ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2000Zusatzbezeichnung Umweltmedizin Erstrebenswert für den niedergelassenen Arzt?

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Zusatzbezeichnung Umweltmedizin Erstrebenswert für den niedergelassenen Arzt?

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): A-1740 / B-1494 / C-1386

Hauber-Schwenk, Gaby; Seidel, Hans Joachim

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LNSLNS Immer weniger niedergelassene Ärzte bilden sich in Umweltmedizin weiter. Eine Umfrage ergab: Einheitliche Weiterbildungsinhalte und Qualitätszirkel sind gefragt.

Gesundheit“ und „Umwelt“ sind Themen, die zusammen diskutiert werden müssen. Immer wieder befragen Patienten ihren Arzt zu diesen Gebieten. Dabei gilt es zu klären, ob „die Umwelt“ des Patienten Ursache seiner gesundheitlichen Probleme ist. Um dem gerecht zu werden, hat die Bundes­ärzte­kammer 1994 das Curriculum Umweltmedizin (200 Stunden Kurs und 1,5 Jahre Weiterbildungszeit) entwickelt, das die Lan­des­ärz­te­kam­mern übernommen haben. Das Curriculum ermöglicht Ärzten, die die Anerkennung für ein Gebiet erworben oder vier Jahre anrechnungsfähiger Weiterbildungszeit absolviert haben, sich in der Umweltmedizin weiterzubilden und dies durch die erlangte Zusatzbezeichnung auch öffentlich zu machen.
Kursteilnehmer: 70 Prozent niedergelassene Ärzte
In Baden-Württemberg haben seither rund 400 Ärzte diese Zusatzbezeichnung überwiegend im Rahmen der Übergangsbestimmungen erlangt. Eine der Weiterbildungsstätten ist die Sozial- und Arbeitsmedizinische Akademie Stuttgart (SAMA). Seit 1995 hat sich die Zusammensetzung der Kursteilnehmer deutlich verändert. Stellten zuvor Ärzte aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst die Mehrzahl der Kursteilnehmer, sind es nun vorwiegend niedergelassene Ärzte, die sich in Umweltmedizin weiterbilden. Anfang 1999 betrug der Anteil niedergelassener Ärzte in den umweltmedizinischen Kursen der Akademie 70 Prozent.
Neben der regelmäßigen Evaluation ihrer Kurse veranstaltete die SAMA im vergangenen Frühjahr einen „Zukunfts-Workshop“ zum Thema „Möglichkeiten und Kompetenzen in der Umweltmedizin“. Ziel der Arbeit in Zukunftswerkstätten ist es, die Beteiligten in Entscheidungen einzubeziehen, die sonst Politikern, Funktionären oder Experten vorbehalten sind. Eine Zukunftswerkstatt ist ein Forum, in dem Zukunftsvorstellungen entworfen und deren Realisierungsmöglichkeiten geprüft werden. Da sich die praktisch-klinische Umweltmedizin in einem – wenn auch fortgeschrittenen – Entwicklungsstadium befindet, ist es sinnvoll, diejenigen, die in diesem Gebiet arbeiten werden, in Planung und Zielsetzung einzubinden. Dies wollte die SAMA ihren Kursteilnehmern ermöglichen.
Zum Einstieg wurden die Kursteilnehmer befragt, welchen Nutzen sie von der Zusatzbezeichnung Umweltmedizin erwarten. Am häufigsten nannten die 31 Teilnehmer die Weiterqualifikation, die Abgrenzung von Kollegen, persönliches Interesse und den Willen, als Arzt ein kompetenter Ansprechpartner zu sein. Danach folgte eine Beschwerde-/Kritikphase. Die Teilnehmer sollten zwei Fragen beantworten: „Was sind die Hindernisse für eine erfolgreiche umweltmedizinische Tätigkeit?“ und „Was ärgert Sie im Bereich Umweltmedizin an Ihren Standesorganisationen/an den Kostenträgern?“
Hauptkritikpunkt der Kursteilnehmer war die Schwierigkeit, als niedergelassener Arzt die Zusatzbezeichnung „Umweltmedizin“ zu erlangen, da es aus wirtschaftlichen Gründen nahezu unmöglich ist, eine Praxis vier Wochen lang zu schließen, um den theoretischen Teil (200 Stunden) zu absolvieren. Eine Teillösung sind Wochenend-Kurse, wie sie die Akademie Stuttgart seit zwei Jahren anbietet. Zusätzliche Schwierigkeiten treten in den Bundesländern auf, in denen die praktische Weiterbildung an eine eineinhalbjährige Praxisphase an einer anerkannten Weiterbildungsstätte gebunden ist. Die Kursteilnehmer forderten deshalb bundesweit einheitliche und praktikable Weiterbildungsrichtlinien für niedergelassene Ärzte. Beim Vergleich verschiedener Anforderungen in den Bundesländern schnitt das Tutoren-Modell von Baden-Württemberg am besten ab (siehe Kasten).
Beklagt wurde auch das unterschiedliche Qualitätsniveau der Kursanbieter. Da sich die Weiterbildungskandidaten immer häufiger einzelne Kursteile bei verschiedenen Institutionen zusammensuchen – dort, wo die Termine passen –, werden Unterschiede in der Kursplanung und -gestaltung besonders deutlich. Die Kursteilnehmer erwarten, dass sich die verschiedenen Veranstalter inhaltlich besser abstimmen, und fordern eine Qualitätssicherung bei den Weiterbildungsträgern. Anstelle von Großveranstaltungen fordern sie kleine Gruppen, in denen praxisbezogen diskutiert werden kann. Sie erwarten auch nach Abschluss der Weiterbildung regelmäßige Angebote zur umweltmedizinischen Fortbildung.
Um eine einheitliche Honorierung umweltmedizinischer Leistungen durchsetzen zu können, halten die Kursteilnehmer es zunächst für geboten, valide Methoden in der Umweltmedizin zu definieren und diese dann zu listen („Positivliste“). Für diese Aufgabe komme beispielsweise eine neutrale wissenschaftliche Kommission infrage, die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung autorisiert ist und eine solche Liste veröffentlichen kann. Dies schaffe Kostenbewusstsein beim Patienten und stärke die Kompetenz des Umweltmediziners. Die Liste sollte ein Kriterium für die Erstattungsfähigkeit zulasten der gesetzlichen Krankenkassen sein.
Da es auch in der Umweltmedizin unseriös arbeitende Labors oder Institutionen gibt, die für den niedergelassenen Arzt nur schwer von seriösen Anbietern zu unterscheiden sind, da die Umweltmedizin bisher fachübergreifend noch nicht etabliert ist und es als schwierig empfunden wird, kompetente Informationen zu beschaffen, äußerten die Kursteilnehmer folgende Wünsche:
Der erste Partner, mit dem ein zukünftiger Umweltmediziner in Kontakt tritt, ist die von ihm ausgewählte Weiterbildungseinrichtung. Von ihr wird erwartet, dass sie zwar alle Schattierungen der Umweltmedizin vermittelt, die unterschiedlichen Sichtweisen aber durch eine wissenschaftliche Moderation ergänzt. Weiter bestand der Wunsch, dass sich die Kursteilnehmer auch bei später auftretenden Fragen an die Weiterbildungseinrichtung wenden können.
Interdisziplinäre
Zusammenarbeit
In seiner weiteren Tätigkeit als Umweltmediziner ist der Arzt auf mehrere Partner angewiesen, auf Labors (für die Analysen), auf Umweltmobile (zum Beispiel für Wohnraumbegehungen), auf öffentliche Ämter beziehungsweise den öffentlichen Gesundheitsdienst (als Informationsquelle), auf Umweltambulanzen oder auf Co-Therapeuten (zum Beispiel Psychotherapeuten). Eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit könnte künftig wesenlich deutlicher strukturiert werden. Interdisziplinäre Qualitätszirkel halten die meisten Teilnehmer für erstrebenswert.
Erste Schritte wurden bereits unternommen. In Baden-Württemberg existieren zwei Arten ärztlicher Qualitätszirkel: ein Zirkel für niedergelassene Ärzte und einer für Umweltmediziner des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Der Vernetzungsgrad zwischen beiden ist bisher jedoch gering. Unter Leitung des Landesgesundheitsamtes in Stuttgart arbeiten einige Labors erfolgreich zusammen, um Maßnahmen zur Qualitätssicherung in den Bereichen Spurenanalytik, Schimmelpilzanalytik und Analytik der häuslichen Allergene zu erarbeiten.
Das Curriculum Umweltmedizin der Bundes­ärzte­kammer ist eine wertvolle Basis für eine bundesweit einheitliche Weiterbildung. Eine zweite Fassung liegt seit kurzem vor. Das umweltmedizinische Konzept wird erfolgreich sein, wenn Umweltmedizin auf wissenschaftlicher Basis betrieben wird. Die Umweltmedizin kann dann einen Beitrag leisten, verschiedene medizinische Fachrichtungen über den Faktor Umwelt miteinander zu verbinden.

