ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Anatomie: Tote der Lächerlichkeit preisgegeben

SPEKTRUM: Leserbriefe

Anatomie: Tote der Lächerlichkeit preisgegeben

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1496 / B-1271 / C-1139

Saternus

Zu dem Beitrag „Anatomie für die Öffentlichkeit“ Pro von Prof. Dr. med. W. Kriz und Kontra von Prof. Dr. med. Dr. phil. K. Bergdolt in Heft 9/2000:
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LNSLNS . . . Ein gleichberechtigtes Pro und Kontra im Deutschen Ärzteblatt zu der Ausstellung Körperwelten legt zugrunde, dass es ins Belieben der Ärzteschaft gestellt sei, sich für oder gegen eine solche Exhibition entscheiden zu können. Wie jedoch mit einem toten Menschen umzugehen ist, hängt nicht primär von der persönlichen Ausdeutung der Pietät ab.
Vielmehr gibt es rechtliche Regelungen (Personenstandsgesetz und Bestattungsgesetze der Länder sowie das Strafgesetz), nach denen klare Regelungen bestehen. Danach gibt es in Deutschland eine Bestattungspflicht für tote Menschen, und zwar unabhängig davon, ob eine Einbalsamierung erfolgt ist oder nicht. Die Einbalsamierung durch Kunststoff (Plastination) ändert nichts an der Pflicht zu bestatten. Die Bestattung hat die Aufgabe, einen Ort der Trauer für die Angehörigen zu geben und unter Beachtung seuchenhygienischer Aspekte die Toten ruhen zu lassen, bis sie zu Erde werden.
Durch die Verbrennung (Kremierung) kann das schneller erfolgen. Verhindert die Kunststoffimprägnierung diesen Vorgang, wie behauptet wird und glaubhaft erscheint, stellt sich hier bereits die Frage einer Unzulässigkeit für dieses Vorgehen.
Dass dieser Kunststoff im Krematorium verbrannt werden dürfte, muss bezweifelt werden, somit kann dauerhaft keine Bestattung erfolgen. Das will der Gesetzgeber jedoch nicht. Die Bestattung eines toten Menschen darf lediglich aufgeschoben werden.
Grundlage ist eine letztwillige Verfügung, nach dem Tod der Allgemeinheit mit dem Körper dienen zu wollen. Darunter wird nach Gaedke ein Altruismus zugunsten der Ausbildung der Studierenden der Medizin und zugunsten der Forschung am menschlichen Organismus, also für eine qualitative Hebung und Sicherung der Heilkunde verstanden. Eine temporäre Bestattung in einer wissenschaftlichen anatomischen Sammlung ist daran gebunden zulässig.
Die Bestattungsfristen sind weiterhin bei einer Beschlagnahme des Toten bis zur Freigabe zur Beerdigung ausgesetzt. Die Umwandlung eines toten Menschen in ein Kunststoffpräparat kennen die Bestattungsgesetze und weiteren gesetzlichen Regelungen nicht.
Die von den Ausstellern dazu geäußerte Meinung, dass nämlich mit der Kunststoffeinbalsamierung der tote Mensch in dem Kunststoff aufgehe, zum reinen Präparat werde, bei dem auch Trauer aufhöre, und nicht umgekehrt der Kunststoff in den toten Menschen appliziert werde, kann medizinisch nicht überzeugen.
So wird auch auf der anderen Seite die Imprägnationstechnik unter dem Aspekt der real anfassbaren Anatomie in der Ausstellung Körperwelten demonstriert.
Prof. Kriz stellt im DÄ fest, dass der Laie erkennen solle, wie der Mensch „von innen“ aussehe. Genau da aber wird die Ausstellung anstößig, weil sie nämlich mit vielen Großpräparationen aus der inneren Sicht des Menschen eine abstruse Verzerrung dieser Sicht macht.
Der tote Mensch wird zum beliebig verformbaren Ausgangsmaterial, kein Gruseleffekt wird dabei ausgelassen. Weil es sich um ein böses Spiel mit dem toten Menschen, nicht um Aufklärung, nicht um Forschung, sondern um Verdinglichung zur Kommerzialisierung handelt, haben die Zeitschrift Ethik in der Medizin, haben die offiziellen Organe der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, also die medizinischen Fachgesellschaften, die sich außer der Anatomie sehr intensiv ärztlich mit dem toten Men-
schen beschäftigen, ablehnende Stellungnahmen veröffentlicht.
Der auch die Allgemeinheit beschäftigende Frage nach der Pietät, genauer gesagt, des ärztlichen Umgangs mit dem toten Menschen, soll nicht ausgewichen werden.
Gerade weil in der Anatomie Menschen persönlich letztwillige Verfügungen über sich treffen, um dort nach ihrem Tode bestimmungsgemäß hingebracht zu werden, ist es selbstverständlich, dass dort die Würde der Toten geachtet wird.
Es verwundert deshalb auch nicht, dass nach eigener Kenntnis viele Anatomen durch die Ausstellung Körperwelten die Würde der Toten verletzt sehen.
Auch in der Rechtsmedizin und in der Pathologie dienen die autoptischen Untersuchungen der toten Menschen nicht nur dem Fortschritt der Medizin, so um die Präzision diagnostischer Verfahren, den Erfolg oder Misserfolg von Therapieschemata zu überprüfen, sondern ganz konkret der Minderung von Ängsten, der Beseitigung zu Unrecht bestehender Schuldvorwürfe von Angehörigen Gestorbener.
Mit der Verwischung originärer ärztlicher Aufgaben mit Gruseleffekten sowie der Lächerlichkeit preisgegebener Toter auf dem Jahrmarkt in Mannheim und Köln erfolgt keine Demokratisierung, sondern eine gezielte kommerzielle Preisgabe ärztlicher Pflichten im Umgang mit anvertrauten lebenden und toten Menschen.
Prof. Dr. med. Saternus, Institut für Rechtsmedizin der Universität Göttingen, Windausweg 2, 37073 Göttingen
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