ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Schachmeisterschaft: „Vom Bett ans Brett“

VARIA: Feuilleton

Schachmeisterschaft: „Vom Bett ans Brett“

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1544 / B-1317 / C-1231

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LNSLNS Es sind halt „notorische Gutmenschen“, diese Ärzte, meint der Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger als engagiert-amüsierter Beobachter der 8. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte in Bad Homburg.

Dieses Jahr also wieder Bad Homburg – weil es letztes Jahr so schön gewesen sei. Na gut, besser als andersrum. Dabei war dieses Jahr schon die Anreise nicht ohne Komplikationen; mein Schulfreund Dr. med. Norbert Knoblach berichtet von einer wahren Regenschlacht auf der Autobahn. „Doch endlich die angenehme Atmosphäre des Kurhotels; ich hatte mir sogar das gleiche Zimmer wie im Vorjahr reservieren lassen. Eine Treppe hochgehen, und ich bin im Turniersaal – sozusagen ,vom Bett ans Brett‘.“
Sizilianisches
Doch vor Bett und Brett haben die Götter alias das „Deutsche Ärzteblatt“ am Freitagabend die Eröffnung gesetzt, bei der die das Turnier unterstützende APO-Bank eine semantische Verwirrung im Chronisten (einem der 68er Generation) auslöst. Doch fortan wird er bei APO nur noch an die „Deutsche Apotheker- und Ärztebank“ denken. Möglicherweise hätte ich nicht den Ende des 18. Jahrhunderts lebenden, sizilianischen Priester Pietro da Carrera (auf den die heute so populäre „Sizilianische Verteidigung“ zurückgeht) und dessen Ratschlag erwähnen sollen, Körper und Seele vor einer Schachpartie durch Beichte und Enthaltung von allen fleischlichen Genüssen zu reinigen. Laut Norbert hätte sich dabei ein Pärchen fragend angeschaut. Was allerdings niemanden ernsthaft hinderte, sich danach dem Imbiss mit fleischlichen und anderen Genüssen zuzuwenden.
Nach der Eröffnung gabs für die schnelle Truppe ein Blitzturnier (nur fünf Minuten Bedenkzeit für die ganze Partie), für die Besonneneren die Möglichkeit, gegen den deutschen Spitzenspieler Artur Jussupow oder mich im Simultan anzutreten. Und die ganz Schlauen hielten es mit dem ehemaligen Weltmeister Botwinnik, der vor einem wichtigen Turnier zu schachlicher Abstinenz riet (argumentiere ich vielleicht lustfeindlich?!).
Apropos Jussupow. Dieser spielte schon in einigen Halbfinalkämpfen um die WM und entschloss sich 1991, als er bei einem Raubüberfall in seiner Moskauer Wohnung durch einen Bauchschuss lebensgefährlich verletzt wurde, der Sowjetunion Ade zu sagen und sich hierzulande niederzulassen. Mit offenen Armen bei uns aufgenommen, nicht nur seiner Spielstärke, sondern auch seiner freundlichen Art und seines Geschicks wegen, sein Wissen weiterzugeben. Fragen Sie den Verbandsarzt des Deutschen Schachbunds, Dr. Wolfgang Weise – zwei Jussupow-Seminare, und die guten Züge kamen ihm wie von allein. Notfalls geht es allerdings auch ohne Jussupow. So treffen sich in Essen der 80-jährige Dr. Grünwald, Dr. Kaesemann und noch ein Kollege einmal pro Woche zum Schach. Ganz geschickt stellen es in Münster Dr. Kleine-Katthöfer und Dr. Schulze-König an. Während ihre Frauen am Donnerstagabend im Kirchenchor singen, nützen sie die sturmfreie Bude zu Königsgambit und Nimzo-Indischer Verteidigung. Mich erinnert das an den amerikanischen Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin in seiner Pariser Zeit, als er viele Abende im legendären Schachcafé de la Régence (wo übrigens Napoleon seinen eigenen Tisch hatte und Voltaire zu seiner Verzweiflung ausgerechnet gegen den Geistlichen Père Adam immer verlor) verbrachte und entschuldigend sagte: „Das ist meine Oper“.
Doch nun in medias res, hinein ins pralle Turnierleben, hinein in den laut Dr. Knoblach „hellen und geräumigen Saal, durch den der historische Geist von Landgrafen und von Kaiser Wilhelm zu wehen scheint und geradezu zu rechtschaffen gutem Spiel auffordert“.
