ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2000Ambulante Versorgung: Neuer Zulassungsboom?

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Ambulante Versorgung: Neuer Zulassungsboom?

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): A-1709 / B-1449 / C-1349

Maus, Josef

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LNSLNS Kritiker des GKV-Gesundheitsreformgesetzes 2000 haben dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wiederholt „handwerkliche Fehler“ bei der Erarbeitung des Gesetzes vorgeworfen. Zuwenig durchdacht, nicht ausgewogen und mit heißer Nadel gestrickt, lautete das wenig schmeichelhafte Urteil. Jetzt taucht eine neue Ungereimtheit auf, die sich zu einer ernsthaften Belastung der ambulanten ärztlichen Versorgung auswachsen kann. Obwohl allerorten über die seit Jahren zu hohen Arztzahlen geklagt wird, könnten sich alsbald aufgrund einer gesetzlichen Neuerung weitere 8 000 Ärzte niederlassen!
Es war erklärter politischer Wille, die hausärztliche Versorgung zu stärken und diesen Sektor vor allem gegenüber den fachärztlich tätigen Internisten sauber abzutrennen. Die Aufteilung der Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Anteil ist ein Beleg da-
für. Das Gesundheitsreformgesetz sieht darüber hinaus vor, die Hausärzte (darunter auch die hausärztlichen Internisten) von der Gruppe der fachärztlichen Internisten in der Bedarfsplanung zu trennen. Das Ergebnis ist – gelinde gesagt – kurios.
Weil im Gesetz als Stichtag für die Berechnung der neuen Bedarfszahlen der 31. Dezember 1995 genannt ist und nicht mehr wie bisher der Versorgungsstand zum Jahresende 1990 zählt, wären plötzlich wieder 90 Prozent der „hausärztlichen Planungsbereiche“ für eine Niederlassung offen. In konkreten Zahlen: Es können sich weitere 7 654 Hausärzte und 402 fachärztliche Internisten neu niederlassen.
Ein derartiger Zulassungsboom kann unmöglich im Sinne des Gesetzgebers sein, denn er hat andererseits eine reine Bedarfszulassung ab dem Jahr 2003 im SGB V verankert. Das heißt: Ab dann kann nur noch ein Kassenarzt ins System, wenn es ein anderer verlässt.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin auf diesen krassen Widerspruch hingewiesen. Für junge Ärzte mag die unverhoffte Niederlassungsperspektive vielleicht wie ein Glücksfall erscheinen. Das gesamte System – seit Jahren finanziell strikt gedeckelt – wird einen weiteren Zulassungsschub aber kaum verkraften. Guter Rat ist teuer, doch ein Ausweg aus dem Dilemma ist noch nicht in Sicht. Ein vom BMG dazu angesetztes Gespräch fand unterdessen nicht statt, sondern wurde von Seiten des Ministeriums auf unbestimmte Zeit verschoben. Josef Maus
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