ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2000Änderung der Arzneimittel-Richtlinien

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Änderung der Arzneimittel-Richtlinien

Dtsch Arztebl 2000; 97(24): A-1705 / B-1445 / C-1345

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LNSLNS Der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen hat in seiner Sitzung am 10. Dezember 1999 beschlossen, die Anlage 4 der Richtlinien des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen über die Verordnung von Arzneimitteln in der vertragsärztlichen Versorgung (Arzneimittel-Richtlinien/AMR) in der Fassung vom 31. August 1993 (BAnz. S. 11 155), zuletzt geändert am 3. August 1998 (BAnz. S. 14 491), Anlage 4 zuletzt geändert am 15. 5. 99 (BAnz S. 7 813) wie folgt zu ändern bzw. zu ergänzen.
1. Etanercept
(z. B. Enbrel®)

Indikation
Etanercept wurde am 2. November 1998 unter dem Handelsnamen Enbrel® in den USA zugelassen zur Behandlung von Patienten mit mittelschwerer bis schwerer rheumatoider Arthritis, die zuvor unzureichend auf eine oder mehrere Basistherapien angesprochen haben. Etanercept kann zur Behandlung erwachsener Patienten sowohl als Monotherapie wie auch in Kombination mit Methotrexat eingesetzt werden. Zwischenzeitlich wurde für die USA die Zulassung auf die Behandlung der therapierefraktären juvenilen rheumatoiden Arthritis erweitert.
Die Markteinführung in Deutschland wird für März 2000 erwartet.

Wirkungen
Tumornekrosefaktor (TNF) alpha und beta sowie Interleukin 1 sind Zytokine, die als wichtige proinflammatorische Faktoren in der Entzündungskaskade der rheumatoiden Arthritis wirken. Das rekombinant hergestellte Fusionsprotein Etanercept ist ein kompetitiver Inhibitor der Bindung von TNF an seine Zelloberflächen-TNF-Rezeptoren und hemmt dadurch die biologische Aktivität von TNF.

Wirksamkeit
Etanercept wurde in mehreren klinischen Phase-II- und Phase-III-Studien an erwachsenen Patienten mit rheumatoider Arthritis allein oder in Kombination mit Methotrexat erprobt. Gegenüber Placebo zeigte sich eine signifikante Verbesserung hinsichtlich der Entzündungsaktivität und der Funktionseinschränkungen.
Die Wirksamkeit der Therapie zeigte sich nach ein bis zwei Wochen und war dosisabhängig. Nach Absetzen der Therapie kam es überwiegend innerhalb von vier Wochen zu einem Wiederaufflammen der Symptome.
Unter der Kombinationsbehandlung mit Etanercept und Methotrexat konnte eine klinische Besserung auch bei Patienten erreicht werden, die zuvor auf Methotrexat allein nicht oder unzureichend angesprochen hatten.
Es liegen bisher keine Erfahrungen zur Langzeitbehandlung über mehr als 36 Monate vor. Weiterhin ist offen, ob es sich ausschließlich um eine kurzfristige symptomatische Therapie handelt oder ob Etanercept den natürlichen Krankheitsverlauf mit Destruktion der Gelenke aufhalten kann.
Die amerikanische Zulassungsbehörde hat dem Hersteller zur Auflage gemacht, langfristig angelegte Phase-IV-Studien mit Etanercept in verschiedenen Dosierungen und in Kombination mit anderen Basistherapeutika sowie zur Pharmakokinetik zur einmaligen und bei chronischer Verabreichung durchzuführen, um zusätzliche Daten zur Sicherheit und Pharmakokinetik zu generieren.

