ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Rehabilitation: Veränderungen in der Struktur der Antragsteller

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Rehabilitation: Veränderungen in der Struktur der Antragsteller

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1521 / B-1293 / C-1212

Diehl, Rainer; Slesina, Wolfgang; Protz, Wolfgang; Schneider, Henning; Plhak, Marianne

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LNSLNS Ergebnisse einer Analyse der Antrags- und Bewilligungsentwicklung bei medizinischen Rehabilitationsleistungen der Landesversicherungsanstalten Hessen und Sachsen-Anhalt in den Jahren 1995 bis 1997

Die Rehabilitationsleistungen der gesetzlichen Rentenversicherung (Bundesversicherungsanstalt für Angestellte; Landesversicherungsanstalten der Arbeiterrentenversicherung) haben die erheblichen Rückgänge bei den Anträgen auf medizinische Rehabilitationsleistungen inzwischen überwunden, ohne allerdings auch nur annähernd die Rehabilitationsantragszahlen der Vorjahre zu erreichen.
Seit Anfang der 90er-Jahre sind in den neuen und alten Bundesländern unterschiedliche Entwicklungen in den Antrags- und Bewilligungszahlen medizinischer Rehabilitationsleistungen bei den Rentenversicherungsträgern zu beobachten. Insgesamt gesehen gehen dabei die Anträge in den alten Bundesländern zurück, wohingegen sie sich in den neuen Ländern weiterhin in der Phase der Angleichung nach oben befinden.
Von 1995 bis 1997, das heißt innerhalb von drei Jahren, kam es sowohl in Ostdeutschland als auch in Westdeutschland zu außergewöhnlichen Antragsrückgängen. Versichertenbefragungen bei anderen Landesversicherungsanstalten und der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in den alten und neuen Bundesländern ergaben, dass die Entscheidung der Versicherten für oder gegen eine Rehabilitationsantragstellung neben dem subjektiv erlebten Gesundheitszustand vor allem von der Rolle des behandelnden Arztes, seiner Beratung und Unterstützung bei der Initiierung der Rehabilitationsmaßnahme und der aktuellen Bedrohung der Arbeitskraft abhängig ist. Als hindernde Einflussfaktoren führten die befragten Versicherten ihre Sorge um den Arbeitsplatz, die ungünstige Arbeitsmarktlage, die (inzwischen teilweise von der Bundesregierung wieder zurückgenommenen) Restriktionen des Wachstums- und Beschäftigungsförderungsgesetzes (WFG) sowie die Verunsicherung durch die damalige – häufig polemisch geführte – öffentliche Diskussion um die Rehabilitation an.
Die Ergebnisse einer Sekundäranalyse aus routinemäßig gespeicherten Daten der Versicherten der Landesversicherungsanstalten Hessen und Sachsen-Anhalt werden im Folgenden vorgestellt. Sie sollen helfen, niedergelassene Ärzte auf vom Antragsverzicht besonders betroffene und rehabilitationsbedürftige Patientengruppen aufmerksam zu machen, um gezielt für solche Patienten gegebenenfalls rehabilitationsberatend und unterstützend tätig zu werden.
Ein Vergleich der unterschiedlichen Entwicklungen der Anträge im Zeitraum von 1995 bis 1997 sowie der Bewilligungen zeigt für die beiden Landesversicherungsanstalten eine gleich gerichtete, wenn auch vom Umfang her deutlich unterschiedliche Entwicklung (Grafik). Während bei der Landesversicherungsanstalt Hessen die Anträge drastisch von
46 532 auf 28 115 und die Bewilligungen von 35 806 auf 20 543 zurückgehen, erfolgt bei der Landesversicherungsanstalt Sachsen-Anhalt ein eher moderater Rückgang der Anträge von 16 681 auf 15 331 und der Bewilligungen von 12 623 auf 11 137.
Im Rahmen des allgemeinen Rückgangs der Fallzahlen sind in den untersuchten Merkmalen sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche Entwicklungen bei den bewilligten Rehabilitationsleistungen beider Anstalten zu beobachten. Für ausgewählte Diagnosegruppen zeigt sich dabei das in Tabelle 1 dargestellte Bild.
Bei deutlich unterschiedlichen Absolutwerten ist der relativ kleinere Indikationsbereich der Pneumologie prozentual am stärksten vom Rückgang betroffen, vom Umfang der Fallzahlen her sind es jedoch die Erkrankungen des Bewegungsapparates, die vor allem in Hessen große Einbrüche zeigen. In beiden Ländern stärker rückläufig sind weiterhin die Erkrankungen der Verdauungsorgane. Unterschiedliche Entwicklungen sind bei den kardiologischen Erkrankungen festzustellen, die in Sachsen-Anhalt deutlich über und in Hessen einige Prozentpunkte unter der allgemeinen Abnahmerate liegen. Dagegen ist bei Alkoholerkrankungen und bösartigen Neubildungen für Hessen ein unterdurchschnittlicher Rückgang, für Sachsen-Anhalt sogar ein absoluter Anstieg der bewilligten Anträge festzustellen. Für diese beiden Diagnosegruppen ist somit ein relativ gesehen beständiger beziehungsweise ansteigender Rehabilitationsbedarf auszumachen.
Die Untersuchung der Arbeitsunfähigkeitszeiten bis 12 Monate vor Antritt der Rehabilitation (Tabelle 2) zeigt für die Landesversicherungsanstalt Hessen, dass überproportional längerfristig arbeitsunfähige Versicherte in die Rehabilitationskliniken aufgenommen werden; für die Landesversicherungsanstalt Sachsen-Anhalt sind es dagegen Personen mit relativ kurzen (bis zu drei Monaten) und mittleren (drei bis unter sechs Monate) Arbeitsunfähigkeitszeiten.
Soziodemographische Variablen
Auffällige Entwicklungen zeigen sich weiterhin bei der Geschlechtszugehörigkeit und dem Familienstand der Versicherten. Die weiblichen Versicherten nehmen in Sachsen-Anhalt überproportional ab, während sie in Hessen nur geringfügig stärker rückläufig sind als die männlichen Versicherten.
Überproportionale Abnahmen gibt es in beiden Landesversicherungsanstalten vor allem bei verheirateten Versicherten, das heißt der Familienstandsgruppe, die gehäuft wegen zu versorgender Kinder durch einen begrenzteren finanziellen und zeitlichen Spielraum sowie durch eine größere Abhängigkeit vom örtlichen Arbeitgeber in ihren Möglichkeiten eingeschränkt ist. Ähnlich ist es bei den voll- und teilzeitbeschäftigten Erwerbstätigen, wobei bei der Landesversicherungsanstalt Hessen auch die hochqualifizierten Facharbeiter, bei der Landesversicherungsanstalt Sachsen-Anhalt die beruflich geringer qualifizierten Versicherten vom Rückgang der Anträge überproportional betroffen sind. Hingegen steigen bei beiden Landesversicherungsanstalten die nicht Erwerbstätigen und Arbeitslosen relativ beziehungsweise teilweise sogar absolut in den Fallzahlen an.
Die Untersuchung zeigt neben einem krisenhaften zahlenmäßigen Rückgang der Anträge auf medizinische Rehabilitationsleistungen auch beträchtliche Verschiebungen in der strukturellen Zusammensetzung der Versicherten: In Sachsen-Anhalt sind es die Frauen, in beiden Bundesländern die Verheirateten und die Erwerbstätigen, die überproportional weniger häufig einen Antrag auf eine medizinische Rehabilitationsmaßnahme stellen.
Der insbesondere in Hessen gefundene Trend zu deutlich längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten vor Antritt der Rehabilitation beinhaltet das Risiko einer Chronifizierung der Erkrankung. Nicht oder zu spät in Anspruch genommene Rehabilitationsleistungen – und diese Tendenz zeigt die enorme Verschiebung und Unterrepräsentanz von Gruppen von Versicherten in dieser Untersuchung an – bergen die große Gefahr, dass genau diese Patienten wenige Jahre später als Antragsteller auf Frührente wegen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit erstmals bei den gesetzlichen Rentenversicherungsträgern in Erscheinung treten, mit allen hieraus resultierenden menschlichen, gesellschaftlichen und finanziellen Konsequenzen.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-1521–1522
[Heft 22]

