ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2000Neurodermitis: Korrelat zwischen Emotionen und Immunologie bestätigt

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Neurodermitis: Korrelat zwischen Emotionen und Immunologie bestätigt

Dtsch Arztebl 2000; 97(22): A-1546 / B-1319 / C-1233

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Allergische Reaktionen und der damit verbundene Juckreiz setzen – ähnlich dem Schmerzgedächtnis – so genannte Landkartenmuster im Gehirn, die sich durch Wiederholung „festsetzen“. Eine frühzeitige Intervention, so hoffen Dermatologen, könnte vermeiden, dass diese Muster überhaupt angelegt oder aber „eingebrannt“ werden.
Nach Erläuterungen von Prof. Manfred Spitzer (Ulm) bei der 8. Jahrestagung des Arbeitskreises Psychosomatische Dermatologie in Gießen wird jeder periphere Reiz – sei es akustisch, optisch, mechanisch oder nerval – im menschlichen Gehirn durch die „Verschaltung“ von Neuronen etwa 10 000fach verstärkt. Äußerliche Reize sind damit relativ unbedeutend, verglichen mit deren Effekt, der durch die „Prozessierung“ im Gehirn erreicht wird – was zeigt, wie sehr der Mensch vom Kopf bestimmt wird.
Die Tatsache, dass bei allergischen Reaktionen ähnliche Verarbeitungs- und Gedächtnismuster wie beim Schmerz vorhanden sind, zeigt einen möglichen Weg zur Prävention oder Therapie: Allergische Reaktionen und der damit verbundene Juckreiz müssten, wenn sie sich nicht im Gehirn „einbrennen“ können, akut und langfristig zu weniger quälenden Reaktionen führen und damit die Therapie erheblich vereinfachen. Frühzeitiges Eingreifen wäre damit die beste Therapie.
Ein weiteres Ergebnis der Tagung, das Hoffnungen auf eine Entschlüsselung der grundlegenden Mechanismen bei dieser chronischen Erkrankung und damit kausale Therapieformen keimen lässt, präsentierte Dr. Angelika Buske-Kirschbaum, Diplom-Psychologin aus Trier: Säuglinge, die an einer Neurodermitis leiden, reagieren auf Stress mit einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen wie Kortisol, erwachsene Neurodermitiker dagegen mit einer verminderten Sekretion dieses Hormons.
Dr. Jörg Kupfer, Diplom-Psychologe aus Gießen, konnte – im Gegensatz zu gesunden Kontrollen – bei den Patienten eine Veränderung der Nerve Growth Factors feststellen – ein biologisches Korrelat für den Zusammenhang zwischen dem lange postulierten, aber schwer nachweisbaren Zusammenhang zwischen Emotionen und Entzündungen. Das erlaubt auch eine vorsichtige kausale therapeutische Konsequenz: Entspannungs- und Psychotherapie müssten helfen, mit Stress bewusster umzugehen, ihn anders zu verarbeiten.
Weitgehend unbeachtet geblieben sind in der Öffentlichkeit die Tatsachen, wie stark einerseits eine Neurodermitis die Lebensqualität einschränken kann: In ausgeprägten Fällen komme es zu ähnlich starken Beeinträchtigungen wie bei onkologischen Patienten, erläuterte Dr. Matthias Augustin (Freiburg). Andererseits manifestiert sich – entgegen der früheren Lehrmeinung – eine Neurodermitis heute zunehmend auch erstmalig bei Erwachsenen. Der Leidensdruck ist nach den Untersuchungen des Referenten in ausgeprägten Fällen dann durchaus vergleichbar demjenigen von Patienten nach Myokardinfarkt.
Für diese schweren Fälle sind auch auf medikamentösem Gebiet Neuerungen in Sicht. Wie der Vorsitzende der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, Prof. Erwin Schöpf (Freiburg), in Gießen ausführte, ist für diese Patienten eine neue, topische Therapie in Erprobung: Ein lokal applizierbares Cyclosporin zielt – ebenso wie die topische Cortisontherapie – auf die Eindämmung der Entzündung ab.
Anders als bei den altbekannten Substanzen sind bei der neuartigen Lokaltherapie zwar Atrophiezustände der Haut zu umgehen, nebenwirkungsfrei ist diese Therapieform jedoch auch nicht. Schöpf berichtete über eine erhöhte Infektanfälligkeit. Ausgeräumt sind offensichtlich Bedenken hinsichtlich eines erhöhten Risikos für Lymphome. Die neue topische Therapie wird allerdings schweren Fällen von Neurodermitis im Erwachsenenalter vorbehalten bleiben und möglicherweise in Zukunft eine Alternative zur UVA-1-Hochdruckbehandlung werden.
Dr. Renate Leinmüller

Prurigoform der Neurodermatitis Foto: Grünenthal GmbH
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