ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2000Karikaturen von Tomi Ungerer Zwischen Marianne und Germania

VARIA: Feuilleton

Karikaturen von Tomi Ungerer Zwischen Marianne und Germania

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): A-1764 / B-1514 / C-1406

Paul, Christiane

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LNSLNS . . . und andere Geschichten

Der spitze Bleistift ist die Waffe, mit der Tomi Ungerer bei dem Betrachter ins Gemüt und ins Schwarze trifft. Seine genauen und scharfen Beobachtungen zeichnet er präzise nach. So mancher Ausstellungsbesucher fühlt sich von dem Karikateur ertappt und muss doch schmunzeln. Die Situationen sind nachvollziehbar, da sie fast jeder hautnah erlebt hat.
Die Beziehung zwischen Frankreich, dem Elsass und Deutschland ist das Thema der Ausstellung „Zwischen Marianne und Germania . . . und andere Geschichten“, die im Kronprinzenpalais in Berlin gezeigt wird. Sehr freizügig zeigt Ungerer die beiden Frauengestalten beim Tanz mit hochhackigen Schuhen, die Personifikation der Französischen Republik mit Jakobinermütze und die volkstümliche Symbolfigur der Deutschen mit Walküren-Helm. Nach Jahrhunderten von Streit und Krieg zwischen den Beteiligten soll nun der Spaß überwiegen. Ein nicht einfacher Tanz und Balanceakt aus der Sicht des Zeichners. Der Sprachenkampf und das inzwischen fast vergessene Verbot der deutschen Sprache im Elsass dokumentiert er: eine Frauengestalt mit Jakobinermütze hält einen kleine Jungen an der roten langen Zunge fest und zeigt auf das Schild: C’est chic de parler français.
Ungerer hat im Elsass die Zeit der deutschen Besatzung erlebt und mit 14 Jahren Hitler als „Schwarzer Peter“ in einem Kartenspiel gezeichnet. Seine Einstellung zu den Mächtigen hat sich nicht mehr verändert. Er ist ein Vertreter der schwarzen Kunst, der witzigen und satirischen Karikatur. Mit seinem Spott an den Personen übt er Kritik an Zuständen, prangert sie an und gibt sie auch der Lächerlichkeit preis.
Sieben Skulpturen und rund 250 Arbeiten auf Papier, die ein breites Spektrum seines Werkes zeigen, sind Leihgaben des Ungerer-Museums in Straßburg, das 2001 zu seinem 70. Geburtstag eröffnet wird und dem Ungerer alle seine Arbeiten schenkte.
Für diese Ausstellung, die vorher in Hamburg gezeigt wurde, entwarf Ungerer einen sechsteiligen Türenparcour in Zusammenarbeit mit einem Türklinkenhersteller aus Brakel. Er benutzt ungewöhnliche Griffe: zum Beispiel große Nägel bei der Sargdeckeltür, Fahrradlenker und Pedale bei der Elsässer Tür, die rot und weiß gestrichen ist. Ein dreiteiliges Türblatt in schwarz, rot und gold mit drei Hämmern als Griffe versehen: die „deutschen Türen“. Oben und unten lassen sich nach rechts öffnen und die Mitte nach links. Für Frankreich befinden sich drei Türen in einer mit den Farben blau, weiß, rot und mit Schneebesen als Griffe. Die Zukunft sieht Ungerer mit der europäischen halbkreisförmigen Tür in blau mit weißen Sternen, bei der man sich um sich selber dreht, aber erst die Kurbeln der Kaffeemühlen betätigen muss, die als Griffe angebracht sind. Keine Tür lässt sich öffnen wie die andere. Ungerer schafft es immer wieder, den Betrachter zum Nach- und Umdenken anzuregen.
Originale aus seinem letzten im Diogenes Verlag veröffentlichten Kinderbuch: „Otto. Autobiographie eines Teddybären“ befinden sich auch in der Ausstellung. Es sind wunderschöne Zeichnungen zu einem traurigen Thema: Ottos Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges und das Wiedersehen mit seinen Freunden nach vielen Jahren in Amerika. Diese Art der Kinderbücher, die der Künstler seit Jahren entwirft, sind auch bestens für Erwachsene geeignet. Seine Zeichnungen sind aussagestark, zweideutig und lassen der eigenen Fantasie dennoch Platz. Christiane Paul

Marianne und Germania 2, 1992 Foto: Prospekt

Die Ausstellung ist vom 8. September bis 5. November im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München, zu sehen (Telefon: 0 89/2 33-2 23 70).
Bis zum 13. Juni war „Zwischen Marianne und Germania“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin und vorher in Hamburg zu sehen.
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