Risiken – ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Als häufigste Nebenwirkung sind Reaktionen an der Einstichstelle beschrieben, die bei 37 Prozent der erwachsenen Patienten vorkommen. Weitere Nebenwirkungen sind u. a. Kopfschmerzen, Müdigkeit, abdominale Schmerzen, Dyspepsie, Obstipation und Hautrötungen.
Infektionen des oberen Respirationstraktes und Sinusitis wurden bei 29 Prozent der erwachsenen Patienten (Placebo = 16 Prozent) beobachtet. Auch andere Infektionen traten auf. Dies ist möglicherweise dadurch begründet, dass Etanercept in das komplizierte Zusammenwirken der Zytokine eingreift, denen eine spezifische biologische Rolle bei der Immunabwehr von Infektionen und Tumoren zukommt. Besondere Vorsicht ist daher bei Personen mit wiederkehrenden Infektionen in der Vorgeschichte oder mit erhöhtem Infektionsrisiko (z. B. Diabetes mellitus) geboten. Patienten mit aktiven Infektionen sollten deshalb Etanercept nicht erhalten. Die Anwendung muss abgebrochen werden, wenn der Patient eine schwere Infektion entwickelt oder die Gefahr einer Sepsis besteht.
Malignome wurden bei sieben von 745 der erwachsenen Patienten während der Behandlung mit Etanercept festgestellt. Dies entspricht der zu erwartenden Anzahl der Neuerkrankungen in der Normalbevölkerung. Eine Antikörperbildung gegen Etanercept wurde bei einem Prozent der Behandelten beobachtet. Während der Schwangerschaft wird empfohlen, möglichst auf das Präparat zu verzichten. Es ist nicht bekannt, ob Etanercept in die Muttermilch übergeht.
Etanercept kann zusammen mit Methotrexat verabreicht werden. Wechselwirkungen mit anderen immunsuppressiv wirksamen Antirheumatika sind nicht bekannt. Gezielte Studien hierzu sind bisher nicht abgeschlossen. In klinischen Studien wurden keine Wechselwirkungen mit Glucocorticoiden, Salicylaten, nicht-steroidalen Antirheumatika, Analgetika oder Methotrexat beobachtet.

Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Voraussetzung für den Einsatz von Etanercept als Behandlungsalternative ist das Versagen aller im individuellen therapeutischen Verlauf angemessenen Basismedikationen. Die Erfahrungen mit dem Präparat sind noch begrenzt. Aufgrund der Zytokinhemmung können Langzeitwirkungen bzw. Nebenwirkungen noch nicht abgeschätzt werden. Es ist zu empfehlen, vor Verordnung von Etanercept unter Einbeziehung rheumatologischen Sachverstandes eine strukturierte Zweitmeinung (z. B. Clearingstelle bei der KV) einzuholen.

Kosten
Empfohlen wird eine Dosierung von 25 mg subkutan zweimal pro Woche.
Da Etanercept derzeit in Deutschland keine Zulassung besitzt, kann das Präparat auf der Grundlage des Arzneimittelgesetzes (§ 73) im Einzelfall importiert werden. Die Packung mit vier Ampullen à 25 mg kostet nach Auskunft verschiedener Importeure zwischen 1 567,20 DM und 1 784,71 DM. Damit liegen die Jahrestherapiekosten (24 Packungen) zwischen ca. 37 600,00 DM und 43 000,00 DM pro Patient (ohne Zuzahlung und Apothekenrabatt).
2. Repaglinid
(z. B. Novonorm®)

Indikation
Repaglinid ist ein Antidiabetikum aus der Gruppe der Meglitinide, das in Deutschland seit Oktober 1998 unter dem Handelsnamen Novonorm® im Handel ist. Es ist zugelassen zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ II, wenn sich mit Diät, körperlicher Aktivität und Gewichtsreduktion keine therapeutisch ausreichenden Blutzuckerwerte einstellen lassen. Es kann auch mit Metformin kombiniert werden, sofern die alleinige Gabe von Metformin keine zufriedenstellende Blutzuckereinstellung bewirkt. Die Dosierung von Metformin wird dabei unverändert fortgeführt und Repaglinid gleichzeitig verabreicht. Vollständig publizierte Daten zur Kombinationstherapie mit anderen Insulin-Sekretagoga und Acarbose wie auch zur Kombinationstherapie mit Insulin oder Thiazolidendionen liegen zz. nicht vor.

Wirkungen
Bei Repaglinid handelt sich um ein Derivat der Benzoesäure. Wie bei Glibenclamid kommt es durch die Blockierung der ATP-abhängigen Kaliumkanäle der Betazellen zu einer Depolarisation der Betazellmembran. Es folgt eine Öffnung der Calciumkanäle, die die Insulinsekretion zur Folge hat. Der Einsatz von Repaglinid setzt funktionierende Betazellen in der Bauchspeicheldrüse voraus. Die Stimulierung der Insulinausschüttung scheint vom Glukosespiegel abhängig zu sein. Repaglinid soll vor den Mahlzeiten eingenommen werden und entfaltet innerhalb von 30 Minuten eine blutzuckersenkende Wirkung.

