ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinGeldanlage 1/2000Neuer Markt: Wachsam sein, defensiv handeln

Supplement: Geldanlage

Neuer Markt: Wachsam sein, defensiv handeln

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): [3]

PJ

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LNSLNS Kein Börsensegment war in den vergangenen Jahrzehnten so erfolgreich wie der Neue Markt, kein Bereich brachte zudem derart hohe Zuwachsraten. In den vergangenen Wochen wurde Neuen-Markt-Fans unter den Kapitalanlegern jedoch das Fürchten gelehrt.

Anleger, die sich auch am Neuen Markt nach dem unlängst verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany gerichtet haben, konnten nicht viel falsch machen: „Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen – und nach ein paar Jahren werden Sie eine sehr positive Überraschung erleben.“ So lautete seine Maxime. Wer diesem Rat auch am Neuen Markt gefolgt ist, hat es in der nur drei Jahre alten Geschichte dieses Börsensegments möglicherweise zum Millionär gebracht: Die meisten Aktien haben sich verzehnfacht, viele auch verhundertfacht, und manche – wie etwa das Papier des Medien-Boomers EM.TV – brachten es sogar auf weit über 25 000 Prozent Gewinn.
Doch es waren keineswegs Einzelwerte, die sich zum Renner entwickelten. Der NEMAX-50-Index, der die Kursentwicklung der 50 wichtigsten Titel des Neuen Marktes widerspiegelt, kletterte schon im Jahr 1998 von 1 000 auf 3 200 Punkte – allerdings unter beträchtlichen Schwankungen. 1999 stieg das Börsenbarometer weiter auf rund 5 000 Punkte. Im Zuge einer phänomenalen Haussewelle schnellte der Index im laufenden Jahr deutlich nach oben, um am 10. März 2000 mit 9 603 Punkten ein – zumindest vorläufiges – Rekordhoch zu markieren.
Schwer war es keineswegs, Gewinne zu machen: „Zurückgebliebenen Technologiewert heraussuchen, kaufen, zwei Wochen warten und dann mit 100 Prozent Plus verkaufen“ – so lautete die Strategie vieler Börsianer, die am Neuen Markt auf das schnelle Geld setzten. Fragen nach fundamentalen Daten, Bewertungen vergleichbarer Unternehmen oder gar nach der Dividendenentwicklung sorgten allenfalls für müdes Lächeln oder verständnisloses Kopfschütteln.

„Bild dir dein Depot“
Die vermeintlich mühelosen Gewinne lockten auch viele Sparer an, die sich bis dahin noch nie für Aktien interessiert hatten. Und seit sogar die traditionell eher aktienfeindliche Bild-Zeitung für den Neuen Markt zu schwärmen begann, war den Beteiligungswerten endgültig der fade Beigeschmack des „Großkapitalismus“ genommen. Die Entwicklung führte so weit, dass es längst nicht mehr die innovativen Unternehmen des Neuen Marktes waren, die auf der Haussewelle ritten. Gefragt war alles, was auch nur entfernt mit Technologie zu tun hat – angefangen von SAP über Deutsche Telekom bis hin zur neuen Infineon, deren Aktie beim Börsengang um mehr als 30fach überzeichnet wurde.
Erfahrene Börsianer erinnert die aktuelle Entwicklung jedoch frappierend an die Lage im Sommer 1987. Auch damals kletterten die Kurse um zweistellige Prozentsätze, auch damals wurden Warnsignale wie steigende Zinsen oder Unsicherheiten an der Währungsfront ignoriert. Kleinanleger begeisterten sich zunehmend für die Börse. Die „Zittrigen“ – wie unerfahrene Anleger von Börsenaltmeister Kostolany tituliert wurden – hatten die Macht übernommen. Der einzige bedeutende Unterschied zu heute: Seinerzeit waren fast alle Werte gesucht, heute wechseln die Favoriten oftmals von Woche zu Woche.
Die weitere Entwicklung ist bekannt. Es genügten wenige kleine „Zündfunken“, um die Spekulationsblase zum Platzen zu bringen. Nach einem anfangs nur leichten Kursrückgang setzte eine Verkaufspanik ein, denn nun fürchteten die Kleinspekulanten um ihre Ersparnisse. Innerhalb weniger Wochen verlor der Markt mehr als 40 Prozent, spekulative Werte büßten oftmals mehr als 70 Prozent ein. Gut verdienen konnten indes institutionelle Anleger. Sie kauften die Papiere der „Zittrigen“ zu niedrigen Preisen auf und waren bei der nachfolgenden Hausse von Anfang an dabei.
Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass auch am Neuen Markt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Innerhalb weniger Tage brach der NEMAX-50 auf unter 6 500 Punkte ein. Selbst wenn das Börsenbarometer unmittelbar danach schon wieder überdurchschnittlich zulegen konnte, zeigt diese Entwicklung doch die Labilität des Marktes. Nicht wenige Börsianer fürchten in den kommenden Monaten ein endgültiges Platzen der „Spekulationsblase“, das manchen hochgepuschten Wert wieder auf den Boden der Realität zurückführen könnte. Gerade jetzt sollten Anleger daher besonders wachsam sein und eine eher defensive Strategie fahren.
Chancen für ruhige Investoren
Wichtiger als vage Zukunftsfantasien sind in Zukunft reale Tatsachen, bedeutsamer als Gewinnerwartungen für das Jahr 2005 sind die Zahlen von heute und vielleicht noch morgen. Investoren, die sich der allgemeinen Zockermentalität entziehen können, den Markt und ihren Depotbestand beobachten und gegebenenfalls schnell entscheiden, sollten – zumindest langfristig – weiterhin gute Gewinne erzielen können. Denn schließlich wurde auch 1987 der Grundstein für die nächste Hausse gelegt – selbst wenn viele Anleger dann schon nicht mehr dabei waren. PJ
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