Weitgehend wird besagtem historischen Geist Genüge getan, werden zuweilen herrliche Kombinationen aufs Brett gezaubert, doch gelegentlich ist der Geist beziehungsweise das Fleisch der Medici auch recht menschlich, sprich schwach. An einem Brett ein klassischer Fall von ,Tabula rasa‘, alle Bauern vorm König sind schon wegrasiert. Kommentar des Betroffenen: „Eh wurst“ – und schon wird auch noch der Turm auf f2 reingewuchtet. Zwischen Dr. Berthold und Dr. Sowade gibt es ein Hauen und Stechen in bester Wildwest-Manier mit einem Zwei-Damen-Matt als Krönung. Dr. Bosse hat sich in der Zeit geirrt und kommt erst vier Minuten vor der Zeitüberschreitung ans Brett, in Windeseile müssen die Züge aufs Brett geworfen werden. Als er noch 30 Sekunden hat, ist der Gegner matt. Geschafft – in jedwedem Sinne! Woanders die Möglichkeit zum einzügigen Matt. Die anteilnehmende Meute der Kiebitze ums Brett versammelt. Alle sehen es, nur einer nicht. Hohe Zeitnot. Lange Sekunden verstreichen. Die Nerven, die Nerven. Schließlich doch der erlösende Geistesblitz.
Dis- oder Eustress?
Ist das nicht doch mehr Dis- als Eustress? Mein Freund Dr. Modjtaba Abtahi meint zwar: „Schach ist schön und gesund“ und basta, und Ärzte im Mittelalter wollten mit speziellen Spielstilen den Charakter und Krankheiten beeinflussen, wobei zum Beispiel Melancholiker durchgeplante Strategien verfolgen, während sich Phlegmatiker vor Schematismus hüten sollten. Auch heißt es schon zur Kalifenzeit, dass das Schachspiel Zerstreuung der Trauer bringe, die Sorgen der Liebenden besänftige und den Trinker vor Ausschweifung bewahre – doch wie ist es, wenn man sich in den Hintern beißen will, weil man gerade die Dame eingestellt hat? Unmöglich vorzustellen bei Dr. Giti Abtahi, die chirurgisch und schachlich in ihres Vaters Modjtaba Fußstapfen tritt – da muss ein dezenter Hinweis auf ,postprandiale Müdigkeit‘ genügen. Spätestens da merkt man, wo man ist: beim Ärzteturnier. Weiterer Hinweis darauf: Die Turnierleitung kann seelenruhig im Foyer ,blitzen‘, weil die Ärzte einmal mehr keine Probleme machen. Notorische Gutmenschen.
Natürlich ist der unverwüstliche 88-jährige Dr. Faulhaber wieder dabei, ewig wird ihm Dr. Reichel um ein halbes Jahr hinterherhecheln. Noch weit entfernt davon ist der Bamberger Recke Professor Peter Krauseneck, aber dieser übt sich schon mal im Klagen ein: „Die jungen Leute werden immer stärker!“ Womit sich Peter in die fragwürdige Gesellschaft von Hort und Pfleger begibt. Doch lernen kann man von ihm sehr wohl noch. Als Modjtaba erstaunt berichtet, wie er nach einem Opfer plötzlich materiell sogar besser dastand, sein trockener Kommentar: „Das ist ja der Sinn von Opfern, dass man nachher mehr hat!“
Überhaupt kann man im Foyer allerlei erfahren, werden die ansonsten im Saal stumm über ihren Brettern brütenden Kollegen plötzlich wieder Menschen aus Fleisch und Blut. Der kleine Kynaß-Sohn stürmt freudig seinem Papa entgegen, vom Jussupow-Bezwinger Dr. Hehn wird dessen Geheimnis enthüllt: seine Springersocken. Nicht Springerstiefel, nein, Socken mit Schachspringern. Vermutlich auch vom Mädlerschen Schachstand, von dem auch etliche Schachkrawatten den Weg um Ärztehälse finden. Ich muss zum Schluss kommen, kann nicht mehr erzählen, wie Dr. Faulhaber bei seinem jungen Gegner mit einem Doppelschach eingedrungen ist, und schon wars matt, wie der Reporter der „Frankfurter Rundschau“ sich verwundert fragt, ob er beim Fußball sei, als zwei Kollegen fachsimpeln: „Ich hab’ auf dem Flügel angegriffen, aber alles war bestens gedeckt“, dass die junge Kollegin Dr. Tena Frank schon den Skalp von Großmeister Gipslis am Gürtel hängen hat, dass Dr. Fischer wieder auf den Talismann „Sultan Mehmet“ vertraut, dass der Gewinner des Hotelgutscheins verzweifelt die Frau sucht, mit der er das Wochenende heiß geflirtet hat, um mit ihr den Gutschein einzulösen. So ein Turnier kann also auch unvermutet liebesstiftend sein.

Ein überaus freundlicher Mensch, am Schachbrett allerdings gnadenlos: Großmeister Artur Jussupow beim Simultanschach gegen 35 Ärzte

Die besten Zehn
Rang Teilnehmer Punkte
1 Alexander Goldberg 7,5
Dresden
2 Erik Allgaier 7,5
Berlin
3 Hans-J. Hofstetter 7
Bad Kissingen
4 Wolf-Dieter Paust 7
Lübeck
5 Peter Weber 7
Langenfeld
6 Wolfgang Weise 7
Burgkirchen
Karl-Heinz Hartmann 7
7 Kamp-Lintfort
8 Stefan Müschenich 7
Münster
9 Harald Volz 7
Groß-Krotzenburg
10 Matthias Evert
Bonn 6,5



Voller Saal und volle Konzentration im Bad Homburger Kurhaus: 144 Ärztinnen und Ärzte aus ganz Deutschland spielten zwei Tage lang Schach. Fotos: Josef Maus


Das Spitzenquintett: Peter Weber, Hans-Joachim Hofstetter, Turniersieger Alexander Goldberg, Erik Allgaier und Wolf-Dieter Paust (von links nach rechts). Die Entscheidung fiel nach spannenden Spielen am Ende recht knapp.
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