Wirksamkeit
Das beste Ansprechen zeigte sich von der Umstellung von alleiniger diätetischer Behandlung auf Repaglinid, während das Umsetzen von anderen oralen Antidiabetika zu einer Erhöhung des HbA1c führte. Aufgrund der momentanen Studienlage sind eindeutig belegbare therapeutische Vorteile gegenüber schon länger eingeführten vergleichbaren Stoffen (z. B. Glibenclamid) nicht erkennbar.

Risiken – ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Unerwünschte Wirkungen:
In klinischen Studien wurden gastrointestinale Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und Obstipation beobachtet. In einzelnen Fällen kam es während der Behandlung mit Repaglinid zu einem Anstieg der Leberenzymwerte. Die meisten Fälle waren leicht und vorübergehend. Bei sehr wenigen Patienten musste die Therapie aufgrund des Leberenzymanstieges abgesetzt werden. Die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse war unter der Therapie gegenüber Glibenclamid erhöht. Dies wird von den nationalen Zulassungsbehörden unterschiedlich interpretiert. Ein niedrigeres Risiko der Hypoglykämie durch Repaglinid ist bisher klinisch nicht belegt, dagegen führt die Kombinationsbehandlung mit Metformin zu einem erhöhten Hypoglykämierisiko. Es gibt bisher keine ausreichenden Erfahrungen bei Patienten mit Leber- und Niereninsuffizienz. Klinische Studien mit Kindern < 18 Jahre oder mit Patienten > 75 Jahre wurden nicht durchgeführt.
Kontraindiziert ist Repaglinid bei:
– bekannter Überempfindlichkeit gegen Repaglinid
– insulinabhängigem Diabetes Typ I
– diabetischer Ketoazidose
– Schwangerschaft und Stillzeit
– schweren Nieren- oder Leberfunktionsstörungen
– Kindern unter 12 Jahren
– gleichzeitiger Einnahme von Substanzen, die CYP3A4 hemmen oder induzieren, wie Ketoconazol, Itraconazol, Erythromycin, Fluconazol, Mibefradil, Rifampicin, Phenytoin.
Darüber hinaus kann die hypoglykämische Wirkung verstärkt werden durch Monoaminoxidase-Hemmer, nichtselektive Betarezeptorenblocker, ACE-Hemmer, Salicylate, NSAIDS, Octreotide, Alkohol und Anabolika, während die hypoglykämische Wirkung vermindert wird durch orale Kontrazeptiva, Thiazide, Corticoide, Danazol, Schilddrüsenhormone und Sympathomimetika.

Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Im Vergleich zu Glibenclamid, das seit langem patentfrei ist und von zahlreichen Herstellern angeboten wird, verursacht Repaglinid im direkten Vergleich die 5- bis 10fachen Therapiekosten. Vor diesem Hintergrund ist in jedem Fall eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse angezeigt. (7 mg Glibenclamid – 3 mg Repaglinid).
3. Leflunomid
(z. B. Arava®)

Indikation
Leflunomid (Arava®) ist in Deutschland zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis (Alter der Patienten > 18 Jahre) seit November 1999 im Handel. Es wurde in drei Wirkstärken (10 mg/20 mg/100 mg) eingeführt.

Wirkungen
Leflunomid ist eine zu den Isoxazolen gehörende „immunmodulierende“ Substanz. Es hemmt die Proliferation und Funktion von aktivierten („Autoimmun“-)Lymphozyten durch Beeinträchtigung der De-novo-Synthese von Pyrimidin resp. Nukleinsäuren. Der Engpass bei der Nukleinsäurensynthese lässt aktivierte Lymphozyten im Ruhestand der G1-Phase des Zellzyklus verharren. Leflunomid hemmt auch zelluläre Rezeptoren mit Tyrosinkinase-Funktion und damit die intrazelluläre Signalübermittlung. Hierauf ist vermutlich die Hemmung der Leukozytenadhäsion an das Gefäßendothel zurückzuführen.

Wirksamkeit
Die Wirksamkeit gegenüber Placebo konnte in mehreren randomisierten, doppelblinden Multizenter-Studien der Phase III bestätigt werden. Der Vergleich mit Sulfasalazin erbrachte bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit vergleichbare Ergebnisse. Bei der gleichzeitigen Gabe von Methotrexat mit Folsäure fand sich eine vergleichbare Wirksamkeit, während Methotrexat alleine sich als weniger effektiv erwies. Die therapeutische Wirkung ist normalerweise nach vier bis sechs Wochen zu erwarten. Wirksamkeit und Nebenwirkungen sind dosisabhängig.

