ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2000Somatoforme (funktionelle) Störungen des Urogenitalsystems: Behandlung von Prostatodynie und Reizblase

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Somatoforme (funktionelle) Störungen des Urogenitalsystems: Behandlung von Prostatodynie und Reizblase

Dtsch Arztebl 2000; 97(23): A-1600 / B-1372 / C-1274

Sökeland, Jürgen; Csef, Herbert; Rodewig, Klaus

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In der Praxis des niedergelassenen Urologen sind funktionelle (somatoforme) Störungen sehr häufig. Bei Männern ist die Prostatodynie („chronische Prostatitis“), bei Frauen die „Reizblase“das häufigste funktionelle Krankheitsbild. Psychosomatische Konzepte integrieren prädisponierende somatische Faktoren, Persönlichkeitsmerkmale und psychosoziale Faktoren. Die Letzteren können das Krankheitsbild auslösen und haben bei der Chronifizierung große Bedeutung. Beratung oder Psychoedukation durch den Arzt der Primärversorgung oder spezifische psychotherapeutische Interventionen durch den Fachpsychotherapeuten sind von großer Bedeutung für eine erfolgreiche Behandlung.
Schlüsselwörter: Prostatodynie, chronische Prostatitis, Reizblase, somatoforme Störung

SUMMARY
Somatoform Disorders of the Urogenital System
Functional urologic disorders are very frequent among urologic outpatients. The most common syndromes are prostatodynia (“chronic prostatitis”) in male patients, and irritable bladder in female patients. Psychosomatic concepts integrate predisposing somatic conditions, personality features and psychosocial factors. The latter may trigger the onset and seem to have the greatest influence on chronification. Counselling or psycho-education provided by primary care physicians, or psychotherapeutic interventions by specialists are of major importance for successful treatment.
Key words: Prostatodynia, chronic prostatitis irritable bladder, frequency-urgency syndrome, somatoform disorder

