ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Hinweise zur sicheren Verordnung von Sildenafil (Viagra®)

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Hinweise zur sicheren Verordnung von Sildenafil (Viagra®)

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1704 / B-1444 / C-1344

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LNSLNS Bei Sildenafil handelt es sich um ein hoch wirksames Therapieprinzip bei der erektilen Dysfunktion. Der AkdÄ liegen inzwischen 22 Berichte über Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit Sildenafil sowie eine größere Zahl schwerwiegender Nebenwirkungen insbesondere aus dem kardiovaskulären Bereich vor. Ein Teil dieser unerwünschten Ereignisse ist möglicherweise auf falsche Anwendung mit Sildenafil zurückzuführen. Die AkdÄ hat bereits in mehreren Publikationen auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht.
Nach einer kürzlich im JAMA erschienenen Publikation scheinen mehr Männer nach Anwendung von Sildenafil als nach anderen die Erektion steigernden Verfahren (SKAT, MUSE®, Yohimbin) zu sterben. Auch bei der – methodisch freilich etwas fragwürdigen – Auflistung der Todesfälle, bezogen auf eine Million Verschreibungen für die jeweiligen Verfahren, steht Sildenafil deutlich an der Spitze (1).
Vor dem Hintergrund offener Fragen zur Therapie der erektilen Dysfunktion mit Sildenafil möchte die AkdÄ mit den nachfolgenden Hinweisen und Empfeh-lungen auf nach ihrer Auffassung not-wendigen Vorsichtsmaßnahmen bei der Verordnung von Sildenafil aufmerksam machen, die insbesondere bei Risikopatienten geboten erscheinen. Die Hinweise gehen dabei teilweise über die der Fach-
information hinaus.
1. Bei Patienten mit kardiovas-kulären Erkrankungen, wie zum Beispiel koronarer Herzkrankheit, Hypertonie, Herzrhythmustörungen und Herzinsuffi-zienz, ist ein erhöhtes Risiko von Neben-wirkungen vonseiten des Herz-Kreis-lauf-Systems (Stenokardien, Myokardinfarkte, plötzlicher Herztod, Synkopen etc.) gegeben. Dabei ist ein Kausalzusam-menhang mit der Medikation nicht zwangsläufig abzuleiten, sondern auch ein Zusammenhang mit der sexual-spezi-fischen körperlichen Belastungssituation anzunehmen. Daher sollte vor der Ver-ordnung von Sildenafil bei Patienten, die aufgrund ihrer Anamnese und Medikation zu den vorgenannten Risikogruppen zählen, eine exakte kardiologische Ab-klärung (zum Beispiel Ruhe- und Belastungsergometrie, Langzeitblutdruck-messung, Langzeit-Ekg etc.) erfolgen. Patienten nach überstandenem Myo-kardinfarkt oder Schlaganfall sollte Sildenafil frühestens nach sechs Monaten verordnet werden.
Es ist besonders daran zu erinnern, dass gerade bei diabetischem Spätsyn-drom durch abgeschwächte oder fehlende Schmerzempfindung anamnestische Hinweise auf eine Angina pectoris und/
oder einen Myokardinfarkt fehlen können.
2. Der behandelnde Arzt muss vor der Erst- und Wiederverordnung eine exakte Arzneimittelanamnese vornehmen. Patienten, die mit Nitropräparaten und/oder Molsidomin behandelt werden, dürfen kein Sildenafil erhalten. Umgekehrt dürfen solchen Patienten, die Sildenafil nehmen, keine Nitropräparate und/oder Molsidomin verordnet werden. Cave: Amylnitrit („Poppers“)! Somit muss bei Patienten in diesem und jenem Fall eine entsprechende Aufklärung erfolgen.
Eine Komedikation mit anderen Potenz- beziehungsweise erektionssteigernden Medikamenten (zum Beispiel Yohimbin, SKAT, MUSE®) ist kontraindi-ziert.
Patienten, die Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ (zum Beispiel Phenprocoumon oder Warfarin) erhalten, unterliegen bei Einnahme von Sildenafil möglicherweise einem erhöhten kardiovaskulären Risiko.
3. Die niedrigste noch wirksame Dosierung ist anzustreben. Es sollte für die Ersteinstellung grundsätzlich mit der
25-mg-Dosierung begonnen werden. Sildenafil darf höchstens einmal täglich eingenommen werden. Aus pharmakokinetischen Gründen (herabgesetzte Clearance) darf bei älteren Patienten die Erst-Dosierung in jedem Falle nur 25 mg Sildenafil betragen und sollte möglichst nicht über 50 mg gesteigert werden.
Um mögliche Risiken und den Dosisbedarf zu erkennen, wird bei der Erstanwendung empfohlen, den Patienten die niedrigste Dosierung (25 mg Sildenafil) auf nüchternen Magen einnehmen zu lassen und auf einen anschließenden Coitus zu verzichten.
Wegen der möglicherweise auftre-tenden Sehstörungen, insbesondere des Unscharfsehens, sollte auf das Führen eines Kraftfahrzeuges innerhalb des Wirkungszeitraumes verzichtet werden.
Bitte teilen Sie der AkdÄ auch weiterhin alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt auf der letzten Umschlagsseite abgedruckten Berichtsbogen verwenden oder diesen unter der AkdÄ-Internetadresse (http://www.akdae.de) abrufen.
Literatur
1. Mitka M: Some Men Who Take Viagra Die – Why? JAMA 2000; 283: 590–591.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233–
237, 50931 Köln, Telefon: 02 21/40 04
-5 25, Fax: -5 39
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