ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Antibabypille und Zyklus-Schemata: Wenn Frauen die Einnahme variieren

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Antibabypille und Zyklus-Schemata: Wenn Frauen die Einnahme variieren

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1687 / B-1428 / C-1334

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Manchmal, so scheint es, dauert es recht lange, bis Ärzte auf Wünsche von Patientinnen eingehen und ein vermeintliches Dogma „kippen“. Etwas Derartiges zeichnet sich vorsichtig bei der oralen Kontrazeption mit modernen, monophasischen Pillenpräparaten ab: Aus praktischen Gründen nehmen eine Reihe von Mädchen oder Frauen die Pille nicht einfach nur über den gängigen Drei-Wochen-Zyklus ein, sondern verschieben die Entzugsblutung durch verlängerte Einnahmeintervalle bewusst nach hinten – oder nehmen sie einfach über mehrere Monate ohne Pause.
Diese Praxis wurde von den Frauenärzten mehr oder weniger stillschweigend geduldet, kaum kommentiert und nie offiziell empfohlen. Wenn die Vorzeichen nicht trügen, findet jetzt eine stille Revolution statt. Bereits bei einem Kontrazeptionskongress im Jahr 1994 in Dublin berichtete Dr. Esther Wijnheimer (Groningen) über eine Fragebogenaktion bei 235 Patientinnen: Fast die Hälfte (46 Prozent) wünschte sich keine monatlichen Entzugsblutungen, 27 Prozent sprachen sich für einen Drei-Monats-Rhythmus und knapp ein Fünftel für eine generelle Unterbindung von Blutungen aus.
Überraschend für die Zuhörer war überdies, dass fast zwei Drittel der Pillenanwenderinnen Erfahrung mit „verlängerten“ Zyklen angaben. 61 Prozent gaben dieser iatrogenen Amenorrhö sogar den Vorzug. Nach englischen Daten wiederum favorisierten schon damals drei Prozent Pillen-Anwenderinnen einen prolongierten Zyklus über lange Zeiträume. Heute, rund sechs Jahre später, bestätigt eine Emnid-Umfrage bei 835 deutschen Frauen im reproduktionsfähigen Alter die niederländischen Daten insofern, als die Majorität (41 Prozent) sich „nie mehr“ Blutungen wünschte. Nur ein knappes Drittel war mit monatlichen Menstruationen einverstanden, jede Zehnte favorisierte vierteljährliche, jede Zwölfte jährliche Blutungen.
Der Wunsch nach einem „künstlich“ verlängerten Pillenzyklus sei damit viel häufiger als gedacht, kommentierte Prof. Herbert Kuhl, gynäkologischer Endokrinologe am Uniklinikum Frankfurt/Main, diese Daten. Als führenden Grund für prolongierte Zyklen gaben die Befragten mit 67 Prozent weniger Menstruationsbeschwerden an, gefolgt von besserer Hygiene (54 Prozent) und höherer Lebensqualität (53 Prozent). Auf 28 Prozent belief sich bei möglichen Mehrfachnennungen ein geringerer Blutverlust.
In deutlichem Gegensatz zu den Wünschen der Frauen steht die Realität: Nur zwei Prozent unterdrücken die Blutung per Pille häufig, rund ein Viertel gelegentlich. Da die Pillenhersteller aus rechtlichen Gründen keine entsprechende Empfehlung in der Packungsbeilage äußern können, sind die Patientinnen auf den Rat der Frauenärzte angewiesen.
Vorteil: Konstante Hormonspiegel
Harte Fakten oder epidemiologisch gesicherte Daten zu Nutzen und Risiken bei der Langzeiteinnahme von Ovulationshemmern lägen nicht vor, konzedierte Kuhl. Deduktionen müssten jedoch erlaubt sein: Wie bei der gängigen Pilleneinnahme ist aufgrund der antiproliferativen Wirkung der Gestagene bei Langzeiteinnahme ein vermindertes Risiko von Endometriumkarzinomen und aufgrund der Ovulations-Unterdrückung ein geringeres Risiko für Ovarialkarzinome anzunehmen.
Als Nachteil für die Patientin wertete der Referent bei einer Veranstaltung des Unternehmens Jenapharm die – zumindest anfänglich – vergleichsweise häufigeren Zwischenblutungen. Bei den Vorteilen einer Langzeiteinnahme steht eine außerordentlich hohe kontrazeptive Sicherheit an erster Stelle, ein Vergessen der Pille – auch an zwei Tagen hintereinander – ist ab der vierten Einnahmewoche „kein Beinbruch“.
Aus medizinischer Sicht vorteilhaft: Zyklusabhängige Beschwerden oder Erkrankungen lassen sich insofern bessern, als das „Auf und Ab“ der Hormone bei längerfristiger Einnahme zugun-sten konstanter Spiegel verändert wird. Für Frauen mit zyklusabhängiger Migräne, prämenstruellem Syndrom, menstruellen Kopf-, Rücken- oder Unterleibsschmerzen sowie schmerzhafter Endometriose, die sich ohnehin auf die Pille verlassen, kann der verlängerte Pillenzyklus deshalb vorteilhaft sein.
Die kontinuierliche Einnahme ist laut Kuhl insbesondere zu überlegen bei Patientinnen mit polyzystischen Ovarien; durch die langfristige Einnahme werden die erhöhten Androgenspiegel wirkungsvoll unterdrückt und die ungünstigen Auswirkungen auf Lipid- und Insulin-Stoffwechsel unterdrückt und damit Herz-Kreislauf-Problemen vorgebeugt.
Dr. Renate Leinmüller
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