Patienten mit funktionellen beziehungsweise somatoformen Störungen im Urogenitalbereich werden häufig beim niedergelassenen Arzt oder Urologen behandelt, sodass die meisten Patienten nicht stationär aufgenommen werden. Somatoforme (funktionelle) Krankheitsbilder sind die „chronische Prostatitis“ (Prostatodynie) und die Reizblase. Epidemiologische Daten zu funktionellen Störungen oder somatoformen Störungen des urogenitalen Systems fehlen weitgehend. Nach Günthert (6) haben 30 bis 50 Prozent der Patienten in der Sprechstunde des niedergelassenen Urologen eine psychosomatisch bedingte Erkrankung.
Somatoforme Störungen sind in der internationalen WHO-Klassifikation ICD-10 wie folgt definiert:
„Das Charakteristikum ist die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen trotz wiederholter negativer Ergebnisse und Versicherungen der Ärzte, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind. Wenn somatische Störungen vorhanden sind, erklären sie nicht die Art und das Ausmaß der Symptome oder das Leiden und die innerliche Beteiligung des Patienten“ (ICD-10).
Die große und heterogene Gruppe der somatoformen Störungen wird in ICD-10 in verschiedene Kategorien untergliedert. Dies trifft auch für die somatoformen Störungen des Urogenitalsystems zu. Je nach Leitsymptomatik oder betroffener Hauptfunktion lassen sich prinzipiell die in Tabelle 1 aufgeführten Subtypen differenzieren.
Die Heterogenität der somatoformen Störungen liegt auch darin begründet, dass somatische Faktoren unterschiedliche Relevanz haben und Subtypen bedingen (zum Beispiel vorausgehende Infektionen, begleitende Blasenentleerungsstörungen bei Prostatodynie). Tölle (14) hat in seinem Editorial zu Recht darauf hingewiesen.
Funktionell steht also versus morphologisch oder strukturell, nicht etwa versus organisch oder somatisch. Denn die funktionellen Störungen spielen sich am Organ ab, sie sind insofern etwas somatisches.
Falsch wäre es, „funktionell“ gleichzusetzen mit „psychisch“ oder „psychogen“ (14).
Die häufigste somatoforme Störung des Urogenitalsystems ist beim Mann die „chronische Prostatitis“ (Synonyme: Prostatodynie, vegetatives Urogenitalsyndrom). Das weibliche Analogon hierzu ist die „Reizblase“. Die Blase ist ein vegetativ
innerviertes Organ. In der ICD-10-Klassifikation ist sie deshalb in der Kategorie F45.34 als „somatofor-
me autonome Funktionsstörung des Urogenitalsystems“ einzuordnen. Die Prostatodynie (die bakteriell negative chronische Prostatitis oder das vegetative Urogenitalsyndrom) kann entweder als „sonstige somatoforme Störung“ (Ziffer F45.8) oder als
„anhaltende somatoforme Schmerzstörung“ (Ziffer F45.4) eingeordnet werden (3).
Die funktionellen Sexualstörungen sind prinzipiell ebenfalls den funktionellen Beschwerden des Urogenitalsystems zuzuordnen, insbesondere dann, wenn somatische Ursachen ausgeschlossen sind. Wegen zahlreicher Besonderheiten (zum Beispiel komplexe Ätiologie, häufig vorhandene Situations- und Partnerabhängigkeit, enger Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten) werden die sexuellen Funktionsstörungen in der ICD-10-Klassifikation nicht der großen Gruppe der „somatoformen Störungen“ zugeordnet. Die sexuellen Funktionsstörungen finden sich vielmehr im Kapitel F50 bis F59, das „Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren“ enthält. Wegen der Besonderheiten in Ätiologie, Klassifikation und Therapie werden die
sexuellen Funktionsstörungen in diesem Beitrag nicht ausführlicher besprochen. Dieser Themenkomplex wurde Anfang des Jahres bereits in den Heften 6, 8, 10 und 12 des Deutschen Ärzteblatts behandelt.
Prostatodynie, Urogenitalsyndrom und Beckenbodenmyalgie
Die Begriffe chronische bakterielle Prostatitis, chronische abakterielle Prostatitis, chronische unspezifische Prostatitis, Kongestionsprostatitis, prostatisches Syndrom, Prostatopathie und vegetatives urogenitales Syndrom werden als Synonyme für eine Prostatodynie verwendet.
Klinisch muss zwischen der akuten bakteriellen Prostatitis, der chronischen Prostatitis, dem so genannten Urogenitalsyndrom und den Beschwerden bei proktologischen Erkrankungen unterschieden werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Urologie hat in ihren Leitlinien (8) die aus Tabelle 2 ersichtliche Einteilung der Prostatitisformen vorgeschlagen.
Gemeinsam sind diffuse Beschwerden im Beckenbereich, die in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit aufgeführt sind:
c Druckgefühl im Damm,
