ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Gesundheitssicherung/Demoskopie: Hohe Zufriedenheit

POLITIK: Aktuell

Gesundheitssicherung/Demoskopie: Hohe Zufriedenheit

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1642 / B-1410 / C-1306

Clade, Harald

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LNSLNS Die Bevölkerung ist mit den Leistungen des Gesundheitswesens offenbar zufriedener, als dies von Kritikern in Politik und von den Krankenkassen unterstellt wird. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage

Die Deutschen erteilen dem Gesundheitswesen und seinen Einrichtungen überwiegend sehr gute bis gute Noten. 65 Prozent der Befragten sind mit den Leistungen „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“, neun Prozent sind sogar „voll und ganz“ zufrieden, wohingegen 22 Prozent der Befragten „eher nicht“ und lediglich drei Prozent „überhaupt nicht zufrieden“ waren. Dabei ist der Zufriedenheitsgrad der Sechzigjährigen und älteren Versicherten überdurchschnittlich und bei Beziehern relativ ho-
her Einkommen unterdurchschnittlich. Bei den übrigen Bevölkerungsgruppen wurden keine nennenswerten Unterschiede im Urteil festgestellt. Die Zufriedenheit mit den Leistungen hängt auch vom momentanen Gesundheitszustand und Wohlbefinden des Befragten ab. Befragte, die keine gesundheitlichen Probleme haben, äußerten eine höhere Akzeptanz als Personen, die ihren derzeit relativ schlechten Gesundheitszustand auf Defizite in der Versorgung mit gesundheitlichen Leistungen zurückführen. Chronisch Kranke teilen zumeist den hohen Zufriedenheitsgrad mit den Gesunden.
Dies ergab eine Umfrage des Instituts Emnid GmbH & Co., Bielefeld, im Auftrag der Firma Janssen-Cilag GmbH, Neuss, die Ende 1998/
Frühjahr 1999 durchgeführt wurde, die jetzt gedruckt vorliegt.
Die Ergebnisse: Das qualitative Niveau der Versorgung wird überwiegend anerkannt. 33 Prozent der Erwachsenen befanden, die gesundheitliche Versorgung sei ausgezeichnet („Ich teile diese Auffassung voll und ganz“); weitere 53 Prozent sind „eher“ dieser Meinung, dagegen nur zehn Prozent „eher nicht“, und lediglich ein Prozent ist der Meinung, die Versorgung sei überhaupt nicht zufriedenstellend.
Die Gesundheitsleistungen wurden problemlos und ohne höhere finanzielle Barrieren erreicht, wird anerkannt. Von rund 33 Prozent wird angegeben, dass sie befürchten, das Leistungsniveau werde sich künftig verschlechtern – und zwar sowohl im Hinblick auf die Quantität als auch auf die Qualität (24 Prozent). 25 Prozent mutmaßen eine Verbesserung beim Umfang der Leistungen, bei der Qualität der Versorgung sogar 28 Prozent. Die Ostdeutschen sind dabei optimistischer als die Westdeutschen.
Trotz der hohen Zufriedenheit mit dem Gesamtversorgungssystem werden auch Defizite im Hinblick auf die Versorgungs- und Verteilungsgerechtigkeit wahrgenommen. Volle Zustimmung erteilten die Befragten zur These, das Versorgungssystem werde sich zunehmend in eine „Zwei-Klassen-Medizin“ entwikkeln. 40 Prozent meinen, nicht jeder Patient werde gleichbehandelt. Beklagt wird auch, dass der Einzelne und die Gruppe zu wenig Einfluss auf die Gesundheitspolitik und die Gestaltung der Leistung der Krankenversicherten hätten. Die Autonomie der Versicherten und Patienten sei zuweilen eingeschränkt. Deshalb müssten die Patientenrechte und die Durchsetzung von Rechtsansprüchen im Zusammenhang mit der ärztlichen Behandlung gestärkt werden. Die Ärzte sollten bei Behandlungsfehlern stärker zur Rechenschaft gezogen werden. Dies hielten 51 Prozent der Befragten „auf jeden Fall“ für wünschenswert, weitere 36 Prozent als „eher wünschenswert“. Die Sensibilität im Hinblick auf die Durchsetzung von Regressansprüchen bei festgestellten Behandlungsfehlern nimmt zu, wenn auch der Krankenhausbereich einbezogen wird. 57 Prozent halten die Stärkung der Patientenrechte „auf jeden Fall für wünschenswert“, weitere 33 Prozent für „eher wünschenswert“. 22 Prozent befürworten die Gründung von Patientenorganisationen, weitere 43 Prozent halten dies „für eher wünschenswert und dringlich“.
