ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2000Moderne Impfstrategien: 24. Interdisziplinäres Forum der Bundes­ärzte­kammer „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ vom 12. bis 15. Januar 2000

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Moderne Impfstrategien: 24. Interdisziplinäres Forum der Bundes­ärzte­kammer „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ vom 12. bis 15. Januar 2000

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): A-1760 / B-1488 / C-1386

Löscher, Thomas

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LNSLNS Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten gehören zu den nutzen- und kosteneffektivsten Präventionsmaßnahmen, die der Medizin zur Verfügung stehen. Beim Interdisziplinären Forum wurden neben einer Standortbestimmung aktueller Impfstrategien, wichtige Entwicklungen und Zukunftsperspektiven auf dem Impfsektor vorgestellt.
Heinz-Josef Schmitt, Kiel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut, wies zu Beginn der Tagung darauf hin, dass in Deutschland trotz großer Erfolge noch wichtige Defizite bestehen. So fehlen hierzulande die letzten 10 bis 15 Prozent an Durchimpfungsrate um gegen potenziell tödliche Krankheiten einen umfassenden Schutz zu erzielen, um die von der WHO vorgegebenen Ziele wie die Elimination der Masern in Europa bis 2007 zu erreichen. Hierzu sind Impfkonzepte mit klaren Ziel- und Zeitvorgaben notwendig. Wichtige Voraussetzung hierzu sind die Verankerung dieser Aufgaben im neuen Infektionsschutzgesetz und die Umsetzung des Zehn-Punkte-Programms des Robert Koch-Instituts zur Erhöhung der Impfbereitschaft und zur Steigerung der Durchimpfungsraten in Deutschland.
Impfungen stellen neben dem Individualschutz einen wichtigen Solidarbeitrag des Einzelnen zur öffentlichen Gesundheit dar. In Deutschland sind diese bevölkerungsmedizinischen Aspekte jedoch unzureichend im ärztlichen Denken verankert, erläuterte Bernd Hemming, Düsseldorf. Sie werden im derzeitigen Gesundheitssystem zu wenig gefördert und honoriert. Jeder Arzt-Patient-Kontakt sollte genutzt werden um den Impfstatus zu erfassen und gegebenenfalls Impflücken zu schließen. Lücken im Impfkalender für Kinder und Jugendliche entstehen häufig dadurch, dass wegen banaler Infekte Impfungen nicht durchgeführt werden. Dies ist heute jedoch kein Grund mehr fällige Impfungen zu verschieben oder auf diese zu verzichten.
Moderne Impfstoffe besser verträglich
Fred-Philipp Zepp, Mainz, berichtete über den rasanten Fortschritt der modernen Impfstoffentwicklung, der die Verfügbarkeit neuer, ausgezeichnet wirksamer und verträglicher Impfstoffe für das Kindes- und Jugendalter erweitert hat. So konnte das Problem der unzureichenden Immunantwort gegen Polysaccharid-Antigene innerhalb der ersten beiden
Lebensjahre durch die Entwicklung von Konjugatvakzinen gelöst werden. Nach dem bereits in den Impfplan integrierten Impfstoff gegen Erkrankungen durch Haemophilus influenzae Typ b ermöglichte dies die Entwicklung verbesserter Pneumokokken- und Meningokokken-Impfstoffe. Zudem werden in naher Zukunft neue Impfstoffe für das Kindesalter gegen Erkrankungen durch Respiratory-syncytial-Virus und Rotaviren zur Verfügung stehen. In Anbetracht der zunehmenden Zahl von Einzelimpfungen ist auch die Weiterentwicklung multivalenter Kombinationsimpfstoffe zunehmend wichtiger.
Bei den Indikationsimpfungen kommt der Influenzaimpfung besondere Bedeutung zu, betonte Frank von Sonnenburg, München. Entscheidend für die Senkung der durch Influenza bedingten erhöhten Sterblichkeit ist es, möglichst alle Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung und alle Personen über 60 Jahre jährlich zu impfen. Die Akzeptanz der Influenzaimpfung wird vermutlich mit dem neuen, nasal zu applizierenden Impfstoff weiter gesteigert werden können. Die Einführung der