c ziehende Beschwerden in den Leisten, die bis in die Hoden ausstrahlen können,
c vermehrter Harndrang, gelegentlich erschwertes, verlangsamtes Wasserlassen,
c Brennen in der distalen Harnröhre,
c Druckgefühl oder Brennen hinter dem Schambein,
c Spannungsgefühl im Kreuzbeinbereich, Nachträufeln.
Die Symptomatik ist sehr vielgestaltig und kann sich im chronischen Krankheitsverlauf in ihrer Gestalt wandeln. Insgesamt beziehen sich die Symptome überwiegend auf die Harnwege, die Anorektalregion, die Genitalregion und die Sexualfunktion. Der Textkasten Symptomatik der Prostatodynie fasst die genannten Symptomgruppen in ihrer klinischen Phänomenologie zusammen.
Eine große Variabilität unspezifischer Beschwerden und eine chronische Verlaufsform sind charakteristisch (16). Versuche, durch infektiologisch-bakterielle Befunde eine „echte“ bakterielle Prostatitis vom rein psychosomatisch bedingten vegetativen Urogenitalsyndrom zu unterscheiden, haben bislang keine befriedigenden Kriterien bringen können (15, 2). Bei Patienten, bei denen keine bakteriellen Befunde nachweisbar sind, aber die entsprechenden Symptome einer Prostatitis bestehen, wird das Krankheitsbild als vegetatives Urogenitalsyndrom, Prostatodynie oder Beckenbodenmyalgie eingestuft. 52,4 Prozent der Patienten mit chronischer Prostatitis haben keine Entzündungszeichen. Differenzialdiagnostisch müssen auch proktologische Erkrankungen ausgeschlossen werden.
Die Prostatodynie hat mit ihren verschiedenen Subtypen eine wesentliche Gemeinsamkeit mit somatoformen (funktionellen) Störungen anderer Organsysteme. Auch beim Reizdarmsyndrom oder bei der funktionellen Dyspepsie gibt es verschiedene Subtypen, die sich jeweils durch physiologische oder psychosoziale Faktoren unterscheiden.
Meares (11) hat drei Gruppen differenziert:
c Patienten, bei denen Spannungsmyalgien des Beckenbodens im Vordergrund stehen,
c Patienten mit funktionellen Blasenentleerungsstörungen,
c Patienten mit primär stressassoziierten emotionalen Störungen.
Der diagnostische und differenzialdiagnostische Prozess erfordert Sorgfalt, da sowohl die einzelnen Prostatitisformen als auch Syndrome benachbarter Organsysteme (Anorektalregion, Sexualstörungen) ausgeschlossen werden müssen. Die Prostatodynie bleibt schließlich – wie bei anderen somatoformen Störungen auch – eine Ausschlussdiagnose. Der Textkasten Diagnostik der Prostatodynie beschreibt die wesentlichen Untersuchungen im diagnostischen Prozess.
Reizblase
Für die Reizblase werden psychosomatisches Urethralsyndrom, Irritable Bladder, Urethralsyndrom, Frequency-Urgency-Syndrom als Synonyme verwendet.
Die Reizblase gilt als funktionelles Syndrom, da typischerweise – analog dem vegetativen Urogenitalsyndrom – ein korrelierender organpathologischer Befund fehlt.
Bemerkenswerterweise wird das Syndrom der Reizblase fast ausschließlich beim weiblichen Geschlecht diagnostiziert (3). Unter neurophysiologischen Aspekten lässt sich die Reizblase besonders gut über das vegetative Nervensystem erklären. Im Symptombild stehen ständiger Harndrang und Pollakisurie im Vordergrund. Patientinnen mit typischen Reizblasensymptomen sind in der Regel kontinent.
Bei der Reizblasensymptomatik fehlt die Strangurie (Brennen beim Wasserlassen), obwohl einige Patientinnen gelegentlich einen schmerzhaften Dauerreiz verspüren. Objektivierbare organpathologische Befunde im Blasenbereich haben sich bislang nicht erheben lassen. Pathophysiologisch wird eine Dyssynergie der Blasen- und Beckenbodenmuskulatur postuliert. Bei der rezidivierenden „echten“ Zystitis gehen neuere psychosomatische Modelle von einer psychoimmunologischen Sichtweise aus. Sie interessieren sich beson-
ders für die pathophysiologisch intermediären Prozesse, die zu einer lokalen Immunschwäche führen (7). Die
Diagnostik ist wiederum eine Ausschlussdiagnostik (Textkasten Zystitis/Urethritis).
Ätiologie: somatische und psychische Faktoren
Aus der heutigen Sicht der psychosomatischen Medizin liegen den funktionellen (somatoformen) Störungen des Urogenitalsystems keine spezifischen Persönlichkeitsstrukturen oder Konflikte zugrunde. Gleichwohl haben zahlreiche Studien zu den intrapsychischen und psychosozialen Faktoren ergeben, dass offensichtlich Sexualität, Partnerschaft, Geschlechtsidentität und Rollenerwartung bei bestimmten Patienten große Bedeutung haben.
