ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1996Dr. Schorre zur Honorarpolitik: Wir stehen am Wendepunkt

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Dr. Schorre zur Honorarpolitik: Wir stehen am Wendepunkt

Schorre, Winfried

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LNSLNS Der neue EBM und seine Folgen haben zu erheblicher Unruhe unter den (niedergelassenen) Vertragsärzten geführt. Wir, die gewählten Vertreter, haben die Proteste aufmerksam aufzunehmen, aber auch die Hintergründe zu analysieren, Irrtümer und Fehlentscheidungen selbstkritisch zu prüfen und die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Ich glaube, daß die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und ihrem Vorstand vertretene Politik, ein-schließlich EBM und der zuletzt getroffenen Notmaßnahmen, der einzig gangbare Weg aus der derzeitigen Krise heraus ist, die doch primär den politischen Vorgaben und nicht dem eigenen Management anzulasten ist. Mit den zur Stabilisierung der Punktwerte zwingend erforderlichen eingreifenden Maßnahmen der Selbstverwaltung auf Bundes- und auf Landesebene und mit den ab 1997 einzuführenden modifizierten Praxisbudgets werden wir die Lage – auch für den einzelnen Vertragsarzt in Mark und Pfennig sichtbar – stabilisieren. Mir ist dabei völlig klar, daß die Kassenärzte nicht auf Dauer die Probleme, die aus der Budgetierung der Honorare folgen, durch "perfektionierte Mangelverwaltung" lösen können. Wir können zwar vorübergehend versuchen, das durch politische Vorgaben begrenzte Honorarvolumen, so gut es geht, im Rahmen der Mangelverwaltung akzeptabel zu verteilen. Aber wir sind jetzt an einem Wendepunkt angekommen: Es gibt nichts mehr zu rationalisieren. Wenn wir den steigenden Erwartungen der Bevölkerung an die ärztliche Versorgung Rechnung tragen wollen, dann benötigen wir politische Entscheidungen, wie das zu finanzieren ist.
Unsere berechtigten Forderungen an Politik und Krankenkassen, auf Dauer mehr Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, um das mögliche und gewollte Anspruchsniveau der gesundheitlichen Versorgung zu halten, werden allerdings nur dann eine Chance zur Realisierung haben, wenn der Selbstverwaltung nicht vorgeworfen werden kann, das ihr Mögliche nicht getan zu haben. Bisher waren wir gegenüber der Politik verläßliche und doch kritische Verhandlungspartner. Lassen Sie mich noch einmal an die Vorgaben erinnern, die unserer EBM-Politik zugrunde liegen: lDer Gesetzgeber hat uns eine neue Gebührenordnung für die Vertragsärzte abverlangt. Hätten wir keinen neuen EBM vorgelegt, dann hätte es mit Sicherheit eine externe Regelung gegeben. lVorgegeben war auch die Budgetierung. Wir haben wahrhaftig nichts unversucht gelassen, daran etwas zu ändern.
lIm Rahmen des gedeckelten Honorars sollte – das war der Auftrag unserer eigenen Basis – eine Neu- und auch Umverteilung (zum Beispiel zugunsten der hausärztlichen Tätigkeit) vorgenommen werden. Die Vertragsärzte haben nach der Einführung des überarbeiteten EBM zum 1. Januar 1996 generell deutlich vermehrt Leistungen erbracht und abgerechnet. Angesichts des gedeckelten Honorars hat das zu dem bekannten Punktwertverfall geführt. Der Punktwertverfall ist geradezu zum Symbol der Existenzbedrohung geworden.
Das Abrechnungsverhalten erklärt sich zum einen aus der Beachtung der Aufforderung zu mehr Zuwendung in der Medizin, zum anderen aber auch aus dem Gefühl existentieller Bedrohung vieler Kolleginnen und Kollegen.
Wir können freilich auf dem Wege einer panikartigen Flucht in die Leistung nicht weiter fortschreiten. Deshalb die Notmaßnahmen, auch rückwirkend. Deshalb die Praxisbudgets ab 1997. Deshalb aber auch an dieser Stelle mein eindringlicher Appell an alle Kolleginnen und Kollegen, Gruppeninteressen, so verständlich sie sein mögen, zurückzustellen und ihre Selbstverwaltungsorgane darin zu bestärken, im Konsens Lösungen zu finden. Ich werde niemandem nach dem Munde reden, sondern mich um allgemein konsensfähige Lösungen, erträgliche Kompromisse bemühen – und weiter berechtigte Forderungen an die Politik herantragen.

Dr. med. Winfried Schorre
Erster Vorsitzender der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Köln

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