ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Freie Wohlfahrtspflege: Starker Reformdruck

POLITIK: Aktuell

Freie Wohlfahrtspflege: Starker Reformdruck

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1513 / B-1283 / C-1150

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Wettbewerb um die Dienste der Wohlfahrtspflege verschärft sich durch private Anbieter. Noch fehlt den Gemeinnützigen ein Konzept für die Zukunft.

Die Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege (FW) bestand ursprünglich darin, private Hilfsbereitschaft für mildtätige Zwecke zu organisieren. Dies ist auch heute noch Aufgabe der sechs Spitzenverbände (Kasten) in den Bereichen Gesundheitswesen, Altenpflege und Jugendhilfe. Doch zunehmend erwächst den größten Anbietern sozialer Dienste Konkurrenz von privaten Anbietern. Das zwingt die FW zu folgenreichen Entscheidungen: Entweder konzentriert sie sich ganz auf die Herausforderungen des Marktes. Oder sie kehrt zu den Wurzeln mildtätigen Handelns zurück. Gegenwärtig übt sie sich in dem immer schwieriger werdenden Spagat „Zwischen Markt und Mildtätigkeit“. So lautet der Titel einer Studie des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn, die in Buchform erschienen ist.
Die Untersuchung zeigt, dass die steigende Nachfrage nach sozialen Diensten bei gleichzeitig knapper werdenden Finanzmitteln von Staat und Sozialversicherung das Dilemma der Freien Wohlfahrtspflege noch verschärfen wird. Der Bedarf an sozialen Diensten wird schon wegen der Überalterung der deutschen Bevölkerung deutlich steigen. Gleichzeitig führen veränderte Familienstrukturen dazu, dass die Altenpflege zunehmend durch Dritte übernommen werden muss. Bis 2010 dürfte der Markt für soziale Dienstleistungen um 1,5 bis 2,5 Prozentpunkte jährlich schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft.
Die Konkurrenz von privaten Anbietern hat besonders im Gesundheitswesen und in der Altenpflege zugenommen. Im umsatzstärksten Bereich der Gesundheit beträgt der Marktanteil der FW
ein Drittel, in der Altenpflege und Jugendhilfe (Kindergärten) ist sie Marktführer. Auch gegen europäische Wettbewerber, beispielsweise deutlich preiswertere Anbieter aus Polen, wird sich der deutsche Pflegemarkt nicht abschirmen lassen. Gleichzeitig ist eine wachsende Zahl Pflegebedürftiger in der Lage, private Pflege- und Hilfedienste aus eigener Tasche zu finanzieren.
Auf die Anforderungen durch den zunehmenden Wettbewerbsdruck ist die Freie Wohlfahrtspflege nur unzureichend vorbereitet. Denn derzeit fließen 90 Prozent ihrer Einahmen aus öffentlichen Haushalten; vier Prozent aus Spenden. Doch „soziale Leistungen werden künftig nicht mehr in dem Maße vom Staat finanziert“, erklärte Prof. Dr. Meinhard Miegel, Ko-Autor der Studie und Leiter des IWG. Nicht auszuschließen sei auch, dass die FW aus Gründen des Wettbewerbsrechts in den Bereichen marktfähiger Dienstleistungen ihre steuerliche Gemeinnützigkeit einbüßen wird.
Von Bedeutung ist die weitere Entwicklung der FW schon deshalb, weil mehr als drei Millionen Mitarbeiter in rund 90 000 Einrichtungen und Diensten betroffen sind. Rund 1,2 Millionen davon sind abhängig beschäftigt, schätzungsweise 1,8 Millionen arbeiten ehrenamtlich. Der Wert des von ihnen erarbeiteten Beitrags zum Bruttosozialprodukt wird auf 90 Milliarden DM geschätzt. Die FW bewegt sich damit in der Größenordnung von Industriebranchen wie Chemie und Maschinenbau.
Den Reformdruck für die Träger der Freien Wohlfahrtspflege machte die Studie deutlich. Die Autoren zeigen zwei Lösungsstrategien auf, ohne je-
doch klar Position zu beziehen. Mit der „Wettbewerbsstrategie“ nimmt die FW die Herausforderungen des Marktes offensiv an und strukturiert um. Zum Problem werden können hier deutliche Wettbewerbsnachteile: die „suboptimale“ Arbeitsweise und die hohen Arbeitskosten der nach Bundesangestelltentarif entlohnten Mitarbeiter.
Mit der zweiten Option besinnt sich die FW auf die „Wurzeln der Mildtätigkeit“ und baut den Kreis von Bürgern, die Geld und Zeit spenden wollen, aus. Vorteile hier sind das hohe Ansehen und die tiefe Verwurzlung der Freien Wohlfahrt. Allerdings spielt bei der „Sozialwohlstrategie“ eine große Rolle, das Vertrauen der Spender aufrechtzuerhalten: Transparenz muss in Finanz- und Personalfragen geschaffen und mehr Mitgestaltung sollte angeboten werden.
Petra Bühring

Spitzenverbände
der Bundesarbeitsgemeinschaft
Freie Wohlfahrtspflege e.V.
- Diakonisches Werk
der Evangelischen Kirche
in Deutschland
- Deutsches Rotes Kreuz
- Deutscher Caritasverband
- Zentralwohlfahrtsstelle der
Juden in Deutschland
- Arbeiterwohlfahrt
- Deutscher Paritätischer
Wohlfahrtsverband


Adrian Ottnad, Stefanie Wahl, Meinhard Miegel: Zwischen Markt und Mildtätigkeit. Olzog Verlag, München 2000, 235 Seiten
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