Anschrift für die Verfasser
Dr. rer. nat. Gaby Hauber-Schwenk
Prof. Dr. med. Hans Joachim Seidel
Sozial- und Arbeitsmedizinische
Akademie (SAMA)
Adalbert-Stifter-Straße 105
70437 Stuttgart

Weiterbildung Umweltmedizin in Baden-Württemberg (Stand Juli 1998)
- Die Weiterbildung findet unter der Leitung eines/r zur Weiterbildung befugten Arztes/ Ärztin statt.
- Die 1½-jährige Weiterbildungszeit muss nicht unter ständiger Aufsicht des Weiterbilders erfolgen. Es genügt, wenn der Weiterzubildende und der Weiterbilder sich mindestens einmal pro Quartal, mindestens halbtägig, zu einer Fallbesprechung treffen. Gesprächsgruppen mit bis zu sieben Teilnehmern sind möglich.
- Während der Weiterbildung müssen sechs Stellungnahmen je zur Hälfte zu individual- und bevölkerungsmedizinischen Fragen inklusive wissenschaftlicher Begründung vorgelegt werden. Sie dürfen sich nicht nur auf ein Krankheitsbild beziehen.
- Der Weiterzubildende muss die Teilnahme an wissenschaftlichen Fachkongressen, insgesamt mindestens drei Tage, nachweisen.
- Während der Weiterbildungszeit müssen absolviert werden: eine zweiwöchige ganztägige Hospitation, davon eine Woche beim Landesgesundheitsamt, einem Hygiene-Institut oder einer ähnlichen Einrichtung mit Weiterbildungsbefugnis sowie eine Woche bei einem anderen Weiterbilder mit Weiterbildungsbefugnis.
- Der Weiterbilder muss die Erfüllung dieser Voraussetzungen im Weiterbildungszeugnis bestätigen.
- Daneben müssen die Anforderungen der Weiter­bildungs­ordnung nachgewiesen werden.
- Die Weiterbildung wird mit einer Prüfung abgeschlossen.
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