Anschrift für die Verfasser
Dr. phil. Wolfgang Protz
Verein „Regionale Rehabilitationsforschung“ in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt e.V.
Landesversicherungsanstalt
Sachsen-Anhalt
Paracelsusstraße 21
06114 Halle

Dr. phil. nat. Marianne Plhak
Landesversicherungsanstalt Hessen Ärztlicher Dienst I
Städelstraße 28
60596 Frankfurt am Main


Tabelle 1
Änderungen in der Bewilligtenstruktur von 1995 auf 1997 – Ausgewählte Diagnosegrundgruppen
Diagnosegrundgruppe    LVA Hessen LVA Sachsen-Anhalt
   N Prozent   N Prozent
Alkoholabhängigkeit –    95 – 5,9 +217 +48,7
Erkrankungen der Atmungsorgane – 1 133 –57,7 –482 –41,9
Erkrankungen der Bewegungsorgane –10 023 –56,4 –653 –14,5
Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems – 1 251 –34,9 –436 –19,6
Erkrankungen des Nervensystems –   121 –26,7 + 19 + 9,2
Neubildungen –   328 – 8,7 +290 +20,6
Sonstige psychische Erkrankungen –   348 –19,1 +  7 + 1,6
Erkrankungen der Verdauungsorgane –   878 –44,5 –160 –17,8


Tabelle 2
Änderungen in der Bewilligtenstruktur von 1995 auf 1997 – Arbeitsunfähigkeitszeiten
Arbeitsunfähigkeitszeiten LVA Hessen LVA Sachsen-Anhalt
   N Prozent   N Prozent
keine –3 014 –61,4 –289 –18,4
bis unter drei Monate –7 568 –51,6 +108 + 4,7
drei bis unter sechs Monate –1 480 –36,1 +172 +16,2
sechs und mehr Monate –1 525 –26,5 –800 –19,0
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