ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Nikotinabhängigkeit und Tabakmanipulationen: Tabakzusätze in Zigaretten – warum?

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Nikotinabhängigkeit und Tabakmanipulationen: Tabakzusätze in Zigaretten – warum?

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1520 / B-1292 / C-1211

Haustein, Knut-Olaf

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LNSLNS Die Zigarettenindustrie bedient sich verschiedener Methoden, um die Nikotinabhängigkeit zu fördern.

Der medizinischen Fachwelt war es bis 1995 nicht vergönnt, Einzelheiten zur Wirkungsweise des Nikotins, seiner suchterzeugenden Eigenschaften und seiner gesundheitsschädigenden Wirkungen aus den Erkenntnissen der Hersteller zu erfassen (3, 5, 13). Der Staat Minnesota ging 1994 gegen die Tabakindustrie vor und beschlagnahmte Millionen ihrer internen Dokumente. Daraus geht die für die Gesundheit der Bevölkerung wenig konstruktive Haltung dieses Industriezweigs hervor. Inhalte der Dokumente waren Suchtfragen, Zigaretten mit erniedrigtem Teergehalt sowie Angaben zur Zigarettenform und zur Nikotinmanipulation. Die Unterlagen stammen aus verschiedenen Tabakfirmen, obwohl sie bei Brown & Williamson (B & W) sichergestellt wurden. Sie umfassen auch Unterlagen zur Zigarettenwerbung für Kinder. Zudem gehen aus ihnen die Aktivitäten von Anwälten hervor, die zur Manipulation von Informationen beigetragen haben (7).
Oberstes Ziel der Tabakindustrie in den 80er-Jahren war es, die Freisetzung und die Effektivität von Nikotin zu steigern (12, 14). Die Industrie bemühte sich sehr, Nikotin aus der Zigarette gut verfügbar zu machen: Tabakgemische, Zigarettengröße, Filter, Ventilation, Papierporosität, Zusatzstoffe sowie das Verhältnis von Tabakschnitt zu Tabakgewicht pro Zigarette wurden optimiert. Die Rauchentwicklung wurde verbessert (10). Mit gentechnologischen Verfahren versuchte man zudem, den Nikotingehalt der Pflanzen zu erhöhen.
Unter der Vorstellung, die Gesundheit des Rauchers weniger zu schädigen, entwickelte man „teerarme“ und „nikotinarme“ Zigaretten. Nicht bedacht wurde das Verhalten des Rauchers: Der Raucher raucht eine solche Zigarette ganz anders als eine herkömmliche (1). Aus Zigarettensorten mit unterschiedlichem Nikotingehalt holt er über die Frequenz der Züge und die Inhalationstiefe eine etwa konstante Nikotindosis heraus. Dabei erfasst er das veränderte Freisetzungsverhalten von Nikotin aus den neuen Zigaretten sofort. Insbesondere bei Stress werden entweder stärkere Zigaretten genutzt, oder es werden zwei Zigaretten in unmittelbarer Folge geraucht (4). Die gesundheitlichen Folgen bei Langzeitgebrauch von Light-Zigaretten sind noch nicht vollständig abzusehen (9). Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sich durch vermehrt inhalierte Nitrosamine anstelle von Benzpyrenen gehäuft Adenokarzinome anstelle von kleinzelligen Bronchialkarzinomen bilden.
Optimale Nikotinfreisetzung
Den Anteil der freien Nikotinbase im Rauch zu erhöhen war für die Industrie entscheidend. Nikotin liegt pH-abhängig gebunden in Salzform oder als freies Nikotin als Base vor (2). Freies Nikotin penetriert im Gegensatz zur gebundenen Form biologische Membranen sehr schnell und fast vollständig. Je höher der pH-Wert, desto höher der Betrag an freiem Nikotin (15). Durch einen erhöhten Anteil wird der erzeugte Kick gesteigert.
Der Nikotingehalt des Zigarettenrauchs kann als Maß für die Stärke der Zigarette gelten (16), da bei höheren Nikotinkonzentrationen eine schnellere Absorption zu erwarten ist. Ein zusätzlicher Kick sollte erreicht werden durch den Zusatz von Alkalien und Nikotin zum Tabakgemisch, das Entfernen von Säurebestandteilen, den Einsatz spezieller Filtersysteme, die die Entfernung von Säuren und die Zugabe von Alkalien zum Hauptstromrauch ermöglichen sowie die inhalierte Luft stark verdünnen, oder durch eine verminderte Zuckerumhüllung.
In die Lungenalveolen wird beim Zigarettenrauchen die freie Nikotinbase inhaliert. In den Partikeln des exhalierten Hauptstromrauchs ist vielfältig Nikotin nur noch spurenweise anzutreffen. Durch Zugabe von Ammoniumsalzen wird die Intensität der Nikotinzufuhr noch erhöht (8). Mit der Ammonium-Technologie konnten in Rauchapparaturen gemessene Nikotinwerte nach unten manipuliert werden; ebenso wurden geringere Teerwerte als in der Realität gemessen (11). Dennoch erreichte der Raucher den von ihm erwarteten Kick. Mit zunehmender Alkalisierung flutet Nikotin im Blut schneller an. Beunruhigenderweise werden die zugefügten Ammoniumsalze als „Geschmackskorrigenzien“ und nicht als mögliche Wirksamkeitssteigerung der freien Nikotinbase deklariert. Man kann nicht ernst genug gegen diese pH-Manipulationen angehen, denn damit wird die Abhängigkeit des Rauchers gefördert.
Die Tabakindustrie versucht mit allen Kräften dem Käufer plausibel zu machen, dass die Zigarette heutzutage ein geringeres Risiko darstellt als
in früheren Jahren. Immer wieder wird auf den Filter hingewiesen. Wo das eigentliche Gesundheitsrisiko liegt, wurde von der Tabakindustrie niemals klar ausgesprochen. Es wird allenfalls darauf verwiesen, dass die neueren „nikotin- und teerarmen“ Zigaretten („Light- und Ultralight“-Zigaretten) „gesünder“ als herkömmliche seien. Diese Marken werden im Glauben dessen von den Verbrauchern auch zunehmend häufiger geraucht.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. Knut-Olaf Haustein
Institut für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung
Johannesstraße 85–87
99084 Erfurt
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