Es erscheint somit nicht überraschend, dass bei über 50 Prozent der Patienten mit einem vegetativen Urogenitalsyndrom zusätzlich Erektions- oder Ejakulationsstörungen festgestellt werden (5) und auch bei Frauen mit Reizblasensymptomatik häufig funktionelle Sexualstörungen auftreten (12). Für Personen dieser Subgruppe kann ein sekundärer Krankheitsgewinn darin liegen, dass die organbezogene Störung als Grund für die Vermeidung des Sexualkontakts ohne Gesichtsverlust herangezogen werden kann (Alibifunktion).
Der psychische Hintergrund der somatoformen Störungen im Bereich des Urogenitaltrakts kann sich vielgestaltig darstellen. So kann die Hauptproblematik in einem Autonomie- beziehungsweise Abhängigkeitskonflikt oder in der Ambivalenz zwischen Kontrolle und Hingabe liegen (9).
Diederichs (4) fand bei Patienten mit chronischer Prostatitis überwiegend zwangsneurotische Persönlichkeitsstrukturen. Dies gilt jedoch nicht als spezifischer Befund dieser Patientengruppe, sondern kann als psychische Komponente bei allen Störungen im Urogenitalbereich eine Rolle spielen. Entwicklungspsychologisch wird dies da-
mit erklärt, dass mit der Kontrol-
le über die Funktion der urethralen und analen Schließmuskeln analog spezifische Entwicklungsschritte vollzogen werden, die verbunden sind mit der Freude an den eigenen im positiven Sinne aggressiven Fähigkeiten.
Liegt eine Störung in dieser Phase der psychosexuellen Entwicklung vor, so können sich Verspannungszustände im Bereich des Beckenbodens einstellen, die als Beckenbodenmyalgie imponieren (13, 7). Bei diesen Patienten lässt sich häufig ein erhöhter Analsphinktertonus feststellen. Meares (11) und Barbalias (1) fanden bei der Prostatodynie zusätzlich zur Beckenbodenhyperaktivität einen geringen Uroflow und vermuten ursächlich eine Blasenhalsspastizität. Bei Frauen mit einer Reizblase können angstauslösende Situationen die Symptomatik verstärken.
Therapie der Prostatodynie
Die Behandlung von Patienten mit chronischer Prostatitis oder anderen chronischen urogenitalen Syndromen wird durch die Klagsamkeit der Patienten erschwert. Der behandelnde Arzt kann sich immer wie-
der zu diagnostischen Eingriffen provoziert fühlen. Hierdurch kann sich eine unselige Kollusion zwischen Patient und Therapeut entwickeln, indem der Patient in „unbewusster Reinszenierung“ möglicher frühkindlicher Konfliktsituationen sich vom Arzt wieder nicht verstanden oder sogar verletzt fühlt, ihn aber in die Rolle des „Schädigers“ drängt (9).
Wichtig ist hervorzuheben, dass nicht nur Patienten mit negativen mikrobiologischen Befunden von einem psychotherapeutischen Angebot profitieren. Janssen et al. (9) sowie Junk-Overbeck et al. (10) stellten fest, dass sich Patienten mit ei-
ner chronischen bakteriellen von denjenigen mit einer abakteriellen Prostatitis psychopathologisch nicht wesentlich unterscheiden. Psychopathologische Auffälligkeiten sind nicht nur ätiologisch relevant, sondern können sich auch im Rahmen einer dysfunktionalen Krankheitsverarbeitung sekundär entwickeln (Chronifizierungsprozess). Psychodynamische und verhaltensmedizinische Therapieansätze zeigten positive Behandlungsergebnisse. Ergänzend können Entspannungsübungen (zum Beispiel autogenes Training) und Körpertherapien hilfreich sein (7).
Psychopathologische Auffälligkeiten sind nicht nur ätiologisch
relevant, sondern können sich auch im Rahmen einer dysfunktionalen Krankheitsverarbeitung sekundär entwickeln (Chronifizierungsprozess). Psychodynamische und verhaltensmedizinische Therapieansätze zeigten positive Behandlungsergebnisse. Auch hier können Entspannungsübungen (zum Beispiel autogenes Training) und Körpertherapien hilfreich sein (7).
Bei der Therapie der funktionellen Störungen des Urogenitaltrakts ist ein Stufenplan sinnvoll. Nicht alle Patienten mit diesen Krankheitsbildern sollen einem Psychosomatiker oder Psychotherapeuten vorgestellt werden. Bei einem Großteil führt die symptomatische urologische Behandlung zu einer Besserung oder Symptomremission. Bei bestimmten Patienten ist eine Überweisung an einen Fachpsychotherapeuten sinnvoll. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Symptomatik einen erheblichen Schweregrad hat, wenn begleitend behandlungsbedürftige psychiatrische Komorbiditäten wie Angst oder Depression bestehen, oder wenn erhebliche Chronifizierungstendenzen vorliegen. Der Stufenplan der Therapieansätze sieht folgende Reihenfolge vor:
c Symptomatische (meist medikamentöse) Therapie durch den Urologen.
c Psychosomatische Grundversorgung durch den Hausarzt oder den Urologen.