Finanzprobleme:
Staat ist schuld
Hart gehen die Befragten mit der Beurteilung der Verantwortung für die Finanzprobleme der Kran­ken­ver­siche­rung ins Gericht. 79 Prozent meinen, ausschließlich die Politik und der Gesetzgeber seien dafür verantwortlich, 73 Prozent (bei Doppelnennungen) die Pharmaindustrie, 54 Prozent die Krankenkassen, 47 Prozent die Ärzte und 43 Prozent die Apotheker. Immerhin sehen 53 Prozent der Befragten auch die Patienten und Versicherten als Mitverursacher für die Defizite der Krankenkassen. Eine höhere Zuzahlungspflicht wird mehrheitlich abgelehnt.
13 Prozent plädieren für einen energischen Umbau des Sicherungssystems. Diese Ergebnisse waren nahezu identisch mit einer Vergleichsstudie vor zehn Jahren: 37 Prozent befürworten Reformen von „größeren Teilbereichen“, neun Prozent eine „völlige Reform“, 41 Prozent eine Reform von „kleineren Teilbereichen“; acht Prozent meinen, weitere „größere Reformen“ seien überflüssig.
Als unverzichtbar erklärt die Bevölkerung das Recht auf freie Arztwahl. Eine Einschränkung der Verfügbarkeit der Chipkarte wird von 87 Prozent abgelehnt. 57 Prozent lehnen ein Bonus- und/oder Hausarztsystem bei gleichzeitig eingeschränkter Arztwahl ab, auch wenn dies mit einer Beitragssenkung verbunden wäre. 29 Prozent halten dies für „eher nicht wünschenswert“, neun Prozent für „eher wünschenswert“ und zwei Prozent für „auf jeden Fall wünschenswert“.
Rückhalt erhielte die Politik, wenn sie künftig Doppeluntersuchungen unterbinden würde. Eine Mehrheit der Befragten hält es für wünschenswert, wenn niedergelassene Ärzte auch die Infrastruktur der Krankenhäuser mitbenutzen könnten. 54 Prozent unterstützen Forderungen, dass Krankenhäuser keine Operationen mehr durchführen dürfen, die ebenso gut und qualitätsgesichert durch ambulante Operateure erbracht werden können.
84 Prozent der Befragten haben einen Hausarzt; 52 Prozent haben zu diesem „volles Vertrauen“. Bei weiteren 41 Prozent trifft dies „eher zu“. Von der fachlichen Kompetenz der behandelnden Ärzte sind zwei Drittel eher „voll und ganz“ überzeugt. Allerdings meint ein Drittel der Befragten, dass das Fachwissen der Ärzte teilweise überholt sei. Dies treffe allerdings für den eigenen Hausarzt weniger zu.
41 Prozent plädieren dafür, dass die Ärzte mit den Patienten mehr reden und weniger Medikamente verordnen. Weitere 44 Prozent meinen, dass dies „eher wünschenswert“ sei. Entsprechend halten 46 Prozent die Aussage, dass die Ärzte relativ schnell Medikamente verschreiben, „voll und ganz“ oder „zumindest tendenziell“ für zutreffend. 62 Prozent meinen, es würden „zu viele“ Arzneimittel verordnet. Dr. rer. pol. Harald Clade

„Das Gesundheitswesen in Deutschland: Einstellungen und Erwartungen der Bevölkerung. Wissenschaftliche Analyse und Bewertung einer repräsentativen Bevölkerungsstudie“, Verfasser: Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem, Universität Greifswald. Reihe „Delphi. Studienreihe zur Zukunft des Gesundheitswesens“, herausgegeben von der Firma Janssen-Cilag GmbH, Raiffeisenstraße 8, 41470 Neuss; Telefon: 0 21 37/9 55-2 20.
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