ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2000Begutachtung von Asylbewerbern: Zwischen Staatsraison und Patientenwohl

THEMEN DER ZEIT: Reportage

Begutachtung von Asylbewerbern: Zwischen Staatsraison und Patientenwohl

Dtsch Arztebl 2000; 97(23): A-1580 / B-1352 / C-1260

Korzilius, Heike

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LNSLNS In Gutachten zu Krankheiten, zur Reise- und Flugfähigkeit von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Abzuschiebenden ist ärztlicher Sachverstand gefragt. Ärzte laufen dabei Gefahr, sich politisch instrumentalisieren zu lassen.

Flughafen Frankfurt am Main. Äußerlich unterscheidet nichts das Gebäude 182 von zahllosen anderen Verwaltungseinheiten im Transit-Bereich. Niemand erkennt, dass auf zwei Etagen des ehemaligen Frachtgebäudes zuweilen bis zu 200 Menschen untergebracht sind, die
das so genannte Flughafenverfahren durchlaufen. Sie sind entweder aus einem sicheren Herkunftsland oder ohne gültigen Pass am Flughafen angekommen und haben um Asyl gebeten. Seit dem Asylkompromiss von 1993 müssen diese Menschen am Flughafen bleiben, bis darüber entschieden wird, ob ihr Asylantrag berechtigt ist, sie mithin in die Bundesrepublik einreisen dürfen, oder sie zurückgewiesen werden.
Eine Metalltür führt in ein enges Treppenhaus, an dessen Ende man durch eine weitere Metalltür in die so genannte Schleuse gelangt. Ein Beamter des Bundesgrenzschutzes kontrolliert hinter Panzerglas jeden Besucher. Erst danach öffnet er die dritte Metalltür, den Zugang zur Flüchlingseinrichtung. Über verwinkelte Flure und ein vergittertes Treppenhaus führt der Weg in den Bereich, in dem die Flüchtlinge untergebracht sind. Der kahle, große Aufenthaltsraum hat nur ein Fenster, auch im Sommer brennt den ganzen Tag das Neonlicht. An diesem Tag halten sich 46 Flüchtlinge im Gebäude 182 auf, das für 70 Personen ausgerichtet ist. An einem Tisch sitzt eine junge Irakerin. Sie wirkt apathisch. Um sie herum laufen drei ihrer vier kleinen Kinder. Für sie gibt es keine Spielecke, nur wenige Spielsachen und keine Möglichkeit, nach draußen zu gehen. Deshalb umkreisen sie neugierig die Besucher. Die älteste Tochter sitzt still am Tisch. Seit einiger Zeit isst sie kaum noch. Die Familie ist bereits seit zwei Monaten in der gefängnisartigen Einrichtung. Sie soll zurückgewiesen werden, hat aber noch immer keine gültigen Ausreisepapiere.
Das Asylverfahrensgesetz sieht vor, dass das Flughafenverfahren innerhalb von 19 Tagen abgeschlossen sein soll. Häufig ist es jedoch schwierig und langwierig, den ohne gültige Papiere eingereisten Flüchtlingen über ihre Botschaften oder Konsulate Ersatzpapiere zu beschaffen.
Es gibt nichts zu tun –
außer warten und bangen
Die Luft in dem Raum, der auch als Esssaal dient, ist durchsetzt mit dem Geruch von Kerosin. Das Fenster ist vergittert und lässt sich – wie alle anderen auch – nur einen Spalt breit öffnen. Zwei Flüchtlings-Jungen aus Ruanda sitzen vor dem einzigen Fernseher. Die Sprache verstehen sie nicht. An einer Tischtennisplatte versuchen sich zwei junge Männer im Spiel. Eine junge Frau bügelt ihren Sari. Einige, die sich miteinander verständigen können, unterhalten sich. Ansonsten gibt es nichts zu tun. Nur warten, grübeln, hoffen, bangen.
