ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Gesundheitsversorgung im Informationszeitalter: „Reengineering“ des Gesundheitssystems

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

Gesundheitsversorgung im Informationszeitalter: „Reengineering“ des Gesundheitssystems

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1518 / B-1290 / C-1210

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Auf der G-8-Abschlusskonferenz „Global Health Care Applications Project“ (GHAP) wurde deutlich: Einfache Lösungen für den Umbau der Gesundheitssysteme der Industriestaaten unter Einbezug neuer Informationstechnologien und des Internets sind nicht in Sicht.

Das Global Health Care Applications Project der G-8-Staaten wurde beim europäischen Gipfel 1995 in Brüssel im Rahmen der umfassenderen Initiative „Globale Informationsgesellschaft“ gestartet. Letztere hat den Auftrag, den Wandel der Industriestaaten hin zu Informationsgesellschaften in unterschiedlichen Bereichen kritisch zu begleiten und zu steuern. GHAP ist ein Teilprojekt, das sich mit dem Einsatz von Informationstechnologien im Gesundheitswesen befasst hat und unter der Federführung Deutschlands kürzlich abgeschlossen wurde. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass die Industrienationen im Hinblick auf die Veränderungen der Gesundheitssysteme durch die Informations- und Kommunikationstechnologien vor ähnlichen Problemen stehen und daher zusammenarbeiten sollten, um standardisierte, global einsetzbare Lösungen zu erarbeiten.
Telematikprojekte
Auf der Abschlusskonferenz Anfang Mai in Berlin wurden die Ergebnisse der zehn Modellprojekte (siehe Kasten) vorgestellt, die jeweils von einem der G-8-Länder koordiniert und – abgesehen von einer ungleich verteilten EU-Startfinanzierung von rund fünf Millionen DM – als private public partnerships mehr oder weniger erfolgreich realisiert worden sind. Einige dieser Unterprojekte sind bereits abgeschlossen (zum Beispiel Teilprojekte 4 und 5, zu denen Empfehlungen in einem Abschlussbericht vorliegen), wegen eingestellter finanzieller Förderung gescheitert (Unterprojekt 7) oder fließen in Folgeprojekte ein. Hierzu gehört beispielsweise das unter Federführung Deutschlands begonnene Projekt zur Verzahnung der Datenbanken des öffentlichen Gesundheitswesens („Glophin“), das in ein europäisches „Health-Monitoring-Projekt“ („IDA-EUPHIN“) übergegangen ist, in dessen Rahmen unter anderem eine Datenbank zu übertragbaren Krankheiten aufgebaut werden soll.
„Handfeste“ Erfolgsmeldungen waren bei der Komplexität vieler Projekte eher die Ausnahme. Hierzu gehört beispielsweise das Unterprojekt 6, in dessen Rahmen Leitlinien zur internationalen Harmonisierung beim Einsatz von Datenkarten erarbeitet werden sollten. Inzwischen wurden Smart Cards mit einem implementierten interoperablen Datensatz getestet, die das Lesen von behandlungsrelevanten Patientendaten in allen Sprachen ermöglichen. Auch das im Rahmen des Unterprojekts 2 am Institut für Pathologie der Berliner Charité erprobte Modell für Telekonsultationen in der Pathologie hat sich als erfolgreich erwiesen. In Kooperation mit der „Internationalen Vereinigung zur Bekämpung des Krebses“ (UICC, Genf) soll es daher zu einem telemedizinischen Zentrum weiterentwickelt werden, in dem Anfragen von Pathologen aus aller Welt entweder selbst bearbeitet oder aber an internationale Experten weitergeleitet werden.
Im Gegensatz dazu offenbart die Mehrzahl der Projekte eine Fülle von weiterhin ungelösten Aufgaben und neuen Herausforderungen. Hierzu gehört die mühsame (nationale und internationale) Ausgestaltung der rechtlichen, organisatorischen und ökonomischen Bedingungen des Telematikeinsatzes. Vordringliche Arbeitsbereiche sind Qualitätsmanagement, Workflow und Evaluation telematikgestützter Versorgungsprozesse, der länderübergreifende Erfahrungsaustausch und die Etablierung von Arbeitsgruppen zur Akkreditierung interoperabler Systeme sowie die Erarbeitung einer gemeinsamen Nomenklatur beispielsweise für medizinische Datenbanken.
Ein wichtiger neuer Schwerpunkt ist das Thema Ausbildung: Die Harmonisierung von nationalen und internationalen Arztausbildungs- und Approbationsordnungen müsse vorangetrieben werden, betonte Dr. Gottfried Dietzel, Beauftragter für Telematik im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und Vorsitzender der Konferenz. Auch müssten Strategien entwickelt werden, um die Informationstechnologien in die Ausbildung zu integrieren und diesen Einsatz zu evaluieren. So werden bis Mitte nächsten Jahres 100 Universitäten in Europa mit Satellitentechnik ausgestattet. Damit sind Live-Übertragungen von Operationen in die Hörsäle möglich – ein neuer Weg, um medizinisches Wissen, zum Beispiel für die ärztliche Entscheidungsunterstützung, auf gleichem Niveau abzubilden.
C-Health als Vision
Im Internet dauert ein Jahr nur drei Monate, mobile Techniken wie WAP (wireless application protocol) waren vor fünf Jahren noch kein Thema. Die Gesundheitspolitik habe Mühe, mit diesem Tempo Schritt zu halten, und orientiere sich zudem weitgehend an überholten Mustern, kritisierte Dr. Ricky J. Richardson, Pädiater und Präsident der britischen Vereinigung für Telemedizin. So seien die Gesundheitssysteme völlig unvorbereitet auf die demographische Entwicklung und darauf bezogene Krankheiten und nutzten die Möglichkeiten neuer Technologien zur Umstrukturierung nicht.
Während in der traditionellen Pyramide der Gesundheitsversorgung die Patienten unten stehen und von einem sich nach oben verjüngenden System von der hausärztlichen Versorgung über Krankenhäuser bis zum Spezialisten nach oben „durchgereicht“ werden, stellt Richardson die Pyramide auf den Kopf: Oben befinden sich die informierten Patienten als mündige Bürger („C-Health“, das „C“ steht für Citizen), die sich über eine breit angelegte Basisversorgung von Home Care (zum Beispiel für den wachsenden geriatrischen Bereich), über Gesundheitszentren und Patienteninformationssysteme bis hin zu medizinischen „Shopping Malls“ ihre auf die individuellen Bedürfnisse bezogenen Gesundheitsdienstleistungen flexibel abrufen. Krankenhäuser sind in einem solchen System überflüssig. An ihre Stelle werden nach Richardson zunehmend personalisierte Dienste und Informationen treten.
„Das, was man schon konnte, ist durch den Telematikeinsatz jetzt besser möglich“, fasste Prof. Karl Lauterbach, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln, das Potenzial der I+K-Technologien für den Gesundheitsbereich zusammen. Qualitätssicherung und -verbesserung seien durch die intranetbasierte Vernetzung und qualitativ hochwertiges Datenmaterial möglich und eine Vergleichbarkeit klinischer Studien durch die neuen Technologien erstmals in großem Ausmaß herstellbar. Die Partizipation des Patienten führe zu mehr Wettbewerb, weil sich die Patienten via Internet über bessere Angebote informieren können und künftig möglicherweise auch verstärkt Dienstleistungen aus dem Ausland in Anspruch nehmen.
Ein Beispiel für Veränderungen des Gesundheitsmarktes ist die häusliche Betreuung von Patienten. Ein großer Teil der Hausbesuche ließe sich durch telemedizinische Verfahren vermeiden, meinte Prof. Dr. Manfred Dietel, Humboldt-Universität Berlin, und verwies darauf, dass bis zu 40 Prozent der Hausbesuche auf Ängste der Patienten oder auf ein Informationsbedürfnis zurückzuführen sind. EKG-, Blutdruck- und Blutzuckerwerte bei Diabetes- oder Lungenfunktionswerte bei Asthma-Patienten können heute problemlos online kontrolliert werden. Allerdings gibt es noch keine Standards, nach denen die Kosten-Nutzen-Relation solcher telemedizinischen Anwendungen überprüft werden kann.
Telemedizin als Brücke
Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob sich durch das Internet die Kluft zwischen den reichen Industriestaaten und den Entwicklungsländern noch vertiefen würde und wie die Einbindung der Entwicklungsländer in die modernen technologischen Möglichkeiten stattfinden soll. Anhand einer Live-Telekonsultation über Satellit mit Prof. Dr. Bojidar Gavrilowski von der Universitäts-Unfallklinik in Skopje, Mazedonien, wurde die neue Qualität des Informations- und Wissensaustausches in einer Krisenregion demonstriert. Schwierige Fälle wie etwa die Behandlung von Minenopfern oder Schusswunden können so von den Experten diskutiert werden. Zwar ist die Übertragung per Satellit für den Routineeinsatz zurzeit noch zu teuer und zeitaufwendig zu installieren, doch dies wird sich künftig ändern. Prof. Rifat Latifi vom West Hospital in Virginia warb vor diesem Hintergrund für die Idee, ein virtuelles elektronisches Krankenhaus für das Kosovo zu errichten. Dies könnte eine weltweite Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Telemedizin realisieren und dazu beitragen, dass eine solche Region den Anschluss an die Welt nicht verliert.
Die in Workshops erarbeiteten allgemeinen Empfehlungen der Experten zum weltweiten Telematikeinsatz im Gesundheitswesen sollen in einem Handbuch veröffentlicht werden. Unbeantwortet blieb mit dem Ende des GHAP bis zuletzt die Frage nach einer neuen Austauschplattform, auf der die internationale Arbeit fortgesetzt werden kann.
Heike E. Krüger-Brand