c Fachpsychotherapie (durch Fachärzte für psychotherapeutische Medizin, Ärzte mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie oder psychologische Psychotherapeuten).
Eine antibiotische Therapie ist nur bei nachweislich durch Krankheitserreger verursachter Symptomatik sinnvoll. Unter dem irreführenden Terminus „Prostatitis“ werden gelegentlich auch Formen der Prostatodynie mit Antibiotika behandelt. Hierbei kann keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung erwartet werden, ihr Einsatz bei der Prostatodynie ist somit kontraindiziert.
Symptomatisch können bei vorherrschenden Miktionsbeschwerden Phytopharmaka – wie sie zur Behandlung der Prostatahyperplasie verwandt werden – eingesetzt werden. Ebenso wie bei der Applikation von a-Rezeptorenblockern besteht ihre Wirkung in einem relaxierenden Effekt am Blasenhals. Bei stärke-
ren irritativen Beschwerden können ebenfalls spasmolytisch wirksame Substanzen wie Anticholinergika (Trospiumchlorid, Propiverin, Oxybutynin) einen symptomatischen Effekt haben.
Warme Sitzbäder werden als adjuvante Therapie beschrieben.
Therapie der Reizblase
Eine antibiotische Behandlung ist, ebenso wie bei der Prostatodynie, in der Regel nicht angezeigt. Bei vaginalen Begleitentzündungen kann in Ausnahmefällen eine Kurzzeitbehandlung angezeigt sein.
Ein Versuch mit Phytotherapeutika, die einen spasmolytischen Effekt besitzen, wie beispielsweise Rhoival, kann zur Linderung symptomatischer Beschwerden gemacht werden, wobei im Gegensatz zu den Spasmolytika eher auf den Placeboeffekt gesetzt wird.
Alternativ sind Anticholinergika wie Trospiumchlorid oder Oxybutynin bei stärkeren Beschwerden anzuwenden.
Psychosomatische Grundversorgung durch Hausärzte und Urologen
Führt die symptomatische Therapie nicht zu der gewünschten Besserung, so ist dies als Hinweis zu
werten, dass psychosomatische Faktoren oder psychiatrische Komorbiditäten eine bedeutsame Rolle spielen.
Weder bei Patienten mit Prostatodynie noch bei Patienten mit Reizblase sollten sich dann die behandelnden Ärzte aus der bisherigen therapeutischen Hilflosigkeit heraus zu einer forcierten medikamentösen Behandlungskaskade verführen lassen. Nicht selten fordern die Patienten selbst entsprechende Schritte vehement von den Ärzten. Hat die oben beschriebene symptomatische Therapie bei ausreichender Behandlungsdauer zu keinem befriedi-
genden Behandlungserfolg geführt, so erscheint die psychosomatische Grundversorgung durch den Hausarzt oder durch den Urologen sinnvoll. Voraussetzung hierfür ist die psychosomatische Kompetenz des behandelnden Arztes (Weiterbildungsqualifikation nach den Richtlinien der Kassenärztlichen Vereinigungen). Die „kleine Psychotherapie“ durch den Hausarzt oder behandelnden Urologen umfasst in erster Linie therapeutische Gespräche (verbale Interventionen), die die Bewältigung aktueller psychischer Belastungen oder Stresssituationen fördern sollen. Zusätzlich können Entspannungsübungen (zum Beispiel autogenes Training) eingesetzt werden.
Ergeben sich während der psychosomatischen Grundversorgung deutliche Hinweise, dass eine fachpsychotherapeutische Behandlung indiziert ist (beispielsweise bei psychiatrischen Komorbiditäten wie Angst und Depression), so ist eine entsprechende Überweisung an einen Fachkollegen sinnvoll.
Psychotherapie
Psychotherapeutische Interventionen umfassen verschiedene Einflussmöglichkeiten. Die dargestellten intrapsychischen und interpersonellen Konflikte können im Rahmen einer tiefenpsychologisch orientierten Therapie dem Bewusstsein zugänglich gemacht und dann vom Patienten aktiv verändert werden.
Gleichzeitig können Übungen zur Wahrnehmung von körperli-
chen Anspannungszuständen in diesem Bereich vorgenommen werden
(Biofeedback). Verhaltenstherapeutische Übungsprogramme beispielsweise zur Verbesserung des Selbstwertgefühls, der Kommunikationsfähigkeit sowie von Angstbewältigung können hilfreiche Ergänzungen darstellen. Notwendig ist es natürlich, dem Patienten die somatischen und psychischen Zusammenhänge in verständlicher Form nahezubringen, um seine Eigenaktivität und das Erleben der Selbstwirksamkeit zu fördern.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-1600–1604
[Heft 23]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschriften der Verfasser
Prof. Dr. med. Herbert Csef
Arbeitsbereich Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie
Medizinische Poliklinik der
Universität
Klinikstraße 8
97070 Würzburg

