ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Interview – Werte-Erziehung: „Die Schule wird maßlos überschätzt“

VARIA: Bildung und Erziehung

Interview – Werte-Erziehung: „Die Schule wird maßlos überschätzt“

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1695 / B-1437

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LNSLNS Auf welchen Werten soll Schule gründen, welche den Schülern mitgeben? Die Aktion Humane Schule (AHS) befasst sich mit solchen Fragen seit ihrer Gründung vor 26 Jahren, der ein tragischer Werte-Konflikt vorausging: Ein gescheiterter Abiturient hatte Selbstmord begangen – der Wert „Leistung“ war ihm zum Verhängnis geworden. Wulf Wallrabenstein, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, ist Bundesvorsitzender der AHS und Herausgeber der bei Rowohlt erschienenen Text- und Fallsammlung „Gute Schule, schlechte Schule“, verfasst überwiegend von AHS-Autoren. Ein Gespräch über den sperrigen Begriff der Werte.


DÄ: In der Studie „Jugend ’99 in Sachsen“ wurde Jugendlichen der Satzanfang vorgegeben: „Wenn jemand versucht, nach ethisch-moralischen Werten zu leben in unserer Gesellschaft . . .“ Zehn Prozent der Befragten entschieden sich für die Fortsetzung: „. . . dann steht man wahrscheinlich langfristig besser da.“ Für 44 Prozent jedoch hieß die Ergänzung: „. . . dann kommt man damit nicht weit.“
Wallrabenstein: Zunächst produziert eine solche Befragungssituation, wenn vorher kein Gespräch über Werte stattgefunden hat, sicher auch Kurzschluss-Antworten. Das relativiert die Aussagekraft. Aber die Tendenz halte ich schon für gefährlich, wenn Schüler die Verantwortung für andere derartig sekundär einschätzen. Es gibt jedoch auch gegenläufige Untersuchungen, zum Beispiel die Shell-Studie, wo die Frage nach Verantwortung für Freund oder Freundin, also im privaten Bereich, viel positivere Antworten hervorgebracht hat. Wir stellen fest, dass bei Schülern der Rückzug ins Private viel ausgeprägter ist als die Bereitschaft, sich im öffentlichen Raum zu engagieren. Das gilt übrigens auch bei den Erwachsenen.
DÄ: Ihr Kollege Detlef Träbert zeigt in einem Aufsatz, dass gegen Werte wie „Einhalten von Regeln im Straßenverkehr“ häufig offensichtlich verstoßen wird, ebenso wie gegen „Hilfsbereitschaft“, „Umweltschutz“ oder „Zuverlässigkeit“. Gibt es tatsächlich heute noch einen mehrheitlich akzeptierten Wertekanon, oder muss in der individualisierten Gesellschaft um jeden einzelnen Wert von Fall zu Fall gerungen werden?
Wallrabenstein: Nein, das wäre ja extrem. Es gibt noch Werte, die tief verankert sind, und die entstehen aus nach wie vor gültigen Erfahrungs- und Erziehungsprozessen: Dass man nicht noch zutritt bei einer Schlägerei, wenn der andere sich ergeben hat, ist so eine magische Grenze. Auch da gibt es spektakuläre Fälle, wo diese Grenze nicht mehr einprogrammiert scheint. Aber das gilt nicht für die Mehrheit der Jugendlichen. Neuere Untersuchungen zur Jugendgewalt zeigen, dass dort viel Hysterisches und Dramatisierendes die Diskussion prägt. Ich denke schon, dass in unserer Gesellschaft bei den meisten Mitgliedern Grundwerte vorhanden sind und auch gelebt werden, sonst würde ja täglich jede Ordnung zusammenbrechen. Aber was bedenklich ist, sind die Erosionen in all diesen Fragen. Der Wertekanon bröckelt auch im Alltagsleben.

