ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Arzneiverordnungs-Report: Kritiker lässt nicht locker

POLITIK: Aktuell

Arzneiverordnungs-Report: Kritiker lässt nicht locker

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1505 / B-1281 / C-1201

Rieser, Sabine

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LNSLNS Seit längerem attackiert Hans-Joachim Maes den Arzneiverordnungs-Report. Im März hat er sich an zwei Staatsanwaltschaften gewandt. Nun gibt es Reaktionen.

Jahrelang erhitzte der Arzneiverordnungs-Report (AVR) im Herbst die Gemüter. Dann setzten sich seine Autoren kritisch mit dem Verordnungsverhalten der Ärzte auseinander. Wenn sich die Aufregung gelegt hatte, kehrte wieder Ruhe ein – bis zum nächsten Jahr. 1997 kam es zum großen Krach, und zwar wegen einer Liste so genannter umstrittener Arzneimittelgruppen. Drei Pharmafirmen erwirkten eine einstweilige Verfügung gegen die damalige Ausgabe (siehe unten). Der Druck auf die Publikation hält seitdem an.
Seit dem letzten Frühjahr gibt besonders ein Kritiker keine Ruhe: Hans-Joachim Maes, Kopf eines Unternehmens namens W + D Wissenschaft und Dokumentation und nach eigener Darstellung in dieser Sache auftraggeberunabhängig. Erst erschien sein Buch „Nachsicht: Arzneiverordnungs-Report 1986 bis 1998“, ein frontaler Angriff auf die wissenschaftliche Redlichkeit des Reports. Ein halbes Jahr später, nachdem die AVR-Ausgabe 1999 gedruckt war, ergänzte Maes seine Kritik.
Der Journalist ging stets das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) in Bonn an, das wesentlich für den Report verantwortlich ist. In erster Linie attackierte er aber den Herausgeber und Autor Prof. Dr. med. Ulrich Schwabe vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg. Er verwende seit Jahren dieselben Texte, seine Quellen seien überholt oder verfälscht wiedergegeben. Folglich gelange Schwabe zu falschen Schlussfolgerungen – mit erheblichen Folgen. Unter Hinweis auf die Erkenntnisse des Arzneiverordnungs-Reports würden von der Politik Entscheidungen getroffen, zum Beispiel über „umstrittene“ Arzneimittel.
Nun hat Maes sich im März sogar an die Staatsanwaltschaften in Bonn und Heidelberg gewandt. Er verlangt, dass sie gegen Schwabe und WIdO-Mitarbeiter wegen Betrugs und Untreue ermitteln. Maes ist der Auffassung, dass sie ihre vertraglichen Pflichten beim AVR nicht erfüllt haben, weil sie angeblich immer wieder identische Texte verwendeten, aber den Eindruck erweckten, es handele sich um neue Texte und Erkenntnisse.
Um seine Vorwürfe zu belegen, listet Maes zahlreiche Details über Herausgeberschaft und Vertragsgestaltung auf. Sie sind beim Arzneiverordnungs-Report nämlich kompliziert angelegt. Er wird von Schwabe und Dr. rer. oec. Dieter Paffrath herausgegeben, dem früheren Leiter des WIdO. Datengrundlage für die Analyse ist der GKV-Arzneimittelindex, den Paffrath entwickelt hat. Hierfür werden alle Verordnungsdaten auf Basis einer Rezeptstichprobe von rund vier Millionen Verordnungen zusammengetragen. Dabei sind die Spitzenverbände der Krankenkassen, die KBV und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände eingebunden. Aufbereitet wird der Index vom WIdO.
Diese Konstruktion spielte im Streit um die verbotene Fassung des Reports vor Gericht eine Rolle, in dem es auch um die Unabhängigkeit der Verfasser ging. Von Kassenseite wurde argumentiert, man habe auf die Autoren des Reports keinen Einfluss genommen. Das Landgericht Düsseldorf vertrat hingegen die Auffassung, es werde der Eindruck erweckt, dass die Autorität der Krankenkassen hinter der Aufstellung der umstrittenen Arzneimittel stehe. So werde als Anschrift Paffraths das WIdO genannt. Zwei Gremien mit Vertretern der Krankenkassen, darunter wohl eine Art Redaktionsbeirat, hätten sich mit dem Report befasst. Zudem habe Herausgeber Schwabe von Kassenverbänden direkt Zahlungen erhalten. In der Presse wurde hier in erster Linie der AOK-Bundesverband genannt.
Staatsanwaltschaft Heidelberg prüft noch
Und dessen Institut? Ende letzten Jahres drohte das WIdO Maes wegen seiner Vorwürfe mit einer Strafanzeige wegen falscher Verdächtigung. Inhaltlich ist man der Auffassung, dass Maes zwar eine akribische Detailanalyse vorgelegt hat, die jedoch auch angreifbar sei. Tätig wurden inzwischen die Sachkundigen der Justiz. Die Staatsanwaltschaft in Heidelberg prüft die Anzeige noch. Ihr Pendant in Bonn lehnt ein Ermittlungsverfahren ab. Zum Thema Wissenschaftlichkeit schreibt der zuständige Staatsanwalt: „Bei wissenschaftlichen Werken, die im Wege der Fortschreibung in regelmäßigen Abständen neu herausgegeben werden, ist es regelmäßig so, dass nur die Teile . . . überarbeitet und/ oder ergänzt werden, die aus sachlichen Gründen einer Aktualisierung bedürfen. Dass von Auflage zu Auflage sich übereinstimmende Textteile und Aussagen finden, ist deshalb wenig verwunderlich.“ Sabine Rieser

Der AVR 1997 erschien am Ende mit schwarzen Balken. Drei Firmen hatten sich gegen Aussagen zu umstrittenen Arzneimitteln gewehrt.
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