ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Ambulantes Operieren: Dreiseitiger Katalog umstritten

POLITIK: Kommentar

Ambulantes Operieren: Dreiseitiger Katalog umstritten

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1650 / B-1418 / C-1314

Zastrow, Jürgen

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LNSLNS Bis zum 31. Dezember 2000 ist nach Maßgabe des neuen
§ 140 SGB V ein „dreiseitiger Katalog“ ambulant durchführbarer Operationen und stationsersetzender Eingriffe zu vereinbaren.
Neben der ausschließlich für den Patienten wichtigen Bewertung des medizinisch sinnvoll Machbaren gewinnen zunehmend wirtschaftliche Fragen an Gewicht. Juristische Bedenken machen die Situation nicht gerade übersichtlicher.
Besonders beim ambulanten Operieren zeigt sich, dass eine Abgrenzung zwischen ambulant und stationär immer weniger gelingt. Sie macht auch oft keinen Sinn mehr. Die Leistungen gehörten dorthin, wo entsprechende Erfahrungen gesammelt wurden, wo der Patient sie haben will und wo sie am wirtschaftlichsten zu erbringen sind. Die meisten Krankenhäuser lassen – außer bloßen Absichtserklärungen – bislang kaum Anstrengungen zur Durchführung klinikambulanter Operationen erkennen.
Nicht kostendeckende Vergütungen, forensische Risiken, erforderliche Investitionen und aufwendige Umbaumaßnahmen sowie starre Organisationsformen wirken hemmend. So lehnen Chefärzte ambulante Operationen überwiegend ab.
Die Leistungsträger ambulanter Operationen sind die Vertragsärzte, als deren Interessenvertretung sich die Berufsverbände profilieren. Diese sind jedoch Krankenhausärzten in gleicher Weise wie niedergelassenen Ärzten verpflichtet. Auch in den wissenschaftlichen Gesellschaften gibt es dieses Dilemma der Interessenverflechtung, wenngleich die Bemühungen um Objektivität erkennbar sind.
So werden Aussagen zum ambulanten Operieren maßgeblich vom persönlichen Engagement der Befürworter und Gegner bestimmt; sie spiegeln oftmals die Machtverhältnisse des Verbandes oder der Gesellschaft wider.
Folgt man Bedenkenträgern ohne maßgebliche Einflussnahme der Anwender eines Verfahrens, kommt es nicht selten juristisch und finanziell zur Nötigung des Anwenders.
So ist es zu verstehen, dass sich in der Chirurgie neben dem Bundesverband Deutscher Chirurgen e.V. die ausschließlich für die Vertragsärzte sprechende Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Chirurgen e.V. gegründet hat. Dass deren Katalog ambulant durchzuführender Operationen anders aussieht als der Katalog der leitenden Krankenhausärzte, die zumeist die Interessen des Krankenhausträgers vertreten, ist offensichtlich.
Ähnlich verhält es sich bei den HNO-Ärzten, wo sich die Arbeitsgemeinschaft Ambulantes Operieren in der HNO-Heilkunde mit ihren 70 Mitgliedern veranlasst sah, organisatorisch aus dem Berufsverband HNO in den Bundesverband Ambulantes Operieren e.V. (BAO) zu wechseln. Der Berufsverband HNO gründete daraufhin gemeinsam mit Chefärzten und der wissenschaftlichen Gesellschaft ein sechsköpfiges Gremium unter Ausschluss der aktiven ambulanten Operateure.
Die gegenseitigen Beteuerungen von Verbänden und Vertragsärzten, Operations-Kataloge miteinander abzustimmen, bleiben aufgrund der Interessengegensätze oft Makulatur.
So hat nun bei den HNO-Ärzten der Berufsverband die Fertigstellung eines Operations-Katalogs ohne Abstimmung mit den Operateuren angekündigt. Diese haben daraufhin ihr Verzeichnis der seit Jahren ambulant durchgeführten HNO-Operationen veröffentlicht. Ähnlich gibt es auch bei den Chirurgen inzwischen mehrere Listenvorschläge.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist als Vertreter aller Vertragsärzte in der schwierigen Situation, von den Verbänden Vorgaben zu erhalten, die den medizinischen Alltag oft nicht mehr abbilden. Sie ist um die Aufgabe, einen den Interessen von Patienten und Ärzten entsprechenden Leistungskatalog zu erstellen, nicht zu beneiden.
Dr. med. Jürgen Zastrow
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