DÄ: Sie fordern die Pädagogen auf, ihre eigenen Wertemuster lebenslänglich zu aktualisieren, statt eines Tages damit abzuschließen. Aber wie viele Lehrer haben tatsächlich mit 40 oder 50 Jahren noch die innere Flexibilität dazu?
Wallrabenstein: Dieses Problem hat damit zu tun, dass in der deutschen Schule seit Jahrzehnten eine verfehlte Einstellungspolitik betrieben wird. Das Durchschnittsalter der Lehrerschaft ist viel zu hoch, im Gegensatz auch zu anderen europäischen Ländern. So kommt keine automatische Auseinandersetzung mit Werten im Kollegium durch den Austausch mit jungen Lehrern zustande, die ja auch einen anderen Bezug zur Jugend haben. Die überalterte Lehrergeneration hat ein Wertesystem für sich entwickelt, das auch problematisiert werden muss. Aber damit will ich nicht sagen, dass man sich in der Schule an den Zeitgeist anpassen soll. Denn der ist nicht unbedingt human.
DÄ: Muss die Schule damit leben, dass es immer einen Bruchteil der Schülerschaft gibt, der sich bewusst außerhalb der Gemeinschaft stellt, oder darf sie wie ein Priester kein einziges Schäfchen aus der Herde verloren geben?
Wallrabenstein: Die Schule muss sich auf Dauer damit abfinden, denn die gesellschaftlichen Brüche und Widersprüche sind einfach zu groß. Sie muss lernen zu akzeptieren, dass sie keine Therapieanstalt für die Gesellschaft ist und dass ihre „Heilerfolge“ nicht so groß sind, wie die Lehrer in ihrer pädagogischen Grundhaltung annehmen. Also müssen Lehrer nüchtern anerkennen, dass größere Teile der Schülerschaft nicht erreichbar sind für den Wertekanon, den sie selbst innerlich für sich in Anspruch nehmen. Die Schule wird heute maßlos überschätzt. Es wird geglaubt, dass sie die Werte-Erziehung leisten könne, zu der die Gesellschaft häufig selbst nicht fähig ist. Das ist ein falscher Vertrag, der auf Dauer nicht erfüllt werden kann. Daher ist eine meiner Überlegungen, die Schule stärker für die Gesellschaft zu öffnen, die Werte-Verantwortung zu teilen und etwa dafür zu sorgen, dass „Experten des Lebens“ wie Rentner, Arbeiter, Mütter, Computerexperten im Unterricht hinzugezogen werden.

DÄ: Vielleicht eine schneller realisierbare Anregung zur praktischen Wertevermittlung in der Schule?
Wallrabenstein: Ein Beispiel, mit dem wir auch in der Forschung gute Erfahrungen gemacht haben: der Klassenrat. Da kommen die Schüler zum Beispiel am Freitag in der letzten Stunde zusammen. In der Woche zuvor konnten sie aufschreiben, was ihnen im Umgang miteinander nicht gefallen hat, oder auch, was sie gut fanden. Und das wird in diesem Klassenrat besprochen, den die Schüler selber leiten. Da entwickelt sich ganz viel Selbst-Verantwortung, wenn man ihnen das – mit Unterstützung durch Erwachsene – gestattet. Das Modell eignet sich für alle Altersstufen und Schulformen. Viele Schulen klären heute schon ihre Werte- und Umgangsprobleme auf diese oder ähnliche Weise.

DÄ: Angenommen, Sie wären Chef einer Werbeagentur und sollten eine Plakat-Kampagne für mehr Akzeptanz des abstrakten Begriffs „Wertevermittlung“ entwerfen – wie würden Sie ihn Schülern, Eltern und Lehrern schmackhaft machen?
Wallrabenstein: Ich würde ein zweigeteiltes Bild wählen: auf der einen Seite die Hände eines Erwachsenen, die Kinderhände umschließen und „im Griff haben“ – als Beispiel für negative Wertevermittlung. Auf der anderen Seite die Hände eines Erwachsenen, die ineinander verschränkt sind, und auf diese Hände gelegt Kinderhände, mit Spielraum nach oben, frei zur Entwicklung, aber mit Halt nach unten. Das ist ein Ausdruck für Angenommensein, für Grundsicherheit. Viele Kinder erleben heute diese Zuwendung nicht mehr.
Das Interview führte Oliver Driesen.


Prof. Dr. Wulf Wallrabenstein, Bundesvorsitzender der Aktion Humane Schule e.V. Foto: privat
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