ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2000Börsebius zu Steueroasen: Wundersame Wiener Sparbuchhausse

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zu Steueroasen: Wundersame Wiener Sparbuchhausse

Dtsch Arztebl 2000; 97(21): [72]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Wie viele Sparbücher gibt es in Österreich? Na ja, komische Frage, werden Sie vielleicht denken, bei einer Anlageform mit wirklich mickrigen Zinsen und acht Millionen Nachbarn samt seiner Babys und Greise jenseits der Landesgrenze dürfte es doch bestenfalls fünf Millionen „Bücherln“ geben.
Weit gefehlt. Noch weiter gefehlt. Die fünffache Zahl wäre richtig gewesen. Sage und schreibe 25 Millionen Sparkonten liegen in Österreich einfach so rum und haben noch nicht mal einen richtigen Namen, da die meisten dieser Bücher anonym geführt werden und offensichtlich gerade wegen dieser Namenlosigkeit ihren diskreten Charme entwickeln.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die meisten dieser „Bücherln“ im Besitz von Deutschen sind, die sehr gerne die Möglichkeit nutzten, anonym ein Konto selbst auf Fantasienamen wie Helmut Kohl oder F. J. S. zu eröffnen, um dort ihre Schwarzgelder vor dem Zugriff des Fiskus zu retten. Der „österreichische Weg“ wurde umso attraktiver, je mehr Luxemburg (Bankdurchsuchungen) ins Gerede kam und je dreister die Schweizer die Sparer mit Gebühren schröpften.
Allerdings hatten die internationalen Aufsichtsbehörden schon mit dem Beitritt Österreichs vor fünf Jahren Zeter und Mordio geschrien. Ihr erklärtes Ziel: den anonymen Steuerschlupflöchern den Garaus zu machen.
Mit Hängen und Würgen bequemten sich die österreichischen Behörden zu der Regelung, dass (erst) ab November dieses Jahres die Eröffnung anonymer Konten nicht mehr erlaubt ist. Das anonyme Abheben von Beträgen soll aber weiterhin möglich sein, und zwar bis 30. Juni 2002. Die schlitzohrigen Wiener nennen dieses Verfahren die „Eisberg-Methode“, nach der sich aufgelaufene Schwarzgelder und andere gewaschene Kapitalien langsam, aber sicher abschmelzen lassen.
Es kann aber durchaus sein, dass dieser Mauschellösung Ungemach droht. Der Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof wird vermutlich in Kürze eine geharnischte Stellungnahme gegen den Status quo abgeben. Die EU in Brüssel forderte Österreich darüber hinaus ultimativ auf, bis Ende des Monats ein neues Konzept über den Umgang mit anonymen Konten vorzulegen. Ein Steuerschlupfloch droht schneller zu versiegen als ausgedacht. Börsebius

Leserservice: Börsebius-Telefonberatung – Wie an jedem 1. Samstag im Monat können Sie auch am 3. Juni 2000 in der Zeit von 9 bis 13 Uhr Börsebius (Diplom-Ökonom Reinhold Rombach) anrufen. Wenn Sie also in Finanzdingen der Schuh drückt, wählen Sie bitte die 02 21/35 15 87. Die kostenlose Telefonberatung ist ein spezieller Service des Deutschen Ärzteblattes für seine Leser.
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