 13,5 auf 8,7. Die offizielle Position der Humangenetik laute aber nach wie vor: Sie stelle im Bereich der pränatalen Diagnostik nur Wissen zur Verfügung, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Embryo oder ein Fetus behindert geboren wird oder nicht. Ob dieses Wissen dann in eine Abtreibung mündet, sei allein Sache der Eltern beziehungsweise der Frau. Dieses Verleugnen der eigenen Wirkung kennzeichne heute in weiten Teilen die gesamte Biomedizin und Bioethik.
„Strafbarer Aufruf
zum Mord“
Wunder fordert deshalb, dass in einer Diskussion nicht immer alles gesagt wird. „Genauso wie die Behauptung, es habe die Gaskammern von Auschwitz nicht gegeben, heute unter Strafandrohung steht, muss meiner Meinung nach juristisch geprüft werden, ob Singers Überlegungen zur ethischen Vertretbarkeit der Tötung nicht einen strafbaren Aufruf zum Mord enthalten.“ So wenig er die Behauptung der Auschwitzlüge oder den Aufruf zum Kindermord für eine Frage der Toleranz und der Redefreiheit halte, so sehr glaube er aber „dass es natürlich nicht generell um Redebeschränkungen, Publikationsverhinderungen oder Diskussionsabbrüche gehen kann und darf“.
Auf die unterschiedlichen Arten der Verhinderung einer Diskussion brisanter medizinethischer Themen wies Prof. Dr. phil. Dieter Birnbacher, Universität Düsseldorf, hin. Sie hätten von Absagen von Veranstaltungen bis zur Anwendung physischer Gewalt gereicht. Teilweise habe es sich um öffentliche, teilweise um akademische Diskussionsrunden gehandelt. Außerdem seien auch nicht alle Themen gleichermaßen umstritten. Birnbacher machte darauf aufmerksam, dass selektiver Schwangerschaftsabbruch nach pränataler Diagnostik – „also immerhin eine Form aktiver Tötung“ – nach geltendem Recht sogar bis zur Geburt zugelassen sei. Aktive Sterbehilfe sei zwar rechtlich verboten, werde aber für bestimmte Fälle nach Umfragen von einer substanziellen Mehrheit bejaht. Birnbacher ist der Ansicht, dass den Vertretern von Minderheitspositionen weitergehende Freiheiten zugestanden werden sollten als den Vertretern der Mehrheitsposition.
Ausgewogenheit der Themenvorschläge
Er fordert dazu auf, nach dem Gebot der Schadensvermeidung vorzugehen: „Der Schaden durch Verhinderung freier Diskussion muss gegen Schaden durch Diskussion abgewogen werden.“ Diese Argumention, bei der sich Birnbacher auf die Ausführungen des Philosophen John Stuart Mill stützt, träfen allerdings auf die Diskussion über moralische Fragen nur bedingt zu. Selbst eine grundfalsche Meinung könne ein Körn-
chen Wahrheit enthalten, das eine Überprüfung lohne. Und ob im Zusammenhang von moralischen Fra-
gen überhaupt von „Wahrheit“ und „Falschheit“ gesprochen werden könne, sei fraglich.
Es gehe allerdings weniger um Wahrheit oder Falschheit als viel-
mehr um Gefährlichkeit. Doch auch über den Begriff des Schadens könne ebenfalls kontrovers diskutiert werden. „Kann etwa von einem Schaden nur bei aktivem Eingreifen gesprochen werden oder auch bei einem Geschehenlassen? Ist der Tod eines schwerstbehinderten Neugeborenen durch aktives Eingreifen ein Schaden, durch passives Geschehenlassen (,Liegenlassen‘) jedoch nicht?“
Nach Auffassung von Dr. phil. Carmen Kaminsky, Universität Düsseldorf, ist Toleranz „die freiwillige Entscheidung, einen begründeten missbilligten Sachverhalt, Umstand oder Zustand zu erdulden“. Die Entscheidung zur Toleranz sei dann klug, wenn fundamentale Überzeugungen und Absichten durch das Erdulden des Missbilligten nicht gefährdet oder korrumpiert würden oder wenn die Mittel der Intoleranz moralisch nicht zur rechtfertigen seien. Wichtig sind bei Diskussionen zu umstrittenen Themen, so Kaminsky, Strategien der Konfliktbewältigung, Taktgefühl und eine Ausgewogenheit der Themenvorschläge, um nicht zum äußersten Mittel zur Bewahrung der Redefreiheit greifen zu müssen: dem Einsatz der Polizei. Gisela Klinkhammer

Demonstration von Behinderten gegen die Berufung Peter Singers an die Universität Princeton Foto: ap
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