Risiken – ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Unerwünschte Wirkungen:
In klinischen Studien wurden gastrointestinale Beschwerden wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen beobachtet. Weiter kam es u. a. zu reversiblem Haarausfall, Exanthembildung, Juckreiz, Magen- bzw. Bauchschmerzen und Dyspepsie. Der Anstieg der Leberenzymwerte bildete sich nach Dosisreduzierung oder Absetzen der Behandlung zurück. Die Kombinationstherapie von Leflunomid mit anderen Basistherapeutika wird mangels ausreichender Erfahrung und Studienergebnissen nicht empfohlen. Darüber hinaus kann die Wirkung von Leflunomid verstärkt werden durch Rifampicin und Cimetidin.
Kontraindiziert ist Leflunomid u. a. bei:
– schweren unkontrollierbaren Infekten
– Leberfunktionsstörungen
– mittelschwerer bis schwerer Niereninsuffizienz
– Patienten mit schweren Immundefekten oder schweren Knochenmarkfunktionsstörungen
– Schwangerschaft und Stillzeit
– Patienten unter 18 Jahren
– bekannter Überempfindlichkeit gegen Leflunomid.

Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Es hat sich keine eindeutige Überlegenheit gegenüber den bisher auf dem Markt befindlichen Basistherapeutika gezeigt. Voraussetzung für den Einsatz von Leflunomid ist daher das Versagen der bisherigen Therapien, zumal noch keine Langzeiterfahrungen mit dem Wirkstoff vorliegen und die Risiken nicht unerheblich sind. Vor diesem Hintergrund ist eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse angezeigt.
Dem stehen folgende Jahreskosten für zz. in Deutschland im Handel befindliche verordnungsstarke Basistherapeutika gegenüber (Tabellen 3 und 4).
4. Glatirameracetat
(Synonyme: Copolymer 1, COP-1)
(z. B. Copaxone®)

Indikation
Im Dezember 1996 wurde Copoly-
mer 1 in den USA durch die Food and Drug Administration (FDA) zur Behandlung von Patienten mit schubförmiger remittierender multipler Sklerose zugelassen. Mit einer Zulassung im dezentralen EU-Verfahren wird im Laufe des Jahres 2000 gerechnet.
Das Präparat wird derzeit umfangreich nach § 73 (3) AMG nach Deutschland importiert (600 Patienten, zzgl. 450 Patienten zulasten des Sponsors in Studien).
Wirkung
Glatirameracetat (früher: Copolymer 1) ist ein Polypeptid, das Ende der 60er-Jahre entwickelt wurde, um die antigenen Eigenschaften von Myelin-basischem Protein (MBP) zu simulieren. Die Substanz wird synthetisiert durch die Polymerisation der vier wichtigsten Aminosäuren des MBP (Myelin, L-Alanin, L-Glutaminsäure, L-Lysin und L-Tyrosin). Der Name Glatirameracetat leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der Aminosäuren ab.
Der Wirkmechanismus von Glatirameracetat ist bislang noch nicht eindeutig geklärt. Diskutiert werden:
c Unterdrückung der MBP-spezifischen T-Zell-Aktivierung
c Induktion regulatorisch wirkender T-Suppressorzellen, die die MBP-vermittelte T-Zell-Aktivierung unterdrücken
c Wiederherstellung einer gestörten Th1/Th2-Zytokinin-Balance.
Der Substanz werden somit verschiedene immunmodulierende Eigenschaften zugeschrieben.