„Die Zahl derer, die länger als 19 Tage hier sind, ist rapide gestiegen“, sagt Javad Adineh. Er ist der stellvertretende Leiter des Flughafen-Sozialdienstes, der die Flüchtlinge betreut. Träger sind der Evangelische Regionalverband und die Caritas, finanziert wird die Einrichtung vom Land Hessen. Adineh und seine Mitarbeiter haben die Erfahrung gemacht, dass sich der Gesundheitszustand der Menschen, die länger als 19 Tage in der Einrichtung leben, verschlechtert. „Es ist die Monate andauernde Situation zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die die Leute krank macht“, sagt Adineh. Viele der Flüchtlinge hätten Angst vor einer Rückkehr in ihren Heimatstaat. Sie seien durch das lange Warten frustriert, viele würden lustlos, depressiv oder aggressiv. Schwierig sei die Situation auch für die Kinder. „Die Einrichtung ist nicht kindgerecht, und die Kinder wissen gar nicht, warum sie hier sind“, sagt Adineh. Zudem seien die Eltern aufgrund ihrer psychischen Situation häufig nicht in der Lage, sich angemessen mit ihren Kindern zu beschäftigen: „Die haben ihre eigenen Sorgen und wissen nicht, wie es weitergehen soll.“
Seit einem halben Jahr betreut ein Allgemeinarzt dreimal die Woche für zwei Stunden die Flüchtlinge. Finanziert wird die medizinische Grundversorgung vom Land Hessen. Wenn es nötig erscheint, werden
die Flüchtlinge – in Begleitung von Beamten des Bundesgrenzschutzes – an niedergelassene Fachärzte oder
ins Krankenhaus überwiesen. Aber, schränkt Adineh ein, das Problem der Lebensumstände lasse sich nicht medizinisch lösen.
Wie groß der psychische Druck auf die Menschen in Gebäude 182 ist, lässt die Statistik ahnen. Allein in den vergangenen drei Jahren gab es 18 Suizidversuche. Erst im Mai dieses Jahres hat sich eine Frau, die angab, aus Algerien zu stammen, aus Angst vor ihrer drohenden Zurückweisung im Duschraum erhängt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits acht Monate in der Einrichtung verbracht. Ihr Asylbegehren war abgewiesen worden. Um die psychische Betreuung der Flüchtlinge zu verbessern, fordert Adineh von der Landesregierung, der Einrichtung einmal wöchentlich einen Psychiater zur Verfügung zu stellen.
Zumindest räumlich soll sich die Situation der Flüchtlinge entspannen. Im Herbst 2001 soll ein Gebäude der ehemaligen US-Air-Base auf dem Frankfurter Flughafen hergerichtet sein, das über einen direkten Zugang ins Freie und einen Spielplatz verfügt. Zudem sind spezielle Wohneinheiten für Familien, allein reisende Frauen, allein reisende Minderjährige und abgelehnte Asylbewerber vorgesehen. Obwohl Gebäude 182 als Provisorium gedacht war, haben dort im letzten Jahr rund 1 500 Menschen das Flughafenverfahren durchlaufen. 30 Prozent von ihnen wurden abgelehnt.
Von der schwierigen Lebenssituation im Transit sprechen auch die Ärzte, die am Frankfurter Flughafen arbeiten und einspringen, wenn der Allgemeinarzt nicht zur Verfügung steht. Was medizinisch nötig sei, könne in akuten Fällen bislang geleistet werden, sagt einer der Ärzte. Psychologisch könne man die Menschen jedoch nicht betreuen. Mit Blick auf den Selbstmord der Algerierin fügt er hinzu: „Man kann nicht jemanden ein halbes Jahr in dieser Einrichtung lassen.“
„Bei Abschiebungen
wirken wir nicht mehr mit“
Am Frankfurter Flughafen kommen nicht nur täglich Asylbewerber an. Über Frankfurt läuft ein großer Teil der Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern. Auch dabei wird vielfach auf ärztlichen Sachverstand zurückgegriffen, sei es, um die Reise- oder Flugfähigkeit des Abzuschiebenden zu beurteilen oder ihn ärztlich begleiten zu lassen. „Im Rahmen von Abschiebungen wirken wir nicht mehr mit“, betont einer der Flughafen-Ärzte. Er verweist auf den Fall von Kola Bankole. Die Abschiebung des Nigerianers war bereits mehrfach an dessen Gegenwehr gescheitert. Der Bundesgrenzschutz (BGS) hatte daher bei einem erneuten Abschiebungsversuch im August 1994 einen Arzt als Begleitung angefordert, „um Schaden von Bankole abzuwenden“, wie sich ein Flughafenarzt erinnert. Dieser hatte es offenbar als medizinisch indiziert angesehen, Bankole, der völlig außer sich gewesen sei, ein Beruhigungsmittel zu verabreichen. Aufgrund seiner heftigen Gegenwehr hätten zeitweilig bis zu sieben Beamte des Bundesgrenzschutzes versucht, den Mann gewaltsam zu bändigen, berichtet der Arzt. Bankole starb. Die Liste demokratischer Ärztinnen und Ärzte in der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen hatte damals das Vorgehen des Arztes heftig kritisiert. Sie sah darin eine Verletzung der Berufsordnung, weil die medizinische Maßnahme offenbar der Erleichterung der Abschiebung und nicht dem Wohl des Patienten diente. Beim folgenden Prozess fand sich der beteiligte Arzt allein auf der Anklagebank. Das Verfahren gegen ihn wurde jedoch eingestellt.