Dr. med. Klaus Rodewig
Fachklinik Hochsauerland
Zu den drei Buchen 2
57392 Bad Fredeburg

Prof. Dr. med. Dr. h. c.
Jürgen Sökeland
Institut für Arbeitsphysiologie
Universität Dortmund
Abteilung Ergonomie
Ardeystraße 67
44139 Dortmund


Tabelle 1
Funktionelle Störungen des Urogenitalsystems (Klassifikationsmöglichkeiten nach ICD-10)
ICD-10-Ziffer Diagnostische Kategorie Hauptfunktion
F45.34 Somatoforme autonome Vegetatives Nervensystem
Funktionsstörungen des
urogenitalen Systems
F45.4 Anhaltende somato- Chronischer Schmerz
forme Schmerzstörung
F45.8 Andere somatoforme –
Störungen
F52 Sexuelle Funktionsstörungen Sexualfunktion


Tabelle 2
Formen der Prostatitis (Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Urologie DGU)
Akute Chronische Abakterielle Prostatodynie
bakterielle bakterielle Prostatitis
Prostatitis Prostatitis
Eitriges
Prostatasekret + + + –
Erregernachweis + + +/– –
Symptome Akut, Typische, gleiche Symptomatik
fieberhaft


Symptomatik der Prostatodynie
c Beschwerden im Bereich der Harnwege
Pollakisurie, Algurie, Strangurie, imperative Miktion, Nykturie, Dysurie, (terminales) Brennen
c Beschwerden in der Anorektalregion
Darmtenesmen, Druckgefühl im After, Stuhlunregelmäßigkeiten, Defäkationsschmerz
c Beschwerden in der Genitalregion
Dysästhesien in Genito-Inguinalregion und Damm, Symphysen- und Kreuzbeinschmerz, ziehende Schmerzen in Leisten und Hoden, Schmerz post ejaculationem
c Störungen der Sexualfunktion
Libidostörungen, Potenzstörungen



