ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Fortpflanzungsmedizin: Absage an jede Art eugenischer Zielsetzung

POLITIK: Leitartikel

Fortpflanzungsmedizin: Absage an jede Art eugenischer Zielsetzung

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1503 / B-1279 / C-1200

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer möchte das Embryonenschutzgesetz durch ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz ablösen.

Die Geburt des ersten „Retortenbabys“ Louise Joy Brown hatte im Jahr 1978 für weltweites Aufsehen gesorgt. Heute ist die In-vitro-Fertilisation (IvF) in vielen Ländern Routine. In Deutschland sind den Methoden der Fortpflanzungsmedizin durch das Embryonenschutzgesetz (EschG) Grenzen gesetzt. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer will dies jedoch durch ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz abgelöst sehen, da ihr die Gesetzgebung von 1991 nicht mehr zeitgemäß erscheint. Zur besseren „Entscheidungsfindung“ hatte sie Ende Mai rund 600 Ärzte, Natur- und Geisteswissenschaftler, Juristen sowie Politiker zu einem dreitägigen Symposium nach Berlin eingeladen. Dort zog sich vor allem die Problematik der Präimplantationsdiagnostik (preimplantation genetic diagnosis = PGD), der auch ein eigener Tagesordnungspunkt gewidmet war, wie ein roter Faden durch die Diskussion. Es ging unter anderem aber auch um den Einsatz von Keimzellspenden sowie die Gewinnung und Verwendung humaner embryonaler Stammzellen.
Mit Hilfe der Fortpflanzungsmedizin könne ein Kinderwunsch Realität werden, auch wenn die biologischen Voraussetzungen dagegen sprächen, sagte Fischer zu Beginn der Veranstaltung. „Was jedoch aus Sicht des Einzelnen ein Fortschritt ist, kann Konsequenzen haben, die die Gesellschaft womöglich ganz grundlegend verändern.“ Die Möglichkeit, individuelles Leid zu verhindern, bedeute keine Rechtfertigung dafür, auch alles Machbare zu tun. Durch die neuen Techniken könne ein Klima entstehen, das den perfekten Menschen immer mehr zur Norm werden lasse und das es schließlich als rechtfertigungsbedürftig erscheinen lasse, wenn ein behindertes Kind zur Welt kommt. Diese Auffassung wurde von zahlreichen Teilnehmern des Symposiums geteilt. So sagte Prof. Dr. rer. biol. habil. Elmar Brähler, Leipzig, dass die Entwicklung der medizinischen Technik im Einzelfall zur programmierten Zeugung im Labor unter Einbeziehung von individuellen und sozial akzeptierten Wunschkriterien führen könnte. Die Männer würden zu Statisten degradiert, die Frauen würden zu Objekten der Lust, die Kinder zu Produkten. Mehrere Vertreter von Behindertenverbänden verwahrten sich ebenfalls dezidiert gegen jegliche Form selektiver pränataler Diagnostik.
Kritik an PGD
Einem „Machbarkeitswahn“ erteilte auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, eine Absage. Er warnte aber gleichzeitig davor, die Vorteile der modernen Fortpflanzungsmedizin zu übersehen. So bewerteten kinderlose Ehepaare die Reproduktionsmedizin oft als letzte Möglichkeit, ihrem Leiden mit Hilfe fortpflanzungsmedizinischer Technik begegnen zu können. In Deutschland sei es in den letzten Jahren zu einer enormen Ausweitung im Bereich der Reproduktionsmedizin gekommen. Neue wissenschaftliche Entwicklungen und molekularbiologische Kenntnisse hätten es außerdem möglich gemacht, im Rahmen der In-vitro-Fertilisation die Anlage schwerster genetischer Erkrankungen – allerdings nur solcher – durch die PGD schon in einer sehr frühen Phase der Entwicklung menschlichen Lebens zu erkennen.
Doch gerade diese Art der Diagnostik stieß auf scharfe Kritik zahlreicher Kongressteilnehmer. „Präimplantationsdiagnostik ist de facto Eugenik, unabhängig von den Absichten oder Einstellungen derjenigen, die sie praktizieren“, betonte Privatdozentin Dr. phil. Kathrin Braun, Hannover. Für Dr. med. Dr. phil. Barbara Meier, Salzburg, könnte durch die Anwendung von PGD eine fragwürdige Entwicklung von einem Wunsch nach einem Kind zu einem „Recht“ beziehungsweise einer „Pflicht“ zu einem gesunden Kind die Folge sein.
Der Theologe Prof. Dr. theol. Ulrich Eibach, Bonn, sieht die Präimplantationsdiagnostik sogar als mit dem Grundgesetz unvereinbar, nach dem die „Menschenwürde unantastbar und unverlierbar jedem Augenblick des Lebens von der Zeugung bis zum Tod zugeeignet ist“. Mit der PGD werde gegen dieses Verständnis von Menschenwürde verstoßen, „dadurch, dass eine konflikthafte Konkurrenz zwischen dem Leben des Embryos und den Lebensinteressen der Frau beziehungsweise des Paares nicht naturhaft schon vorliegt, sondern erst durch das bewusste Handeln Dritter, der Ärzte, hervorgerufen wird mit dem Ziel, die Embryonen bei mangelnder Qualität zu verwerfen“. PGD öffne die Tore zu weitergehenden Selektionen von und Manipulationen an Embryonen.