Vor dem Hintergrund dieses Falles haben die Ärzte am Flughafen beschlossen, nicht mehr mit dem Bundesgrenzschutz zu kooperieren, auch nicht in Fragen der Reise- oder Flugtauglichkeit. „Wir können uns nicht zum Sündenbock des Staates machen lassen, und wir sind auch nicht dazu da, Leute transportfähig zu spritzen“, sagt einer der Ärzte. „Im Fall von Bankole hat sich der Arzt von den Behörden missbrauchen lassen, ohne es zu sehen.“ Lasse man sich darauf ein, sich im Auftrag staatlicher Stellen an Abschiebungen zu beteiligen, werde man zum Reibekissen zwischen Asylbewerber und Behörden. „Da steht man schnell zwischen Staatsraison und ärztlicher Ethik“, sagt sein Kollege. Seine Lösung: „Ich beantworte nur ärztliche Fragen. Wir sind neutral. Wir wollen uns von keiner Seite instrumentalisieren lassen.“ In dieser Haltung fühlt er sich durch einen Beschluss des 102. Deutschen Ärztetages bestätigt. Die Delegierten hatten 1999 in Cottbus befunden, dass Abschiebehilfe durch Ärzte in Form von Flugbegleitung, zwangsweiser Verabreichung von Psychopharmaka oder Ausstellung einer Reisefähigkeitsbescheinigung mit den ethischen Grundsätzen der ärztlichen Berufsordnung nicht vereinbar sind. In der Begründung heißt es unter anderem, dass bei Widerstand des Abzuschiebenden bisweilen Fesselungen in atembehindernden Stellungen vorgenommen würden, die allein in den USA in 86 Fällen zum Erstickungstod geführt hätten. Solchen inhumanen Abschiebemethoden liege eine Asylpraxis zugrunde, die vielen Asylbewerbern nicht gerecht werde.
Dass vor dem Hintergrund der verschärften Asylgesetzgebung Probleme der Politik verstärkt auf die Ärzteschaft abgeladen werden, konstatiert auch der Menschenrechtsbeauftragte der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, Dr. med. Ernst Girth: „Bei der Begutachtung übernehmen Ärzte häufig eine Feigenblattfunktion für die Politik.“ Besonders brisant seien eingeschränkte Fragestellungen wie die nach der Flugtauglichkeit. Bei der Beurteilung müsse der Arzt neben der Schwere der Erkrankung die Behandlungsmöglichkeit im aufnehmenden Land berücksichtigen. Das besagen auch die Grundsätze, die die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen den Ärzten für die Prüfung der Transportfähigkeit von Abzuschiebenden an die Hand gegeben hat. Schwierig ist es jedoch, diese durchzusetzen, da die betroffenen Ärzte, meist Angehörige des Bundesgrenzschutzes oder Amtsärzte, nicht dem Disziplinarrecht der Kammer unterstehen.
Um die medizinischen Belange der Abzuschiebenden kümmern sich derzeit in Frankfurt zwei Allgemeinärzte des Bundesgrenzschutzes. Bei bis zu 12 000 „Rückführungen“ jährlich sind die Ärzte täglich im Einsatz, um „unklare Gesundheitszustände“ zu klären. Blieben trotz medizinischer Untersuchung Zweifel, werde der Betroffene nicht abgeschoben, betont Dr. med. Klaus Merle, einer der beiden BGS-Ärzte. Auch wenn durch eine vorzeitige Abschiebung beispielsweise nach einem Beinbruch bleibende Schäden drohten, bleibe der Patient zunächst hier. „Das hat schon häufig zu Kontroversen mit dem Ausländeramt geführt“, so Merle.
