ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2000Wir haben uns als Deutsche gefühlt

SPEKTRUM: Bücher

Wir haben uns als Deutsche gefühlt

Dtsch Arztebl 2000; 97(23): A-1564 / B-1332 / C-1246

Kruse, Andreas; Schmitt, Erle

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LNSLNS Zeitgeschichte
Gegen das Vergessen

Andreas Kruse, Erle Schmitt: Wir haben uns als Deutsche gefühlt. Lebensrückblick und Lebenssituation jüdischer Emigranten und Lagerhäftlingen, Steinkopff Verlag, Darmstadt, 2000, X, 286 Seiten, gebunden, 49 DM
Über einen Zeitraum von acht Jahren interviewten die Autoren jüdische Überlebende von NS-Vernichtungslagern und jüdische Emigranten, die noch rechtzeitig nach Israel, Argentinien und in die USA auswandern konnten. Sie wollten herausfinden, wie sich die Überlebenden im Alter mit ihren Erinnerungen an Verfolgung, Vertreibung, Deportation und Lagerhaft auseinander setzen, wie sich die NS-Gewaltherrschaft auch heute noch auf ihre psychische Situation auswirkt. Auf der Grundlage der insgesamt 248 geführten Interviews erhebt die Untersuchung keinen Anspruch auf Repräsentativität für alle Überlebenden der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Gleichwohl erlauben die Antworten einige Thesen, denen ein allgemein gültiger Charakter zukommt. Deutlich wurde in den Interviews, dass die Erinnerungen bis heute belastend sind, dass die Zeit keine Wunden heilt. Vergangenheitsbewältigung ist ein ständiger Prozess, der erleichtert werden kann durch die Art und Weise, wie ein öffentlicher Diskurs in Gang gehalten wird. Die jüdischen Überlebenden des Nationalsozialismus wünschten sich nicht „ständige Bekundungen von Mitleid und persönlicher Betroffenheit“, sondern seien an der Weitergabe von Wissen und Erfahrungen interessiert. Das Stillschweigen über das Schicksal der Juden in Deutschland ist dagegen für die Betroffenen belastender, da es zu ständiger Verbitterung führt.
Eindrucksvoll sind die fünf beispielhaft dokumentierten Lebensgeschichten jüdischer Emigranten. Für die psychologisch interessierte Fachleserschaft aufschlussreich ist der ausführliche Einblick in die Methodik der Untersuchung, in die Interview-Technik und in das Analyseverfahren.
Thomas Gerst, Köln
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