ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2000Georg Friedrich Louis Stromeyer: Orthopäde, Militärarzt und Literat

VARIA: Geschichte der Medizin

Georg Friedrich Louis Stromeyer: Orthopäde, Militärarzt und Literat

Dtsch Arztebl 2000; 97(23): A-1611 / B-1382 / C-1285

Schultheiss, Dirk; Knöner, Wibke

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LNSLNS Ein berühmter Sohn der Expo-Stadt Hannover

Wer in diesem Sommer der Expo-Stadt Hannover einen Besuch abstattet, wird im Zentrum gleich neben der Oper auf das Standbild Georg Friedrich Louis Stromeyers treffen (Abbildung 1). Er hatte sich schon zu Lebzeiten mit seinen Errungenschaften für die orthopädische Chirurgie und die Kriegschirurgie über das Land hinaus einen Namen gemacht (3), sodass dieses Denkmal bereits acht Jahre nach seinem Tod von den Bürgern der Stadt errichtet wurde.
Jugend und Studium
Georg Friedrich Louis Stromeyer wurde am 6. März 1804 als ältester Sohn des Chirurgen Christian Friedrich Stromeyer (1761 bis 1824) in Hannover geboren. Er wurde der berühmteste Vertreter dieser großen niedersächsischen Ärzte- und Gelehrtenfamilie, aus der innerhalb eines Jahrhunderts insgesamt acht Ärzte hervorgingen (1).
Sein Vater war in Hannover ein bekannter und angesehener Militärarzt und galt als besonders geschickter Chirurg auf dem Gebiet der Kieferoperationen. In seiner Geburtsstadt machte er sich um das Schwefelbad Limmer verdient und wurde durch die Einführung von Jenners Kuhpockenimpfung in Deutschland im Jahr 1799 berühmt. Seine Mutter Louise Louis, die Tochter eines Lotteriedirektors und Kaufmanns, entstammte einer Hannoveraner Hugenottenfamilie (1, 4).
In Hannover besuchte Stromeyer die Vorschule und das Institut Thierbach, wo er sein Abitur erlangte. Geprägt durch seinen Vater, der ihm Wissen und praktische Erfahrungen der Medizin vermittelte, begann der junge Stromeyer bereits im Alter von 17 Jahren am „Collegium Anatomico Chirurgicum“, der Königlichen Chirurgenschule in Hannover, Medizin zu studieren. 1823 wechselte er für zwei Jahre zum Medizinstudium nach Göttingen und setzte dieses dann in Berlin fort. Ein Jahr später, 1826, promovierte er dort mit seiner Dissertation „De hydroceles cura per injectionem“ zum Doktor der Medizin (4, 9).
Ärztliche Tätigkeit
Die folgenden zwei Jahre waren von zahlreichen wissenschaftlichen Reisen geprägt, die den jungen Stromeyer nach Wien, München und Würzburg führten, von wo er intensive Anregungen mitbrachte. 1827 kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und legte dort vor dem „Obermedizinalkollegium“ die medizinische Staatsprüfung ab (4). Danach verließ er Deutschland und ging nach England und Paris, wo er bedeutende Chirurgen seiner Zeit besuchte, wie Guillaume Dupuytren, Jean Dominique Larrey, Philibert-Joseph Roux und Joseph François Malgaigne. Ein Jahr später kehrte er nach Hannover zurück und wurde hier im Alter von 24 Jahren Distriktarzt in einem ärmlichen Viertel der Stadt. Am 14. Mai 1829 gründete er den noch heute bestehenden Hannoveraner Ärzteverein und lehrte unentgeltlich mehrere Jahre an der Chirurgischen Schule. Im selben Jahr gründete er mit Hilfe seiner Mutter eine orthopädische Anstalt in Hannover (1). Hier vollzog Stromeyer im Jahr 1831 erstmalig die Durchführung der subkutanen Tenotomie der Achillessehne zur Beseitigung des Klumpfußes, mit der er über die Grenzen des Landes hinaus in ganz Europa sowie auch in Amerika Bewunderung und Aufmerksamkeit erlangte. 1836 heilte er durch diesen Eingriff den englischen Arzt William John Little (1810 bis 1894), der an einem Pes equinovarus litt (4, 5).