Diagnostik der Prostatodynie
c Symptomatik
c Anamnese
c Untersuchung des äußeren Genitale
c Reinigung der Glans penis und des Orificium urethrae externum nach Zurückstreifen der Vorhaut
c Urethralabstrich a) Nativ-, Farbpräparat
b) kulturelle Untersuchungen
c Vier-Gläser-Probe
Sediment: Nativ-, Farbpräparat
Spontanurin: Kultur
Mittelstrahlurin: Kultur, Erreger-Resistenzprüfung
Rektale, digitale
Untersuchung und
Prostataexpression: kulturelle Untersuchung
Exprimaturin: Sediment: Nativ-, Farbpräparat
c Zusatzuntersuchungen
Ejakulat (Kultur, Immunelektrophorese:
Coeruloplasmin, Komplement C 3c), Uroflowmetrie, gegebenenfalls Zysturethrogramm, proktologische Untersuchung, Urethrozystoskopie, Prostatabiopsie



Zystitis/Urethritis
c Symptomatik
Fluor, Jucken, Brennen, Schmerzen in der Harnröhre,
zystitische Symptome, geröteter Meatus
c Erreger
Bakterien (übliche Harnwegsinfekterreger), Gonokokken, Mykoplasmen,
Chlamydien, Trichomonaden, Pilze (Candida), Viren (Herpes)
Übertragung im Wesentlichen durch Geschlechtsverkehr!
c Diagnostik
Anamnese: vor allem Miktions- und
Sexualanamnese
Körperliche Untersuchung: äußeres Genitale, Damm,
rektale Untersuchung, Haut
Fluordiagnostik: nativ, Färbung, Kulturen
Harnröhrenabstrich: Färbungen, Kulturen
Mittelstrahlurin: Sediment, Kulturen
gegebenenfalls Uroflowmetrie und Restharnbestimmung
Urethrozystoskopie

 1. Barbalias GA, Meares E, Sant GR: Prostatodynia: clinical urodynamic characteristics. J Urol 1983; 130: 540.
 2. Brähler E: Complaint complexes and psychosomatic aspects. In: Weidner W, Madsen PO, Schiefer HG, eds.: Prostatitis. Berlin, Heidelberg, New York: Springer 1994: 40–48.
 3. Csef H: Somatoforme Störungen in der Urologie. Urologe 1997; A 36: 87–99.
 4. Diederichs P: Zur Psychosomatik der Miktionsstörung. Urologische Psychosomatik. Berlin: Springer 1983.
 5. Diederichs P: Sexualität und Miktionsstörung. Gynäkologe 1986; 19: 37–42.
 6. Günthert EA: Psychosomatische Probleme in der urologischen Sprechstunde. Erfahrungen aus der Tätigkeit des niedergelassenen Urologen. Urologe 1980; 19: 232–235.
 7. Günthert EA, Diederichs P: Psychosomatische Aspekte in der Urologie. In: Adler RH, Herrmann JM, Köhle K, Schonecke OW, Uexküll Th, v Wesiack W, eds: Psychosomatische Medizin. München, Wien, Baltimore: Urban & Schwarzenberg 1996; 5. Auflage
 8. Hofstetter A, Weidner W: Andrologisch bedeutsame Infektionen. Leitlinien der DGU. Der Urologe 1997; A5: 496–499.
 9. Janssen PL, Kukahn R, Spieler KH, Weissbach L: Zur Psychosomatik der chronischen Prostatitis. Z Psychosom Med 1983; 29: 253–269.
10. Junk-Overbeck M, Pott W, Pauli U: Empirische Untersuchungen zur Psychosomatik der chronischen Prostatitis. In: Brähler E, Meyer AE, eds.: Partnerschaft, Sexualität und Fruchtbarkeit. Berlin: Springer 1988.
11. Meares EM, Stamey TA: Bacteriological localization patterns in bacterial prostatitis and urethritis.Invest Urol 1968; 5: 492–518.
12. Molinski H: Sexualstörungen der Frau. Sexualmed 1983; 12: 182–5.
13. Sinaki M, Merrit JL, Stilwell GK: Tension myalgia of the pelvic floor. Mayo Clin Proc 1977; 52: 717.
14. Tölle R: Funktionelle Beschwerden – Somatisierungsstörungen. Dt Ärztebl 1999; 96: A-128–130 [Heft 3].
15. Weidner W, Schiefer HG, Ringert RH: New concepts in the pathogenesis and treatment of prostatitis. Curr Opin Urol 1993; 3: 30–35.
16. Weidner W, Ludwig M: Patient assessment in chronic prostatitis. Curr Opin Urol 1998; 8: 51–54.

