ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2000Dicke sind nicht angesagt: Fett ist auch auf Fidschi out

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Dicke sind nicht angesagt: Fett ist auch auf Fidschi out

Dtsch Arztebl 2000; 97(23): [60]

AE

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LNSLNS Marius Müller-Westernhagen kann wahrscheinlich nichts dafür. Damals in Deutschland jedenfalls, vor ungefähr zehn Jahren, hatte er gut singen. Dicke? Iih, wie eklig! fand er.
Die Folgen des Spottgesangs? Depressionen bei Dicken, Selbstmordversuche von Übergewichtigen, ein Ansturm neuer Mitglieder bei den Weight Watchers? Wir wissen es nicht. Müller-Westernhagen jedenfalls erhielt Unterstützung von ungeahnter Seite. Die Couturiers aus Paris, Mailand und New York verabschiedeten die 80er-Jahre mit ihren Pullis in Übergrößen und Fledermausärmeln und holten die Siebziger wieder zurück: Wer in war, trug jetzt stramm sitzende Schlaghosen und bauchfreie Leibchen. Dann kam Kate Moss, und irgendwann konnten nur noch Zwölf- bis Vierzehnjährige bei Calvin Klein einkaufen, alle anderen setzten sich auf Diät. Bislang hat sich daran noch nicht allzu viel geändert.
Auf den Fidschi-Inseln spricht man ja im Allgemeinen kein Deutsch. Trotzdem können Dicke seit einiger Zeit auch dort nicht mehr glücklich und in Frieden leben. Dort galt bis vor kurzem der einfache Satz: Big is beautiful, stämmig ist schön. Das ist jetzt anders. Immer mehr junge Mädchen auf Fidschi finden sich selbst zu dick, fand Dr. Anne Becker heraus, Professorin der medizinischen Anthropologie an der Harvard Medical School und der Psychiatrie am Massachusetts General Hospital in Boston (JAMA 2000; 283: 1409). In dem Dorf, dessen Bevölkerung sie untersuchte, sind zwar immer noch vier Fünftel der Frauen übergewichtig. Aber die Mädchen zwischen 15 und 19 setzen sich auf Diät.
Vielleicht ist ja doch Kate Moss schuld. Seit 1995, dem ersten Jahr von Bekkers Untersuchung, haben die Fidschianer nämlich ihren ersten und bislang einzigen Fernsehkanal. Gesendet werden im Zeitalter der Globalisierung keine Eigenproduktionen, sondern Importe aus den USA, Großbritannien und Australien. Und deren Hauptdarstellerinnen sind allesamt rank und schlank wie zwölfjährige Calvin-Klein-Kundinnen. So wollen die jungen Fidschianerinnen jetzt auch aussehen.
Vielleicht geht ja die Rate der Herzinfarkte auf Fidschi zurück, oder der Bluthochdruckerkrankungen. Dafür leiden jetzt viel mehr Jugendliche unter Essstörungen als früher. AE
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