Es wird niemand
„flugfähig gespritzt“
Auch die Abschiebung chronisch Kranker wie Hepatitis-C- oder HIV-Infizierter werde abgelehnt. „Die Erkrankung wird durch die Rückführung nicht schlechter, aber es besteht eine Gefahr für die begleitenden Beamten“, lautet die Begründung. Psychisch Kranke oder Menschen, die
an Krampfanfällen litten, würden auf dem Flug stets von einem approbierten Arzt begleitet, der kundig sei im Umgang mit Psychopharmaka. Derzeit greift der Bundesgrenzschutz auf drei Ärzte zurück, die gegen ein Honorar die Flugbegleitung übernehmen. Merle betont, dass in keinem Fall Medikamente verabreicht würden, um eine Abschiebung zu ermöglichen. Pro Asyl bestätigt, es gebe derzeit „keine belegten Fälle, in denen Leute flugfähig gespritzt werden“.
Die Beurteilung der Reisefähigkeit beschränkt sich Merle zufolge auf die Diagnose. Lägen weder physische noch psychische Krankheiten vor, „dann kann er fliegen“. „Wir schießen aber nicht übers Ziel hinaus“, betont er. Im Zweifel entscheide man sich für den Verbleib des Asylbewerbers. Es bleiben die ethischen Bedenken eines Teils seiner ärztlichen Kollegen, die kritisieren, dass sich die Beurteilung der Reisefähigkeit häufig auf die Frage reduziert: „Überlebt er den Flug?“ Dazu Merle: Das Gericht entscheide in einem rechtstaatlichen Verfahren, wann eine Abschiebung anstehe. „Ein Arzt sollte sich nicht anmaßen, die richterliche Gewalt infrage zu stellen. Ich werde nicht gefragt, ob das hier richtig oder falsch ist. Das ist nicht mein Job.“ Dem Arzt müsse es jedoch möglich sein, in angemessener Weise seine Diagnose zu stellen.
Wie umstritten ärztliche Gutachtertätigkeit in einem brisanten politischen Umfeld sein kann, zeigt sich derzeit in Berlin. Dort werfen sich der Polizeiärztliche Dienst und niedergelassene Fachärzte beziehungsweise Mitarbeiter der Behandlungszentren für Folteropfer gegenseitig vor, Gefälligkeitsgutachten zu erstellen. Dabei geht es um 800 der rund 10 000 noch in Berlin lebenden Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina. Ihnen haben niedergelassene Fachärzte eine posttraumatische Belastungsstörung bescheinigt, die einer Abschiebung entgegensteht.
Auf Weisung des Innensenats überprüft der Polizeiärztliche Dienst seit Anfang 1999 systematisch sämtliche vorgelegten fachärztlichen Atteste, die eine Traumatisierung bescheinigen. Dabei kommen die Polizeiärzte in fast allen Fällen – bislang haben sie rund 300 begutachtet – zu einem anderen Ergebnis als die behandelnden Ärzte.
Angelika Birck, Psychologin am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin, hat aufgrund der großen Zahl diskrepanter Begutachtungsergebnisse in einer Studie polizeiärztliche Atteste mit den Stellungnahmen niedergelassener Fachärzte verglichen. Sie kommt zu dem Ergebnis, die polizeiärztlichen Gutachten orientierten sich nicht an internationalen Diagnose- und Qualitätsstandards, seien in ihrer Argumentation und Schlussfolgerung inkonsistent, widersprüchlich und aus medizinischer und psychologischer Sicht fachlich nicht nachvollziehbar. Die Argumente der Polizeiärzte machten nur in einem politischen Kontext Sinn, „der die Durchsetzung der Abschiebung fordert“, so die Folgerung von Birck. Die Polizeiärzte argumentierten entweder, die untersuchte Person sei gesund oder ihre Krankheit stehe in keinem Zusammenhang zu traumatischen Erlebnissen und es bestehe kein Behandlungsbedarf. Könne dieser nicht geleugnet werden, befänden die Polizeiärzte, die Behandlung sei auch im Herkunftsland möglich. Das bestreitet Birck. Rückendeckung erhält sie dabei vom Büro der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen, Marieluise Beck. Ein Mitarbeiter schrieb Birck Anfang Mai, trotz der verbesserten medizinischen Infrastruktur sei derzeit in Bosnien und Herzegowina keine sinnvolle Therapie von Traumatisierten möglich. Eine Abschiebung traumatisierter Personen komme daher regelmäßig nicht mehr in Betracht.
