ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Pharmakologische Bewertung von Adipositas-Therapeutika: Umfassende Therapie nötig

MEDIZIN: Diskussion

Pharmakologische Bewertung von Adipositas-Therapeutika: Umfassende Therapie nötig

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1542 / B-1315 / C-1230

Sharma, Arya M.

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Olaf Adam Dr. rer. nat. Rüdiger Arnold Prof. Dr. med. Wolfgang Forth in Heft 50/1999
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LNSLNS Zu Recht weisen Adam und Koautoren in ihrem Übersichtsartikel auf die Notwendigkeit einer effektiven, sicheren und preiswerten Adipositastherapie hin. Mir erscheint jedoch der von den Autoren propagierte therapeutische Einsatz von teuren fettreduzierten Nahrungsmitteln recht zweifelhaft: In den USA, wo der Verbrauch an „Light“-Produkten seit Jahren kontinuierlich steigt, hat sich die Prävalenz der Adipositas zwischen 1991 und 1998 jedenfalls nahezu verdoppelt (2).
Auch die Vorstellung (Tabelle 2), dass die Prävalenz der Adipositas dadurch reduziert werden kann, indem Betroffene dauerhaft ihre Kalorienaufnahme auf 1 200 kcal/Tag einschränken und mehr Treppen steigen widerspricht allen klinischen und praktischen Erfahrungen. Vielmehr sind ohne beträchtlichen verhaltenstherapeutischen Aufwand solche Lifestyle-Veränderungen kaum zu erreichen. Sicherlich nicht zum Nulltarif.
Die Forderung, dass eine pharmakologische Therapie der Adipositas zeitlich begrenzt sein muss entspricht der Forderung, dass Antihypertensiva oder Antidiabetika nur solange eingesetzt werden sollten, bis der Blutdruck beziehungsweise der Blutzucker gesenkt wurde. Die von den Autoren genannten genetischen und physiologischen Faktoren sowie die Umwelteinflüsse, die zusammen langfristig eine positive Energiebilanz begünstigen, bestehen jedenfalls nach jeder kurzfristigen Therapie unverändert weiter.
Auch die Vorstellung, dass eine Adipositastherapie nur dann als erfolgreich anzusehen ist, wenn es zu einer kontinuierlichen und dauerhaften Gewichtsreduktion kommt, ist unrealistisch und unterschätzt die gegenregulatorischen Adaptationen an eine negative Energiebilanz. Nicht umsonst sehen Empfehlungen aus den USA (1) sowie der WHO (3) heute bereits eine Gewichtsstabilisierung als Therapieerfolg an.
Auch wenn die neuen Adipositas-Therapeutika (Orlistat und Sibutramin) in ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit in etwa der antihypertensiven Therapie vor 30 Jahren entsprechen, so sind sie jedenfalls eine Entwicklung in die richtige Richtung. Immerhin haben diese Substanzen in kontrollierten Untersuchungen ihre Wirksamkeit, Verträglichkeit und Verbesserung von Surrogatparametern nachgewiesen. Niemand kann von neuen Substanzen bereits bei der Zulassung Langzeitdaten verlangen. Diese müssen aber spätestens nach einigen Jahren vorgelegt werden.
Aus ärztlicher Sicht ist eine sichere, preiswerte und in kontrollierten Studien erprobte pharmakologische Langzeittherapie für die Adipositas dringend zu fordern. Empfehlungen zur gesunden Lebensführung (weniger essen – mehr bewegen) werden damit nicht überflüssig – alleine werden sie jedoch kaum zu einer Eindämmung der Volkskrankheit Adipositas beitragen. Vielmehr tragen solche allgemeinen Empfehlungen eher zu einer Verniedlichung als zu einer Lösung des Problems bei. Die über 20 Millionen Betroffenen in Deutschland, die in ihrem oft verzweifelten Kampf gegen das Übergewicht jährlich Milliardenbeträge für zweifelhafte Lebensmittel, Therapien und Kuren ausgeben, können über solche Empfehlungen nur müde lächeln.
Literatur
1. Executive summary of the clinical guidelines on the identification evaluation and treatment of overweight and obesity in adults. Arch Intern Med 1998; 158: 1855–1867.
2. Mokdad AH, Derdula MK, Dietz WH,
Bowman BA, Marks JS, Kolan JP: The spread of the obesity epidemic in the United States, 1991–1998. JAMA 1999; 282: 1519– 1522.
3. WHO Consultation on Obesity. Obesity – prevention and managing the global epidemic. WHO 1997, 1–276.

Prof. Dr. med. Arya M. Sharma
Medizinische Klinik IV
(Endokrinologie/Nephrologie)
Universitätsklinikum
Benjamin Franklin
Freie Universität Berlin
Hindenburgdamm 30 · 12200 Berlin
sharma@zedat.fu-berlin.de

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