Im Jahr 1838 wurde Stromeyer auf den Lehrstuhl für Chirurgie an der Universität Erlangen berufen, wo er bis 1840 blieb und dann einer zweiten Berufung nach München als Ordinarius für Chirurgie folgte. 1842 nahm Stromeyer letztlich den Ruf nach Freiburg an, wo er seinen orthopädischen Ruhm festigte. 1848 verließ er aufgrund seiner kriegschirurgischen und nationalpatriotischen Neigungen Freiburg und wurde in Kiel Professor für Chirurgie und Generalstabsarzt der schleswig-holsteinischen Armee. Nach 16-jähriger Abwesenheit kam er in seine Heimatstadt zurück und wurde 1854 bis zur Auflösung der Armee im Jahr 1866 zum Generalstabsarzt der Hannoveraner Armee ernannt. Er organisierte das hiesige Militär- und Sanitätswesen und schuf in dieser Zeit ein neues Militär-Generalhospital. Zudem verschaffte er erstmals in Deutschland den Ärzten in der Armee den Rang eines Offiziers (1). 1867 verließ Stromeyer den aktiven Dienst und arbeitete bis kurz vor seinem Tod 1876 nur noch in privatärztlicher Tätigkeit.
Stromeyer und Hannover
Sowohl seine gesamte Jugend als auch seinen letzten Lebensabschnitt zwischen 1854 bis zu seinem Tod 1876 verbrachte Georg Friedrich Louis Stromeyer in seiner Geburtsstadt Hannover. Im Jahr 1831 heiratete er eine Tochter des Hamburger Bankiers Bartels, mit der er eine glückliche Ehe führte, aus der drei Töchter hervorgingen. Seine älteste Tochter Anna sollte später Stromeyers berühmten Schüler Johann Friedrich August von Esmarch (1823 bis 1908) heiraten.
In seiner Geburtsstadt gedenkt man immer noch des großen Meisters der Chirurgie: Von seinen Freunden und Verehrern wurde Stromeyer acht Jahre nach seinem Tod am 16. September des Jahres 1884 das Denkmal des Bildhauers Rassau im Zentrum Hannovers an der belebten Georgsstraße nahe dem Opernhaus errichtet. Neben diesem Standbild gibt es im Stadtteil Hannover-List noch heute eine Stromeyer-Straße.
Am 6. April 1876 feierte er in Hannover in Anwesenheit namhafter Vertreter der deutschen Chirurgen sein 50-jähriges Doktorjubiläum. Anlässlich dieser Feier wurde das wiedergegebene Festblatt verfasst (Abbildung 2), auf dem neben einem Porträt alle seine Lebensstationen aufgeführt sind. Nur zwei Monate später, am 15. Juni 1876, starb er im Alter von 72 Jahren genau wie sein Freund Johann Friedrich Dieffenbach „inmitten ärztlichen Handelns“ (4). Georg Friedrich Louis Stromeyer wurde auf dem Stadtfriedhof Engesohde in Hannover beigesetzt.
Wissenschaftliches Werk
Stromeyer war auf literarischem Gebiet außerordentlich fleißig. Seine Werke waren von „sprachlicher Eleganz und Gewandtheit“ (10) sowie klar und präzise dargestellt.
Sein größtes wissenschaftliches Verdienst ist die Etablierung der subkutanen Myotomie und Tenotomie in der Chirurgie. Der erste Band seines Lebenswerkes „Handbuch der Chirurgie“, den er seinem Freund Johann Friedrich Dieffenbach (1792 bis 1847) widmete, erschien 1850 während seiner Freiburger Tätigkeit; der zweite Band folgte im Jahre 1868 (6).
Mit seinem zweibändigen Werk „Maximen der Kriegsheilkunst“ (1855/1866) (7), die einen „der wertvollsten Edelsteine der deutschen Chirurgie“ (2) darstellen, wurde er zu einem der bedeutendsten Militärchirurgen. Als Nachtrag zu diesem Werk erschien 1867 „Erfahrungen über Schusswunden“ (8). Zu seinen letzten großen Arbeiten zählt seine Autobiografie in zwei Bänden „Erinnerungen eines deutschen Arztes“ (1875) (9).
Literatur bei den Verfassern
Anschrift für die Verfasser
Wibke Knöner
Dirk Schultheiss
Koblenzer Straße 12
30173 Hannover

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