ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Psychiatrische Versorgung: Kampf gegen das Stigma

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Psychiatrische Versorgung: Kampf gegen das Stigma

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1657 / B-1403 / C-1253

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Aktionskreis Psychiatrie zeigte bei einem Gespräch mit Politikern in Berlin Defizite in der Versorgung psychisch Kranker auf: Die Realität
hinkt dem wissenschaftlichen Stand hinterher.

Es ist viel erreicht worden, seit die Enquête-Kommission zur Lage der Psychiatrie dem Bundestag vor 25 Jahren einen umfangreichen Empfehlungskatalog vorlegte. Trotzdem wird die Mehrzahl der Patienten aufgrund einer „restriktiven Budgetpolitik“ derzeit nicht nach modernem Therapiestand behandelt, beklagte der Aktionskreis Psychiatrie – ein Zusammenschluss von 18 namhaften Klinikärzten und niedergelassenen Fachärzten mit Sitz in München. Das informelle Gremium will Defizite bei der Versorgung psychisch Kranker aufzeigen und ihre Stigmatisierung in der Gesellschaft bekämpfen.
Dabei werden die erzielten Fortschritte durchaus anerkannt. Gründungsmitglied Prof. em. Dr. med. Hanns Hippius, München, berichtete, dass die Zahl der Planbetten in psychiatrischen Großkrankenhäusern von 120 000 im Jahr 1970 auf rund 55 000 im Jahr 1995 reduziert werden konnte. 1970 gab es 21 psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, heute sind es 160 mit einer Liegezeit zwischen 20 und 30 Tagen. Hippius warnte jedoch davor, die Behandlung stationär behandlungsbedürftiger chronisch psychisch Kranker, bei denen diese Liegezeit nicht ausreicht, zu vernachlässigen. Wichtig sei weiterhin der koordinierte Ausbau der ambulanten Versorgung: Die „zu begrüßende Einrichtung von Institutsambulanzen darf nicht so weit getrieben werden, dass dadurch die Möglichkeiten der niedergelassenen Ärzte eingeschränkt werden“.
Das Ausmaß psychischer Erkrankungen – besonders der Schizophrenie – wird in Deutschland nach Meinung des Arbeitskreises unterschätzt (Kasten). Die Gesamtkosten seien vergleichbar mit den Kosten bei Diabetes mellitus oder koronaren Herzkrankheiten. Die WHO stuft die Schizophrenie als weltweit eine der teuersten Krankheiten ein.
Die deutlich bessere Therapie mit atypischen Neuroleptika werde den meisten Schizophrenie-Patienten in Deutschland aus Kostengründen verwehrt, kritisierte Prof. Dr. med. Dieter Naber, Direktor der Psychiatrischen Klinik am Universitätskrankenhaus Eppendorf, Hamburg. Atypische Neuroleptika, seit etwa 15 Jahren auf dem Markt, haben nicht die typischen motorischen und affektiven Nebenwirkungen der alten Medikamente, sind aber um 80 Prozent teurer. Die besse-
re Verträglichkeit fördere jedoch die Compliance der Patienten, sodass die Rezidiv- und Rehospitalisierungsraten signifikant gesenkt werden könnten. Die höheren Medikamentenkosten führten also letztlich zu geringeren Gesamtkosten. Aus Sicht der Patienten, ihrer Angehörigen und der Fachärzte sei die Vorenthaltung der atypischen Neuroleptika eine „nicht zu tolerierende Diskriminierung psychiatrischer Patienten“, sagte Naber.
Durch eine weltweite Anti-Stigma-Kampagne erhofft sich das Gremium eine allmähliche Änderung der Einstellung im sozialen Umfeld. In der deutschen Bevölkerung ist die Stigmatisierung psychisch Kranker und ihrer Familien immer noch „in erheblichem Ausmaß vorhanden“, betonte Prof. em. Dr. Dr. Dres. h. c. Heinz Häfner, Arbeitsgruppe Schizophrenieforschung, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Doch soziales Stigma wirke nicht nur negativ auf den Verlauf der Grunderkrankung, sondern bedinge teilweise auch die Frühberentung und die hohe Arbeitslosigkeit schizophren Erkrankter – gegenwärtig 60 bis 80 Prozent im mittleren Lebensalter.
Koordination fehlt
Für die – bereits von der Enquête-Kommission vorgeschlagenen – gemeindepsychiatrischen Netze zieht Häfner eine negative Bilanz: Hinsichtlich Verantwortung, Koordination und Sicherstellung der Versorgung befänden sie sich „in einem ungeordneten Versuchsstadium“. Grundsätzlich sei die Integrationsversorgung schon der richtige Weg, doch regional unterschiedlich „sehr lückenhaft“ und seitens der sozialpsychiatrischen Dienste „teils inkompetent“ und „schlecht koordiniert“, so Dr. med. Gunther Carl, Berufsverband Deutscher Nervenärzte. Fachärztlich-psychiatrische regionale Qualitätszirkel könnten hier beispielsweise Abhilfe schaffen.
Defizite sieht der Aktionskreis Psychiatrie in der psychiatrischen Versorgung durch den Hausarzt. „Häufig wird monatelang, zum Teil jahrelang ein psychiatrisches Grundleiden nicht erkannt“, kritisierte Carl. Eine bessere psychiatrische Fortbildung interessierter Hausärzte könne dem entgegenwirken. Petra Bühring


Schizophrenie in Zahlen
- jährlich 120 000 stationäre
Aufnahmen bei einer mittleren Verweildauer von 77 Tagen
- direkte Kosten pro Jahr und
Patient 28 000 DM; indirekte Kosten: 43 000 DM
- circa drei Milliarden DM
stationäre Behandlungskosten jährlich
- 663 Millionen DM wurden
1998 von der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) für Neuroleptika ausgegeben (50 Prozent für Schizophrenien)
- jährliche Gesamtkosten
von rund zehn Milliarden DM unter Berücksichtigung von Arbeitsunfähigkeitstagen
und Frührenten (1,7 Prozent der GKV-Gesamtausgaben)
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