Birck weist zudem auf die Gefahr einer Retraumatisierung hin, sollten die kranken Flüchtlinge zwangsweise abgeschoben werden. Für viele bedeute dies eine erneute Konfrontation mit ihren Peinigern. Schon das Hören des heimatlichen Dialektes könne Belastungssituationen auslösen, die im Extremfall zu akuter Suizidalität führten. „Das Risiko ist nicht zu verantworten“, so Birck.
Haben die Polizeiärzte die
fachliche Qualifikation?
Zu einem ähnlich vernichtenden Urteil über die Qualität der Begutachtungspraxis des Polizeiärztlichen Dienstes gelangte auch das Verwaltungsgericht Berlin: „Dass die eingesetzten Ärzte die erforderliche fachliche Qualifikation für eine solche Begutachtung besitzen, kann nicht festgestellt werden“, heißt es in einer Urteilsbegründung. In allen Fällen, in denen auf richterliche Anordnung ein „Drittgutachten“ angefertigt wurde, hat bislang der gerichtlich bestellte Sachverständige die Diagnose der niedergelassenen Fachärzte über eine Traumatisierung bestätigt. Das Gericht kritisierte zudem, dass bei den Untersuchungen des Polizeiärztlichen Dienstes keine professionellen Dolmetscher eingesetzt wurden. In einem Fall habe die achtjährige Tochter einer Bosnierin als Übersetzerin gedient. Eine solche Verfahrensweise müsse „als offensichtlicher, durch nichts zu rechtfertigender ärztlicher Kunstfehler angesehen werden“.
Davon unbeeindruckt ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse gegen zwei niedergelassene Ärzte, die rund 600 Flüchtlingen eine Traumatisierung attestiert haben. Allerdings konnte der Vorwurf der Gefälligkeitsatteste nicht belegt werden. Vielmehr wurde in bislang zehn Fällen von einem gerichtlich bestellten Sachverständigen die ursprüngliche Diagnose über eine Kriegstraumatisierung bestätigt. Dennoch hat die Polizei die Praxis der Ärzte durchsucht und Patientenakten beschlagnahmt. Gegen die betroffenen Patienten wird ebenfalls ermittelt. Ihnen wird vorgeworfen, unrichtige Gesundheitszeugnisse zu gebrauchen und damit gegen das Ausländergesetz zu verstoßen. Offenbar genügen der Staatsanwaltschaft die umstrittenen polizeiärztlichen Gutachten als Grundlage für ein Ermittlungsverfahren. „Ich halte das für ungeheuerlich“, sagt der Rechtsanwalt der beschuldigten Ärzte. Hier werde nach einem Weg gesucht, Flüchtlinge zu kriminalisieren. Damit erhöhe man den Druck auf die Betroffenen, „die Segel zu streichen“.