Hoppe betonte dagegen, dass ein sehr restriktiver Einsatz der Präimplantationsdiagnostik eine deutliche Absage an jede Art von eugenischer Zielsetzung und Selektion begründe. Da die Medizin mit dieser diagnostischen Möglichkeit in Grenzbereiche ärztlichen Handelns vordringe, habe die Bundes­ärzte­kammer durch ihren Wissenschaftlichen Beirat einen „Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik“ vorgelegt“ (Heft 9/2000). Darauf, dass im Zusammenhang einer Diskussion über PGD auch über den Paragraphen 218 StGB neu nachgedacht werden müsse, hatte Hoppe bereits auf dem 103. Deutschen Ärztetag in Köln hingewiesen. Der Frankfurter Neonatologe Prof. Dr. med. Volker von Loewenich wies darauf hin, dass der menschliche Embryo im Glase strikten Schutz genieße, während er im Uterus nur sehr eingeschränkt geschützt sei. Beim nicht implantierten Embryo treffe der Tod ein so gut wie nicht ausdifferenziertes Individuum. Die Alternative zum Nichtimplantieren sei die gesetzlich mögliche Abtreibung, bei der ein viel weiter ausdifferenziertes menschliches Wesen getötet würde, über dessen Leidensfähigkeit man nichts Genaues wisse. Vor allem aber für die betroffene Frau sei die Abtreibung die weitaus traumatischere Intervention.
Braun vertrat die Auffassung, dass die Schwangerschaft ein einzigartiger „Umstand“ sei, der mit keinem anderen gleichgestellt werden könne. Der Embryo beziehungsweise Fötus könne nicht durch Dritte gegen den Willen der Frau geschützt werden, ohne die Würde der Frau zu verletzen. Da dies bei Embryonen außerhalb des Frauenleibes nicht der Fall sei, könnten und müssten diese geschützt werden. PGD könne nicht mit Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau legitimiert werden.
Fischer wendet sich jedenfalls gegen eine neue Diskussion über die Abtreibungsgesetzgebung. Die bestehende Regelung sei Ergebnis einer langwierigen und schwierigen Kompromissfindung. Es gebe keine Veranlassung, diesen Kompromiss wieder infrage zu stellen, da die Möglichkeit der vorgeburtlichen Auswahl von Embryonen nicht mit einer tatsächlich eingetretenen Schwangerschaft verglichen werden könne. Die Ge­sund­heits­mi­nis­terin ist der Überzeugung, dass eine Verknüpfung mit der strafrechtlichen Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs jedwede Entscheidungsfindung in Sachen Fortpflanzungsmedizin unmöglich machen werde.
Konstruktive Diskussion
Doch sollte das Embryonenschutzgesetz überhaupt revidiert oder durch ein neues Gesetz abgelöst werden? Ebenso wie bei der PGD gehen auch bei dieser Frage die Meinungen auseinander. Im Bereich der Fortpflanzungsmedizin seien Staat und Ärzteschaft gleichermaßen gefordert, sagte Hoppe. Während die Ärzteschaft „sehr frühzeitig berufssrechtliche Regelungen zur Fortpflanzungsmedizin erlassen hat und laufend aktualisiert, ist es Sache des Bundesgesetzgebers, die vor allem sozialrechtlich erforderlichen Rahmenbedingungen für eine ethisch vertretbare Fortpflanzungsmedizin zu entwickeln“. Der Gesetzgeber wäre gut beraten, „die medizinischen und naturwissenschaftlichen Fragen sowie Fragen der ärztlichen Ethik im System ärztlicher Selbstverwaltung zu belassen“.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe lehnt jegliche Änderung des Embryonenschutzgesetzes ab. „Über Parteigrenzen hinweg besteht Einigkeit, dass der Schutz menschlicher Embryonen unangetastet bleiben muss.“ Doch eben dieser Schutz ist für Fischer durch das Gesetz offensichtlich nicht mehr eindeutig gewährleistet. Denn zum Beispiel bei der PGD gehen die Rechtsauslegungen auseinander. Während das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium die Präimplantationsdiagnostik mit dem EschG für unvereinbar hält, kommt Prof. Dr. med. Hermann Hepp, München, zu dem Schluss, dass die Präimplantationsdiagnostik an einer nicht mehr totipotenten Zelle mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar sei (dazu Heft 18/2000). Am Ende des Symposiums war sich Fischer in diesem Punkt sicher: Sie will in einem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz die PGD verbieten. Auch der Genehmigung einer Eizellspende stehe sie nach wie vor skeptisch gegenüber. Der möglicherweise zu regelnde Widerspruch bei der Verwendung embryonaler Stammzellen sei ihr erst auf dem Symposium wirklich deutlich geworden. Diese Problematik hatte Prof. Dr. iur. Dr. h. c. Rüdiger Wolfrum erläutert. Er hatte darauf aufmerksam gemacht, dass die fremdnützige Forschung an Embryonen in Deutschland weitgehender als in anderen Staaten verboten sei. „Bleibt in Deutschland die Herstellung von embryonalen Stammzellen verboten, wäre es dann nicht konsequent, in Deutschland auch die Anwendungen aus den entsprechenden Forschungsarbeiten zu untersagen, um dem Vorwurf der doppelten Moral zu entgehen?“ fragte Wolfrum.
In vielen anderen Bereichen soll die Debatte, deren konstruktiven Beginn in Berlin die Ministerin begrüßte, fortgeführt werden. Deutlich wurde bei dem Symposium bereits jetzt, dass eine gesetzliche Regelung der angesprochenen Probleme, die nach dem Willen der Ge­sund­heits­mi­nis­terin noch in dieser Legislaturperiode durchgesetzt werden soll, nicht nur den Embryonenschutz betrifft, sondern Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftliche Wertehaltung haben wird. Gisela Klinkhammer
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