ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000FDP-Forum zur Gesundheitspolitik: Neubau oder Reform der Kran­ken­ver­siche­rung

POLITIK: Aktuell

FDP-Forum zur Gesundheitspolitik: Neubau oder Reform der Kran­ken­ver­siche­rung

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1647 / B-1398 / C-1248

Gerst, Thomas

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LNSLNS Dass es so nicht weitergeht in der GKV, stand für die Experten fest. Bei der Frage, wie weit sich das System wandeln muss, gingen die Meinungen auseinander.

Ein Gleichnis macht die Botschaft gleich verständlicher. Man stelle sich also vor: Die Regierung will die Brotversorgung der Bevölkerung mit Brotmarken regeln. Die Brotmarken werden zu einem festen Preis an die Verbraucher abgegeben, und die Bäcker erhalten für die Marken ein von der Regierung festgelegtes Entgelt. Steigt in der Folge der Getreidepreis, verspürt der Kunde davon nichts, mit der Preiserhöhung muss der Bäcker fertig werden. Er zahlt jetzt mehr für das Mehl, erhält aber für sein Brot weiterhin das einmal festgesetzte Entgelt. Die Folge ist: Entweder wird Brot auf Marken gar nicht mehr gebacken, oder es sinkt die Qualität des Brotes, weil Billigfüllstoffe beigemischt werden; es entsteht ein Schwarzmarkt für qualitativ hochwertiges Brot.
Wird anstelle von Brot „medizinische Versorgung“ und anstelle von Brotmarke „Krankenschein“ gesetzt, so sieht man sich mit den absurden Verhältnissen im deutschen Gesundheitswesen konfrontiert. Dies ist jedenfalls der Standpunkt von Prof. Dr. rer. pol. Wilhelm Hankel, Professor für Währungs- und Entwicklungspolitik an der Universität Frankfurt/Main, den er den Zuhörern beim FDP-Forum zur Gesundheitspolitik in Bonn zu verdeutlichen suchte. Die Ärzte arbeiteten unter einem festen Budget und müssten die steigenden Kosten auf dem Gesundheitsmarkt weitgehend mit den eigenen Leistungsreserven auffangen. Der Bankrott des deutschen Gesundheitssystems sei bis jetzt nur durch die Ärzte selbst verhindert worden, weil sie trotz Verdienstausfall in der überwiegenden Zahl ihre Patienten weiterhin nach den Regeln der medizinischen Kunst uneigennützig versorgten. Hankel hält die aus dem 19. Jahrhundert stammende Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) nicht mehr für zukunftstauglich. Der Wachstumsmarkt Gesundheit könne nur dann prosperieren, wenn die Marktwirtschaft Einzug halte in die bislang dagegen abgeschottete Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung. Hankel fordert deshalb den Wegfall der bisherigen Pflichtgrenzen zwischen gesetzlicher und privater Kran­ken­ver­siche­rung. Wie bei der KFZ-Haftpflicht soll die Versicherung aber obligatorisch für alle sein. Das bisher zwischen Krankenkassenverbänden und den Kassenärztlichen Vereinigungen bestehende Vertragsgeflecht soll abgelöst werden durch ein direktes Vertragsverhältnis des Patienten sowohl zu seinem Arzt als auch zu seiner Krankenkasse. Der Staat schreibt Mindeststandards der Kran­ken­ver­siche­rung als Schutz vor Unterversicherung vor; darüber hinaus bestimmt jeder selbst den Umfang seiner Kran­ken­ver­siche­rung. Eine Benachteiligung von Familien mit Kindern, von denen der künftige gesellschaftliche Wohlstand abhängt, müsse durch staatliche Vorgaben ausgeschlossen werden. Die Arbeitgeber haben weiterhin 50 Prozent der Pflichtbeiträge für die Kran­ken­ver­siche­rung ihrer Mitarbeiter zu übernehmen. Das Fazit von Hankel lautet: „Eine Reform in diesem Sinne ließe das todkranke öffentliche Gesundheitssystem in Deutschland über Nacht gesunden.“
Ganz so weit will Prof. Dr. med. Wilhelm Schwartz, Vorsitzender des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, nicht gehen. Die zunehmende Überalterung der Bevölkerung und der medizinische Fortschritt hätten allerdings dazu geführt, dass es insbesondere im ambulanten Bereich zu Konflikten bei der Leistungsgewährung gekommen sei. Zurzeit führten alle Steuerungsmechanismen innerhalb der GKV höchstens zu einer besseren Ressourcenallokation, aber nicht zu einer Geldschöpfung erheblichen Umfangs. Will man in Zukunft die Rationierung von wichtigen medizinischen Leistungen vermeiden, müsse man sich Gedanken über den Leistungskatalog der GKV machen. Vorstellbar erscheint es Schwartz, dass die Kran­ken­ver­siche­rung nur bei mittleren oder schweren Erkrankungen einspringt, während bei Bagatellerkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen der Patient direkt zahlen muss. Allerdings werden hier die Definitionsprobleme nur schwer zu bewältigen sein. Zumindest müsste man sich auf die eigentlichen Kernleistungen der GKV verständigen. Was über diesen einheitlichen Regelleistungskatalog hinausgeht, könnte den Versicherten als freiwillige Zusatzleistung angeboten werden. Auch ein „Eintrittsgeld“ beim Besuch der Arztpraxis erscheint Schwartz als eine Möglichkeit zusätzlicher Mittelschöpfung für die GKV. Thomas Gerst

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