Neuramidasehemmer bereichert zwar die therapeutischen Möglichkeiten, sie darf jedoch keinesfalls Indikation und Notwendigkeit der Grippeimpfung beeinflussen. Leider wird in Deutschland die Impfung gegen Pneumokokkeninfektionen nur wenig genutzt, obwohl diese eine erhebliche Morbidität und Mortalität bei einer Risikopopulation verursachen, die weitgehend derjenigen der Influenza entspricht. Neue Konjugatimpfstoffe werden das Immungedächnis deutlich besser stimulieren als die derzeit verfügbare 23-valente Polysaccharid-Vakzine. Allerdings können bei Konjugatimpfstoffen maximal sieben bis neun der über 80 bekannten Kapselantigene berücksichtigt werden. Es wird darauf ankommen, dass die Zusammensetzung der für Deutschland angebotenen Vakzinen ein Optimum an Serotypen abdeckt.
Gerd Dieter Burchard, Berlin, wies auf die Notwendigkeit von Impfungen vor Reisen in tropische und subtropische Gebiete hin. Neben gegebenenfalls vorgeschriebenen Impfungen, wie die gegen Gelbfieber, sollte in jedem Fall der Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie und Poliomyelitis überprüft und gegebenenfalls aufgefrischt werden. Gerade ältere Reisende sind gegen diese Erkrankungen oft nicht oder nicht mehr ausreichend immunisiert. Als Beispiel nannte Burchard aktuelle Zahlen aus Berlin: Hier sind nur 60 Prozent der Erwachsenen gegen Diphtherie, 72 Prozent gegen Tetanus und 73 bis 87 Prozent (abhängig vom Serotyp) gegen Poliomyelitis immun. Wegen der hohen Inzidenz der Hepatitis A sollten alle Reisende in Entwicklungsländer geimpft werden. Bei älteren Personen und bei vorbestehender Leberschädigung (zum Beispiel chronische Hepatitis C) besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere und tödliche Verläufe. Weitere Impfungen, wie die gegen Typhus abdominalis, Hepatitis B, Meningokokken-Meningitis, Tollwut oder japanische Enzephalitis können für Reisende mit erhöhtem Risiko empfehlenswert sein. Neue Impfstoffe gegen wichtige tropische Infektionskrankheiten wie Malaria oder Denguefieber sind in Entwicklung. Es wird jedoch noch Jahre dauern, bis diese zur Verfügung stehen.
Neue Schutzimpfungen dringend erforderlich
Obwohl wir derzeit über hocheffiziente Schutzimpfungen verfügen, besteht ein dringender Bedarf nach wirksamen Impfungen gegen zahlreiche weitere Infektionskrankheiten, führte Wolfgang Jilg, Regensburg, aus. Die Anwendung innovativer Technologien, wie neue Carrier und Adjuvantien, rekombinante Subunit-Impfstoffe und gezielte Mutation von Mikroorganismen zu ihrer Attenuierung und Verwendung als Lebendvakzinen lassen eine Reihe neuer und verbesserter Impfstoffe erwarten. Ein weiterer, möglicherweise entscheidender Durchbruch zeichnet sich durch die Entwicklung von DNA-Impfstoffen ab, bei denen nackte DNA intramuskulär appliziert wird und in der Lage ist, eine humorale wie zelluläre Immunantwort gegen die von ihr kodierten und von Zellen des Geimpften exprimierten Antigene zu induzieren. Zu Fragen hinsichtlich möglicher Risiken erklärte Jilg, dass sich bei den bisherigen tierexperimentellen Prüfungen und den allerdings noch sehr begrenzten Erfahrungen beim Menschen keine Hinweise auf geäußerte Bedenken ergeben haben, wie eine mögliche Integration von Fremd-DNA in das Wirtszellgenom mit dem potenziellen Risiko der Insertionsmutagenese oder die Auslösung von Autoimmunphänomenen gegen DNA oder Wirtsproteine. Vor einer Einführung von DNA-Impfstoffen sind jedoch noch wesentlich umfangreichere Prüfungen erforderlich.
Karl-Friedrich Sewing, Hannover, fasste in seinem Schlusswort als Themenvorsitzender die großen Erfolge von Impfungen zusammen und mahnte eine noch bessere Umsetzung effektiver Impfprogramme und -strategien in der Praxis an. Von besonderer Bedeutung hierbei ist die auch von zahlreichen Diskussionsteilnehmern gewünschte Verbesserung des Informationsflusses und der einfachere Zugang zu wichtigen und aktuellen Informationsquellen, wie etwa die regelmäßige Publikation der in circa jährlichen Abständen überarbeiteten und neugefassten Empfehlungen der STIKO im Deutschen Ärzteblatt.

Professor Dr. med. Dr. med. habil. Thomas Löscher
Abteilung für Infektions- und
Tropenmedizin der Medizinischen
Klinik-Innenstadt
Klinikum der Universität München
Leopoldstraße 5
80802 München

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