ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2000Fremdkörperingestionen im Kindesalter: Nicht zeitgemäße Therapieempfehlungen in HNO-Kliniken

MEDIZIN: Diskussion

Fremdkörperingestionen im Kindesalter: Nicht zeitgemäße Therapieempfehlungen in HNO-Kliniken

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): A-1762 / B-1401 / C-1269

Brockstedt, Matthias

Zu dem Beitrag von Dr. med. Ulf Winkler Prof. Dr. med. Jobst Henker Prof. Dr. med. Edgar Rupprecht in Heft 6/2000
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS So wünschenswert es ist, das alltägliche Thema der kleinkindlichen Fremdkörperingestion immer wieder ins Bewusstsein aller Fachdisziplinen zu rufen, so heikel ist es jedoch, wenn im Beitrag von Winkler et al. Empfehlungen ausgesprochen werden, die seit mehr als zehn Jahren nicht dem heute gängigen Stand des Fachwissens in der Pädiatrie und insbesondere in der pädiatrischen Toxikologie entsprechen. Die Autoren weisen in ihrem Beitrag darauf hin, dass bei Ingestion von Knopfzellen neben lokalen Verätzungen resorptive Vergiftungen auftreten und empfehlen in jedem Fall eine baldige Extraktion der Knopfzelle aus dem Magen. Die Arbeit von Frey et al. (1), auf die sich die Autoren bei dieser Empfehlung beziehen, schlägt allerdings ein völlig anderes Vorgehen vor. Die Autoren schreiben in ihren Empfehlungen: „Chirurgische oder endoskopische Entfernung der Zelle ist nicht notwendig, es sei denn die Zelle sei zu groß, um durch den Pylorus zu gelangen.“ Die Frage einer möglichen resorptiven Vergiftung ist durch die umfangreiche Studie von Litowitz (2) an 2 382 nachverfolgten Knopfzellingestionsfällen hinreichend dahingehend beantwortet, dass ganz vereinzelt einmal geringgradige Erhöhungen der Serumquecksilberkonzentration gemessen werden konnten, jedoch nie Vergiftungssymptome auftraten. Dies entspricht auch der täglichen Erfahrung in den zehn Deutschen Giftnotrufzentren.
Das konservative Vorgehen nach versehentlichem Verschlucken von Knopfzellen ist Konsensus in dieser Notfallberatung und wurde einmütig anlässlich der „Jährlichen Konsensustagung der Deutschen Giftnotrufzentren“ im November 1999 an der Universitätsklinik Bonn bestätigt. In dem von unserer Einrichtung herausgegebenen Lehrbuch zu „Vergiftungen im Kindesalter“ (3), Stand 1995, ist das konservative Vorgehen bei Knopfzellingestionen im Kleinkindesalter nochmals beschrieben und wird auch in der gerade überarbeiteten Neufassung der 4. Auflage zum Jahr 2001 in ähnlicher Form formuliert, weil es sich weltweit bewährt hat.
Ich vermisse andererseits im Beitrag von Winkler et al. den in der Praxis so wesentlichen Hinweis, dass bei Verdacht auf Knopfzellingestion und fehlendem Röntgennachweis unbedingt Gehörgänge des Kindes und die Nasengänge zu inspizieren sind, weil hier unbeobachtet häufig Fremdkörper verbleiben und zu eitrig abzidierenden Lokalentzündungen führen können.
Wir erleben jetzt in unserer täglichen Arbeit eine Verunsicherung vieler pädiatrischer und allgemeinmedizinischer Kollegen, die durch die sicher nicht zeitgemäße Therapieempfehlung der Autoren ausgelöst wurde. Die unkritische und überzogen angewendete Indikation zur Endoskopie nach Verschlucken von Glassplittern und die Empfehlungen zur mehrtägigen stationären Beobachtung fallen zwar nicht ins Gebiet der Toxikologie, sind aber unter klinisch-pädiatrischen Gesichtspunkten ebenso fragwürdig wie die von den Autoren geäußerten Empfehlungen zum Vorgehen bei Knopfzellingestion.

Literatur
1. Frey P, David T, Ferguson AP: Knopfbatterien im Magen-Darm-Trakt des Kindes. Pädiatr Praxis 1989; 38: 63–67.
2. Litowitz T, Schmitz BF: Ingestions of cylindrical and button-batteries: an analysis of 2 382 cases. Pediatrics 1992; 89: 747–757.
3. v. Mühlendahl KE, Oberdisse U, Bunjes R, Ritter S: Vergiftungen im Kindesalter. Stuttgart: Ferdinand Enke-Verlag 3. Auflage 1995.
Dr. med. Matthias Brockstedt
Beratungsstelle für
Vergiftungserscheinungen und
Embryonaltoxikologie
(Giftnotruf-Berlin)
Spandauer Damm 130, Haus 10
14050 Berlin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema