ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinGeldanlage 1/2000Das Finanzamt als stiller Teilhaber: Spekulationsgewinn richtig planen

Supplement: Geldanlage

Das Finanzamt als stiller Teilhaber: Spekulationsgewinn richtig planen

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): [6]

PJ

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LNSLNS „Vergessene“ Spekulationsgewinne können teuer werden. Bei einer Steuerprüfung in der Praxis fällt der Blick schnell auch auf private Konten – besonders die getätigten Wertpapiertransaktionen. Die Regelungen sehen allerdings auch Schlupflöcher vor.

Börsianer, die sich in den vergangenen sechs Monaten gezielt in den Spitzentiteln des Neuen Marktes engagiert haben, können sich freuen: Nicht selten konnten sie ihr Geld in wenigen Wochen verdoppeln oder sogar verdreifachen. Aber auch mit Standardwerten, Neuemissionen oder ausländischen Papieren winkten oftmals beträchtliche Gewinne. Wie schnell die Träume jedoch platzen können, haben die vergangenen Wochen eindrucksvoll bewiesen: Der DAX gab zeitweise mehr als zehn Prozent nach, am Neuen Markt erreichten die Verluste in manchen Fällen bis zu 50 Prozent.
Ein schneller Verkauf zur Sicherung der Profite ist jedoch nicht immer die optimale Lösung. Denn Gewinne aus Veräußerungsgeschäften – so die neue Bezeichnung für Spekulationsgewinne – sind immer dann steuerpflichtig, wenn zwischen Kauf und Verkauf noch keine zwölf Monate verstrichen sind (Immobilien: zehn Jahre) und wenn der Anleger mit allen Veräußerungsgeschäften mehr als 999,99 DM pro Jahr erzielt hat. Bei Ehegatten, die gemeinsam Spekulationsgeschäfte betreiben, verdoppelt sich diese Grenze auf 1 999,98 DM.
Schon ein geringfügiges Überschreiten führt allerdings dazu, dass der gesamte Spekulationsgewinn steuerpflichtig wird. Die Zwölf-Monats-Frist gilt übrigens für alle Wirtschaftsgüter, also zum Beispiel auch für den günstig gekauften Gebrauchtwagen, der mit hohem Gewinn weiterveräußert wird.
Droht jedoch die Steuerpflicht, lohnt sich – insbesondere für Anleger mit Spitzensteuerbelastung – gerade bei Aktien das genaue Nachrechnen. In vielen Fällen ist ein möglicher Kursrückgang weniger gravierend als die volle Versteuerung des Veräußerungsgewinns. Sinnvoll ist es daher vielfach, das Engagement selbst dann beizubehalten, wenn der Aktienkurs in den kommenden Monaten aller Voraussicht nach zurückgehen sollte.
Grenze für Verluste setzen
Entscheidend ist allein die Frage nach dem möglichen Risiko. Muss bei einem Standardwert mit einem Kursrückgang um maximal 20 bis 30 Prozent gerechnet werden, da das Unternehmen immer noch günstige fundamentale Kennzahlen aufweist, lohnt sich meist die Beibehaltung des Engagements. Droht jedoch ein Verlust von mehr als 50 Prozent, weil das Unternehmen weder Gewinne erwirtschaftet hat noch auf einen nennenswerten Kapitalstock zurückgreifen kann, dann ist der schnelle Verkauf oftmals die einzig sinnvolle Lösung.
Doch auch bei einem Verkauf innerhalb der Zwölf-Monats-Frist gibt es Möglichkeiten, die staatliche Beteiligung zu reduzieren. So können alle Kosten, die in Zusammenhang mit der Transaktion entstanden sind, als Werbungskosten geltend gemacht werden. Zudem können alle innerhalb der geltenden Frist realisierten Kursverluste gegen die entstandenen Gewinne aufgerechnet werden.
Gerade daraus ergeben sich Gestaltungsmöglichkeiten. Anleger, die vor Jahresfrist ihr Depot nach „Verlustkandidaten“ durchforsten und diese noch rechtzeitig innerhalb der Zwölf-Monats-Frist verkaufen, beteiligen den Fiskus an den roten Zahlen. Auch Genussscheine können – zumindest im Einzelfall – eine Lösung sein, um unliebsame Spekulationsgewinne zu reduzieren. Werden sie kurz vor der Ausschüttung erworben und nach dem Zahltermin wieder verkauft, errechnet sich in der Regel ein steuerbegünstigter Spekulationsverlust. Hingegen kann der Ausschüttungsbetrag selbst möglicherweise steuerfrei eingenommen werden, wenn zusammen mit den anderen Zinseinkünften die geltenden Freibeträge (3 100 DM/6 200 DM für Ledige/Verheiratete) nicht überschritten werden.
Die Verlustverrechnung ist im Übrigen nicht mehr allein mit Gewinnen aus dem gleichen Jahr möglich. Spekulationsverluste können auch auf die Folgejahre vorgetragen und mit dann erzielten Gewinnen verrechnet werden. Lediglich die Verrechnung mit anderen Einkunftsarten bleibt weiter verboten. Es lohnt sich daher, eingetretene Verluste in jedem Fall beim Finanzamt zu deklarieren, um so den Verlustvortrag sicherzustellen.
Vorteile ergeben sich schließlich, wenn der Anleger immer wieder mit demselben Papier handelt. Zur Berechnung des Spekulationsgewinns werden nur die Aktien herangezogen, die zweifelsfrei innerhalb der Zwölf-Monats-Frist gekauft und wieder verkauft wurden. Hat ein Anleger also am 15. Juni 1999 bereits 100 Aktien gekauft und den Bestand am 15. Oktober 1999 um weitere 100 aufgestockt, dann kann er vom 16. Juni 2000 an in jedem Fall 100 Stück verkaufen – und dies unabhängig davon, ob der Anleger gedanklich die erste Position oder aber die zuletzt erworbenen Titel abgibt.
Kein Anleger sollte darauf vertrauen, dass Spekulationsgewinne vom Fiskus unentdeckt bleiben. So muss jeder Selbstständige mit Steuerprüfungen rechnen, die sich in der Regel zwar auf den betrieblichen Bereich erstrecken. Sollte sich dabei allerdings – beispielsweise durch einen falsch verbuchten Beleg – herausstellen, dass auch Wertpapiergeschäfte betrieben werden, ist eine Ausweitung der Prüfung auf die Privatkonten schon fast programmiert.
Auch über eine Kapitalflussrechnung können Spekulationsgewinne schnell an das Licht der Öffentlichkeit kommen: Hat ein Steuerzahler am Neuen Markt einige Hunderttausend DM Gewinn erzielt, die er zum Beispiel in ein luxuriöses Auto oder eine neue Villa investiert, sind Fragen nach der Herkunft der Gelder schon fast sicher. Nur Anleger, die hier eine „weiße Weste“ nachweisen können, werden dann noch Freude am Erworbenen haben. PJ
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