ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Gentechnisch veränderte Bakterien: Geringe Chancen in der freien Natur

SPEKTRUM: Akut

Gentechnisch veränderte Bakterien: Geringe Chancen in der freien Natur

Endres, Alexandra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Kein Platz für verirrte Mikroben" heißt eine Studie, welche die Bayer AG initiiert und zusammen mit externen Instituten durchgeführt hat. Der Name der Studie ist zugleich ihr Ergebnis: "Gelangen Bakterien oder Hefen in ein Ökosystem, in dem sie natürlicherweise nicht zu Hause sind, sind ihre Überlebenschancen äußerst gering", heißt es im abschließenden Bericht. Die gentechnisch veränderten Mikroorganismen haben dabei meist schlechtere Chancen als die nicht veränderten Ausgangsstämme. Objekt der dreieinhalbjährigen Forschungen waren die mit einem Gen zur Produktion von Aprotinin ausgestatteten Bakterien Corynebacterium glutamicum und Zymomonas mobilis sowie die Hefen Saccharomyces cerevisiae und Hansenula polymorpha. Aprotinin ist ein Protease-Inhibitor, der herkömmlicherweise aus Rinderlungen gewonnen wird.


Forscher der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, der Universitäten Düsseldorf und Oldenburg sowie des Forschungszentrums Jülich untersuchten das Verhalten der Mikroben im Boden, im Wasser einer Kläranlage und in Oberflächengewässern. Ausgegangen waren die Forscher von einem Unfall in der AprotininProduktion, durch den die manipulierten Mikroben in die Umwelt gelangten. Das Ergebnis: Die Hefen überlebten in sterilisierten und damit konkurrenz-freien Böden kaum. Nach sechs Wochen zählten die Forscher nur noch ein Tausendstel der anfangs eingeimpften Zellen. Noch schneller starb das anaerobe Bakterium Zymomonas mobilis ab: selbst unter Abwesenheit von Sauerstoff überlebte es keine zwei Tage. Die Corynebakterien dagegen hielten sich monatelang – allerdings nur im sterilisierten Boden.


Nach der Untersuchung stehen die Chancen der Organismen im Boden ähnlich schlecht wie in Belebt- und Faulschlamm von Kläranlagen und in Oberflächengewässern. Länger als die gentechnisch veränderten Organismen hielt sich häufig das Aprotinin-Gen selbst. Ein Teil der DNA-Moleküle band sich an Tonpartikel oder andere feste Körper und schützte sich so vor zersetzenden Enzymen. Eine Gefahr dadurch sehen die Forscher des Projektes nicht: Vermutlich würden die meisten DNA-Moleküle doch irgendwann zerstört. Auch einen horizontalen Gentransfer schließen die Wissenschaftler nahezu aus: "Nur unter sehr naturfernen Laborbedingungen" habe man eine Übertragung des Aprotinin-Gens beobachtet. In der Natur seien die Bedingungen dafür "um Größenordnungen unwahrscheinlicher". Zwar könne es gelegentlich zu einem Transfer kommen, doch gebe es keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung durch diesen Vorgang.
Alexandra Endres

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote