ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Patient als Kunde: Jeden Tag besser werden

POLITIK: Kommentar

Patient als Kunde: Jeden Tag besser werden

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1650 / B-1418 / C-1314

Schlaudt, Hans-Peter

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LNSLNS Die gesellschaftliche Entwicklung der Leistungs- und Geldorientierung spiegelt sich in der Patientenversorgung wider. Persönliche Vorteilsnahme beherrschen den Wettbewerb um gesellschaftliche und persönliche Anerkennung. Geld ist häufig wichtiger als Qualität. Transparenz ist zudem lästig. Beides kostet nur, ohne einen direkten wirtschaftlichen Vorteil zu versprechen.
Es geht aber um die beste Lösung für den notleidenden Patienten, um die Wiederherstellung seiner Gesundheit, es geht aber auch um den Weg dorthin. Es geht darum, schwerwiegende Fehler bei der Kunst des Heilens zu vermeiden oder aus negativen Erfahrungen zu lernen. Dieses Lernen erfordert das Bewusstsein und den Willen der Ärzte und Therapeuten, jeden Tag besser zu werden. Dies setzt auch das Wissen um die Ergebnisse, den Vergleich mit Kollegen, die Orientierung an den Besten voraus. Das Wissen um Erfolg und Misserfolg zeigt den Weg auf, der noch viel zu häufig nur beim Sponsoring der Pharmaindustrie und der Entwicklung neuer Produkte gegangen wird. Ist es nicht die eigentliche Verpflichtung eines jeden, sich und seine Leistungen unabhängig von externen Geldgebern kritisch zu hinterfragen und dies transparent zu gestalten? Hat nicht der Patient als oftmals hilfloser Kunde das Recht, auch über die Erfahrung und Erfolge seines Therapeuten vor der Behandlung mehr zu erfahren als nur, dass er die Kunst zu heilen erlernt hat? Ist diese Transparenz nicht der eigentliche Hintergrund von Kundenorientierung? Gefährdet nicht manchmal falsch verstandene Kollegialität die Gesundheit von Patienten? Nur der offene Umgang mit Ergebnissen ermöglicht eine objektive und vorurteilsfreie Bewertung und zwingt zum Handeln.
Der Patient ist nicht immer hilfloses Objekt. Er kann durchaus entscheiden, wem er sein Vertrauen schenkt, aber doch nur, wenn er vergleichen kann. Und warum scheuen wir Ärzte diesen Vergleich so sehr? Wollen wir nicht im Interesse der Patienten nur das Beste? Jeder von uns kann sich fragen, wie behandle ich meine Patienten. Wird die Intimsphäre gewahrt und das persönliche Bedürfnis des Patienten berücksichtigt oder bedeutet patiens, die Pflicht zu leiden?
Wie oft liegen in den Praxen und auf Krankenhausfluren bedenkenlos Patientenunterlagen herum, die Neugierigen Einsicht gewähren, stehen Namen für alle lesbar auf Tafeln oder werden Untersuchungen im Beisein bis dato fremder Menschen durchgeführt. Wo bleibt hier die Achtung vor dem Individuum?
Die Diskussion um Qualität und Kundenorientierung verkommt zum Kampf um Begrifflichkeiten. Es geht doch um mehr, es geht darum, für den Patienten auf allen Ebenen (medizinische Behandlung, persönlicher Umgang) besser zu werden. Der Patient braucht Schutz, wenn er temporär nicht entscheiden kann, und Transparenz, damit er entscheidungsfähig wird. Der Patient ist der Kunde, er ist der König, denn um sein Wohl geht es. Dr. med. Hans-Peter Schlaudt
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