Wirksamkeit
Ab 1977 wurden einige wenige offene Studien mit Copolymer 1 durchgeführt. Aus den Ergebnissen dieser Untersuchungen erhielt man Hinweise zur Dosis, Verträglichkeit und zur Wirkung. Die in den folgenden Jahren durchgeführten randomisierten und multizentrischen Studien wurden von Arbeitsgruppen um Bornstein bzw. Johnson koordiniert und publiziert.
In einer 1987 im New England Journal of Medicine publizierten Untersuchung waren 50 Patienten mit einer schubförmig verlaufenden multiplen Sklerose in doppelblinder, randomisierter Anordnung entweder mit 20 mg/Tag Copoly-
mer 1 subkutan oder mit Placebo behandelt worden. Nach zwei Jahren hatte die Verum-Gruppe im Durchschnitt jährlich 0,32 Schübe, die Placebogruppe 1,35. Der Unterschied zwischen den beiden Behandlungsgruppen war statistisch signifikant. In einer weiteren placebokontrollierten Untersuchung an 106 Patienten mit chronisch progressiver multipler Sklerose fand sich kein statistisch signifikanter Unterschied in der Progressionsrate zwischen der mit Verum und der mit Placebo behandelten Patientengruppe (Neurology 1991).
In einer auf zwei Jahre angelegten multizentrischen, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie wurde die Sicherheit und Wirksamkeit von Copolymer 1 an 251 Patienten untersucht, die sich täglich subkutan entweder 20 mg der Substanz (n = 125) oder Placebo (n = 126) injizierten. Der primäre Endpunkt war die Schubfrequenz im Behandlungszeitraum. In der Verum-Gruppe betrug die mittlere jährliche Schubrate 0,59, in der Placebogruppe 0,84, die Unterschiede waren statistisch signifikant. Die Behandlung selbst hatte keinen statistisch signifikanten Effekt auf die Gehfähigkeit oder die dauerhafte Progression der Erkrankung. Dies wurde darauf zurückgeführt, dass die Einschlusskriterien auf Patienten in einem relativ frühen Krankheitsstadium beschränkt waren. Die Ergebnisse wurden 1995 in Neurology publiziert. In einem weiteren Schritt wurde die Studie um ein bis elf Monate verlängert (im Mittel 5,2 Monate in der Verum- und 5,9 Monate in der Placebo-Gruppe). Die Studienbedingungen der 24-monatigen Primärstudie blieben während dieser Zeit unverändert. Die Schubfrequenz über dem gesamten Verlauf der Doppelblind-Studie lag bei 1,34 für die mit Copolymer 1 behandelten Patienten und bei 1,98 für diejenigen, die Placebo erhalten hatten. An kleinen Patientengruppen wurden MRT-Verlaufskontrollen durchgeführt. Zusammenfassend zeigte sich eine Tendenz von weniger aktiven Läsionen im Gehirn (nachgewiesen mit Gadolinium) bei den mit Copolymer 1 behandelten Patienten.
Kontrollierte Untersuchungen, in denen Copolymer 1 mit Interferon (-1b oder -1a) bezüglich Wirksamkeit und Nebenwirkungen verglichen wurden, wurden bisher nicht nachvollziehbar publiziert. Die bislang publizierten Studienergebnisse belegen nicht, dass die Behandlung mit Copolymer 1 auf Dauer die Progression der multiplen Sklerose und/oder den endgültigen Behinderungsgrad positiv beeinflusst. Es fehlen weiterhin überzeugende kernspintomographische Untersuchungen zur Reduktion von aktiven Läsionen im Gehirn. Ungeklärt sind auch die augenfälligen Unterschiede in der Reduktion der Schübe pro Jahr in den Studien von Bornstein und von Johnson.

Risiken –
ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Unerwünschte Wirkungen: Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren lokale Reaktionen an der Injektionsstelle mit Indurationen, Schmerz, Juckreiz und Ausbildung von Erythemen. Ca. 16 Prozent der Patienten berichteten über eine vorübergehende, selbst limitierte, systemische Reaktion mit Vasodilatation und Spannungsgefühl im Brustraum mit Herzklopfen, Angstgefühl und/oder Dyspnoe. Diese Nebenwirkung begann innerhalb von Minuten nach der Injektion und dauerte bis zu 30 Minuten. Hämatologische Veränderungen oder Zeichen einer Lebertoxizität wurden nicht beobachtet.
Kontraindiziert ist Glatirameracetat bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Glatirameracetat oder Mannitol. Ob Glatirameracetat auch in der Schwangerschaft unbedenklich eingenommen werden kann und ob es mit der Brustmilch ausgeschieden wird, ist nicht bekannt.
Depressionen und grippeähnliche Symptome, die unter der Behandlung mit ß-Interferonen auftreten können, wurden unter der Behandlung mit Glatirameracetat nicht häufiger beobachtet als unter Placebo. Eine Antikörperbildung dürfte für die Behandlung ohne Bedeutung sein.

Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Therapie der Wahl bei behandlungsbedürftigen Schüben sind Corticosteroide. Zur Langzeitbehandlung mit dem Ziel der Rezidiv-Prophylaxe und Verlangsamung der Progression der Erkrankung können bei gehfähigen Patienten mit mindestens zwei Schüben pro Jahr die in Deutschland zugelassenen
ß-Interferone (Avonex® oder Rebif® als Interferon ß-1a oder Betaferon® als Interferon ß-1b) in der vertragsärztlichen Versorgung verordnet werden. Azathioprin wird im Rahmen von Heilversuchen ebenfalls zur Langzeit-Schubprophylaxe eingesetzt. Ein entsprechender Antrag auf Erweiterung der Zulassung wurde von einem Hersteller angekündigt.
Ausgehend von der klinischen Wirksamkeit sowie von der guten Verträglichkeit, stellt Glatirameracetat beim derzeitigen Zulassungsstatus eine Behandlungsalternative der schubförmigen multiplen Sklerose dar bei
1. Versagen der Therapie mit für die Indikation zugelassenen Arzneimitteln,
2. starken Nebenwirkungen unter der Behandlung mit ß-Interferonen,
3. Kontraindikationen gegen eine Behandlung mit ß-Interferonen.
Die Patienten sollten eine schubförmig verlaufende MS aufweisen, gehfähig und älter als 18 Jahre sein. Da bislang keine Erfahrungen über einen Behandlungszeitraum von mehr als 2½ Jahren vorliegen, sollte die Behandlung von einem Neurologen durchgeführt und nach zwei Jahren überprüft werden. Die Indikation zur Weiterbehandlung sollte dabei von objektivierbaren klinischen Kriterien abhängig gemacht werden.
Kosten
Glatirameracetat wird täglich in der Dosis 20 mg subkutan injiziert.
Der Apothekeneinkaufspreis beträgt in Deutschland in der Regel 1 550,– DM. Hieraus resultiert ein Abgabepreis von ca. 2 214,82 DM für die Monatspackung entsprechend einem Abgabepreis von 26 577,84 DM/Jahr (jeweils ohne variable Beschaffungskosten für den Import!). Für Deutschland ist der Preis nach Markteinführung noch offen (Tabelle 5).
Die Änderung der Richtlinien tritt am Tage nach der Bekanntmachung im Bundesanzeiger in Kraft.

Köln, den 10. Dezember 1999


Bundes­aus­schuss der Ärzte
und Krankenkassen

Der Vorsitzende
J u n g

Tabelle 1
Kosten
0,5 mg 1 mg 2 mg
 30 St. 24,28 DM 30 St. 27,41 DM 30 St. 34,25 DM
120 St. 82,21 DM 120 St. 94,54 DM 120 St. 117,28 DM


Tabelle 2
Kosten: Jahreskosten für Arava®
10 mg/d Arava® 1890,– DM
20 mg/d Arava® 2680,– DM


Tabelle 3
Beispiele für Methotrexat (MTX) mit und ohne Folsäure
Dosierung Arznei- Kosten für Dosierung Arzneimittel- Gesamtkosten
MTX/ mittelname Methotrexat Folsäure/ name Methotrexat
Woche ca. Woche und Folsäure ca.
7,5 mg Lantarel® DM 185,–   5 mg Folsan® DM 225,–
Rubiefol® DM 207,–
Metex® DM 170,– Folsan® DM 210,–
Rubiefol® DM 192,–
15 mg Lantarel® DM 370,– 10 mg Folsan® DM 423,–
Rubiefol® DM 401,50
Metex® DM 340,– Folsan® DM 393,–
Rubiefol® DM 371,50

Tabelle 4
Beispiel für Sulfasalazin
2,0 g/Tag Sulfasalazin-Heyl® ca. DM 855,–
Pleon RA® ca. DM 950,–
Azulfidine RA® ca. DM 1 075,–

Tabelle 5
Zum Vergleich
Interferon ß-1a – Avonex® 6   Mio. I.E. 1× pro Woche i. m. 28 955,81 DM/Jahr
Interferon ß-1a – Rebif® 6   Mio. I.E. 3× pro Woche s. c. 31 698,55 DM/Jahr
Interferon ß-1b – Betaferon® 9,6 Mio. I.E. jeden 2. Tag s. c. 28 933,31 DM/Jahr
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