G-8-Leitprojekte
 1. Weltweite Vernetzung von Public-Health-Datenbanken (Deutschland)
 2. Verbesserung von Prävention, Früherkennung, Diagnose und Behandlung von Krebs (Frankreich)
 3. Verbesserung von Prävention, Diagnostik und Behandlung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Italien)
 4. Telemedizin (Kanada)
 5. Anforderungen an weltweite Gesundheitsnetze (Großbritannien)
 6. Internationale Harmonisierung beim Einsatz von Datenbanken im Gesundheitswesen (Frankreich)
 7. Evidenzbasierte Medizin (Kanada)
 8. Multilingualer Anatomie-Datenatlas (USA)
 9. Referenz-Datenbank für medizinische Bilddaten (Japan)
10. Interaktive Multimedia- und TV-Programme in der Zahnmedizin (IOA/MedLive) (Deutschland)

Internet-Adressen
www.mh-hannover.de/projekte/
medirec – Unterprojekt 8, Präsentation der Medizinischen Hochschule Hannover (Kooperation mit Japan)
www.ukrv.de/ch/patho/Webpage/pages/telepatho/konsens/konsens_
15.htm – detailliertes Arbeitspapier zur Telepathologie
www.ehto.be/sp5 – ausführliche Darstellung von Unterprojekt 5
www.ehtel.org – European Health Telematics Association: neutrale, nichtkommerzielle Plattform zur Unterstützung von Telematiklösungen im Gesundheitswesen innerhalb Europas
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