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Avatar #725167
Menschenrechtler
am Mittwoch, 29. März 2017, 20:19

Prostatodynie bzw. Störungen der Prostata.

Hatte mich von einem Urologen routinemäßig urologisch untersuchen lassen. Der Urologe tastete alles ab und untersuchte mit Ultraschall. Er meinte, dass die Prostata leicht vergrößert ist und ich damit gut leben könnte. Ich habe auch keine Beschwerden, muss nachts auch kaum auf Toilette. Der Urologe hatte auf seine Kosten einen PSA-Test machen lassen. Da mein PSA bei 14,07, freies 1,47 lag, hat er mir Antibiotika (Levofloxacin) verschrieben und zur Entspannung der Prostata auch Tamsulosin. Bei keiner Verbesserung wollte er mir eine Biopsie machen. Nach dem Antibiotikum war nach 1 ½ Monaten mein PSA auf 18,16, freies 1,54 gesprungen. Habe im Internet recherchiert, darunter auch aufschlussreiche Informationen dahingehend gefunden, dass es ein Verkettungssyndrom von der Lumboischialgie zu den Unterleibsorganen und vom Iliosakralgelenk zum Gesäß, Oberschenkel bis Knie und Organverkettung zur Prostata gibt (http://www.wirbel-sturm.com/ws/index.php/verkettungssyndrom.html). Das alles trifft genau auf mich zu. Leider hat das die Schulmedizin übersehen.
Ich habe seit meiner Jugendzeit wiederholt Kreuzschmerzen, oft mit Gehbeschwerden, seit vielen Jahrzehnten auch mit zunehmenden Schmerzen des Cremastermuskels und nunmehr mit Gesäßschmerzen sowie Beinschmerzen mit mehr Gehbeschwerden. Ich kann mich auch immer schlechter bücken. Gelegentlich klemmt es rechts im Kreuz (ISG-Block). Habe neben Kreuzproblemen auch Polyarthritis und Fibromyalgie. Da Levofloxacin Gelenkschmerzen und Muskelschmerzen hervorruft und das LWS- Syndrom verschlechtert (https://www.sanego.de/Gelenkschmerzen-bei-Levofloxacin+AL, http://www.yamedo.de/forum/75-fluorchinolone.html, https://ciprohilfe.wordpress.com/deine-geschichte/comment-page-4/ u.a.), schmerzte mir das Kreuz noch mehr und seit Einnahme auch noch der rechte Arm.
Das Sitzen verursachte bei Einnahme von Tamsulosin besonders heftige Schmerzen am Cremaster und am Gesäß. Die Beckenbodenverspannung suchte sich offenbar einen anderen Weg. Seit Absetzung des Tamsulosin habe ich weniger Schmerzen. Sicher sind auch die Prostatanerven und -muskeln verspannt und erhöhen damit den PSA-Wert. Prostatamassage erhöht den PSA-Wert angeblich um etwa das 3-fache. Ich werde mich um Chirotherapie bemühen.

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