Die beschuldigten Ärzte sind überzeugt, dass in Berlin versucht wird, die Medizin für die Politik zu instrumentalisieren. Den Vorwurf, dass sie rund 600 Patienten eine Traumatisierung attestiert haben, erklären sie damit, dass es neben Institutionen wie dem Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin nur zwei Fachärzte gebe, die Serbokroatisch, die Muttersprache der Patienten, sprechen – Voraussetzung für eine angemessene Therapie. „Wir sind von der Flüchtlingsproblematik überrollt worden“, sagt einer der Ärzte, die in ihrem Praxisalltag feststellen, dass sich der Gesundheitszustand ihrer Patienten verschlechtert, je länger deren unsicherer Aufenthaltsstatus andauert. Zusätzlich belastend, teils retraumatisierend, seien die Untersuchungen beim Polizeiärztlichen Dienst: „Es ist eine Schande, wie manche Patienten da behandelt werden.“ Als Beleg dienen ihnen Auszüge aus den Gedächtnisprotokollen einiger Patienten. Frau T. S. schreibt: „Als ich darüber [über die Kriegserlebnisse, d. Red.] erzählt habe, habe ich mich gefühlt, als ob dies gerade geschieht. Ich habe krampfartig geweint und um das Atmen gekämpft. . . . Nach dem Gespräch konnte ich drei Nächte lang nicht schlafen.“ Herr C. U.: „Das Sprechen fiel mir schwer, da mein Sohn alle Einzelheiten [über Krankheit und Krieg, d. Red.] übersetzen musste. . . . Unser Gespräch dauerte circa 25 Minuten.“
Ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Polizeiärztinnen, denen vorgeworfen wurde, Patientendaten an die Kriminalpolizei weitergegeben zu haben, verlief ergebnislos. Der Polizeiärztliche Dienst sah sich gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt nicht in der Lage, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Gleichwohl hat sich mittlerweile die Senatsverwaltung für Inneres geäußert. „Es bestehen keine Zweifel an der Kompetenz des eingesetzten Fachpersonals“, lautet die Antwort auf die Vorwürfe, dem Polizeiärztlichen Dienst fehle die notwendige fachliche Qualifikation bei der Begutachtung traumatisierter Flüchtlinge.
Es gehe im Rahmen der Überprüfung nicht um die Frage, ob allgemein eine Traumatisierung vorliege, sondern darum, ob eine besonders schwer ausgeprägte posttraumatische Belastungsstörung bestehe, die die normale Lebensführung so einschränke, dass ohne Hilfe der Alltag nicht mehr bewältigt werden könne. Dies lasse sich in ein bis dreistündigen Vorspracheterminen relativ verlässlich feststellen. „Nur in diesen Fällen besteht überhaupt noch Abschiebeschutz“, so der Innensenat. Die Wertungen des Verwaltungsgerichts teile man im Übrigen nicht. Zudem seien diese im Rahmen von Einzelfallentscheidungen getroffen worden.
Zweitgutachter müssen
unbhängig sein
Die Kritiker des derzeit in Berlin praktizierten Verfahrens, darunter die Berliner Ärztekammer, wehren sich nicht generell gegen eine Überprüfung von Attesten. Sie fordern jedoch, diese auf begründete Einzelfälle zu beschränken. Zudem sollten die Zweitgutachter über jeden Vorwurf mangelnder Unabhängigkeit erhaben sein und über eine fachliche Qualifikation in der Begutachtung von traumatisierten Flüchtlingen verfügen – eine Forderung, die die Delegiertenversammlung der Berliner Ärztekammer erst kürzlich bekräftigt hat.
Wie deren Menschenrechtsbeauftragter, Torsten Lucas, betont, hat die Berliner Kammer dem Polizeiärztlichen Dienst und der Innenverwaltung bereits mehrfach vergeblich Gespräche angeboten. Inzwischen hat der Innensenat gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt erklärt, ein Gespräch mit dem Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Dr. med. Günter Jonitz, stehe umittelbar bevor.
Brigitte Brand-Wilhelmy, Psychoanalytikerin im Psychosozialen Zentrum für ausländische Flüchtlinge in Köln, findet die Vorgänge in Berlin ungeheuerlich. Dass solches nicht die Regel sein muss, belegt jedoch das Beispiel Köln. „Die Kooperation mit dem Sozialpsychologischen Dienst des Gesundheitsamtes funktioniert gut“, sagt Brand-Wilhelmy. Zudem habe das Zentrum viel Zeit und Arbeit investiert, um beispielsweise im Rahmen gemeinsamer Fachtagungen die Zusammenarbeit mit den Behörden zu verbessern. „Es gibt immer noch genügend Probleme. Aber wir wollen Polarisierungen vermeiden. Das nützt niemandem.“
Am 27. Mai hat sich Bundesinnenminister Otto Schily für traumatisierte Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina und dem Kosovo eingesetzt. Er legte den Ländern nahe, den gesetzlichen Rahmen für längerfristige Duldungen voll auszuschöpfen. Er hat endlich ausgesprochen, was Ärzte- und Menschenrechtsorganisationen seit langem fordern. Heike Korzilius
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