ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinGeldanlage 1/2000Aktienempfehlungen: Männer, Macht und Misserfolge

Supplement: Geldanlage

Aktienempfehlungen: Männer, Macht und Misserfolge

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): [4]

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LNSLNS Gibt es eigentlich Leute, die an der Börse das Sagen haben? Wer oder was letztlich das Auf und Ab der Kurse bestimmt oder eben nicht, das analysiert der DÄ-Kolumnist „Börsebius“.

Schnell reich werden an der Börse – wer wollte das nicht? In den letzten Monaten wurden die Leser von Wirtschaftsmagazinen mit Empfehlungen und Tricks überhäuft, sodass scheinbar selbst Kleindoof nichts mehr falsch machen konnte. Doch die Erfahrungen der jüngsten Zeit (Neuer Markt, Deutsche Telekom, Siemens) belegen eindrucksvoll, dass nichts verwerflicher sein kann, als veröffentlichten Erfolgsrezepten und Geheimtipps zu folgen.
Subtiler erscheint da schon die Idee, sich einem wirklichen Könner anzuvertrauen, der sowohl Grips wie auch das entsprechende Kleingeld hat. Einem echten Aktienguru treu zu folgen, das wäre doch genau das Richtige. Doch was gedanklich gewissen Charme hat und auch eine Weile gut gehen mag, kann im rauhen Auf und Ab des Börsendschungels ziemlich danebengehen.
Jäher Absturz
Dass auch regelrechte Börsenlegenden nicht davor gefeit sind, den Börsenalltag ungerupft zu überstehen, lässt sich an George Soros wunderbar zeigen. Der Mann stand jahrelang in dem Ruf, ein goldenes Händchen zu haben. Vor rund acht Jahren ging sein Name um die Welt. Der gebürtige Ungar „erdreistete“ sich, den Währungshütern um den Globus zu trotzen und das britische Pfund frontal anzugreifen. Seine Spekulation gegen den Markt brachte ihm (und seinem Quantum Fonds) in zwei Wochen den sagenhaften Gewinn von einer Milliarde US-Dollar ein.
Am Ende des Jahrtausends war das Vermögen der Soros-Gruppe auf 20 Milliarden Dollar angewachsen. Anleger aus aller Welt wollten von dem Mann und seinem Wissen profitieren, der es wagte, gegen das Finanzestablishment anzutreten. Dann kam der Kollaps. Die Börsenlogik, wonach viel Geld zu viel Risiko verleitet, setzte sich unerbittlich durch. Das vom Soros-Management eingegangene Risiko wurde umso größer, je mehr Kapital zufloss und je mehr die überzogenen Erwartungen der Anleger nicht enttäuscht werden sollten. Ein Teufelskreis mit Ansagen quasi. Folge: Die Soros-Fonds verloren seit Jahresbeginn rund ein Drittel ihres Wertes.
Hinter dem Drama verbirgt sich durchaus kein Einzelfall. Auch andere prominente Vertreter der Szene mussten in letzter Zeit Federn lassen, so Warren Buffet. Der Amerikaner genießt seit mehreren Jahrzehnten den Ruf, ein überaus seriöser und konservativer Finanzanalyst zu sein.
Lange Zeit war es genau richtig, seiner Anlagestrategie zu folgen, nämlich unterbewertete Aktien zu kaufen und einfach liegen zu lassen. Aber auch dieser Börsenguru geriet mit seinem Fonds Berkshire-Hathaway in schweres Gewässer. In den letzten zwei Jahren fiel das Buffet-Vermögen um nahezu 50 Prozent. Zu lange hatte der US-Investor auf Coca-Cola gesetzt und im Getränkekonzern eine riesige Aktienposition aufgebaut, letztlich mit erheblichen Verlusten. Ziemliches Pech für alle Anleger, die einer zwar jahrelang richtigen Strategie vertrauten, aber zum falschen Zeitpunkt auf dem falschen Fuß erwischt wurden.
Geld zurück – zumindest den Rest
Ein anderer berühmter Finanzanalyst, Julian Robertson, warf sogar entnervt das Handtuch, schloss seinen Fonds Tiger Management LLC und zahlte das (übriggebliebene) Geld an die Anleger zurück. Das Szenario der Berühmtheiten ist im Übrigen symptomatisch für die gesamte Analystenzunft. Solange die Börsenindizes nach oben laufen, wird an der Klasse der Experten nicht gezweifelt. Gleichwohl schafft es selbst dann kaum einer der Vielgepriesenen, den Index zu schlagen. Mit anderen Worten: Der wirklich Erfolgreiche ist der steigende Aktienindex und eben nicht der Börsenexperte.
Das hat auch damit zu tun, dass an der Börse ein ausgeprägter Herdentrieb herrscht. Sind Internet-Aktien in, springen alle auf den Technologiezug auf. Wenn die Branche out ist, wie derzeit, werden die Papiere genauso schnell wieder abgestoßen. Zu groß ist die Angst der einzelnen Analysten, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden und dann keine oder eine schlechtere Performance als die Kollegen zu erwirtschaften. Die Kreativität bleibt auf der Stecke. Das Paradox, einerseits mächtig zu sein und Billionen zu verwalten, aber andererseits wie die Schlange auf die Performance zu starren und sich wie Lemminge zu verhalten, ist augenscheinlich. Viele Analysten leben offenbar nach dem Motto: Das Risiko ist überall, lass es uns teilen. RR
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