ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2000Reizdarm-Syndrom: Harmlos, aber für Patienten störend

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Reizdarm-Syndrom: Harmlos, aber für Patienten störend

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): A-1766 / B-1516 / C-1273

Bischoff, Angelika

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LNSLNS In westlichen Industrieländern leiden etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung unter typischen Beschwerden eines Reizdarm-Syndroms mit abdominellen Schmerzen und Stuhlgangunregelmäßigkeiten. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Das Reizdarm-Syndrom gehört ebenso wie die nicht-ulzeröse Dyspepsie, bei der rezidivierende Oberbauchbeschwerden im Vordergrund stehen, zu den funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen.
Eine klare Trennung ist jedoch kaum möglich, da die Symptomatik bei ein- und demselben Patienten breit überlappt. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um zwei unterschiedliche Syndrome, sondern um zwei verschiedene Ausdrucksformen eines einzigen Syndroms, erklärte Dr. Gerald J. Holtmann (Universität Essen) auf dem Internistenkongress in Wiesbaden.
Bestimmte Besonderheiten lassen sich bei Patienten mit Reizdarm-Syndrom nachweisen: Die viszerale Nozizeption ist verstärkt, das
heißt, die Schmerzschwelle erniedrigt. Dies ergaben Experimente mit rektaler Ballondistension: Reizdarm-Patienten verspürten schon bei viel geringerer Ausdehnung des Ballons Schmerzen im Darm als Gesunde. Die Ursache dafür scheint zu sein, dass die antinozizeptive Funktion des Vagus gestört ist.
Ein weiterer Faktor, der die intestinale Schmerzempfindung dauerhaft verändern kann, sind Entzündungen zum Beispiel durch Helicobacter pylori. Bei Patienten, die vor allem unter Diarrhö leiden, steigt postprandial die Serotonin-Freisetzung. Auch dies scheint mit den Beschwerden in Zusammenhang zu stehen. Schließlich wirken Motilitätsstörungen und psychologische Faktoren an der Pathogenese mit.
Vorrangige therapeutische Maßnahme ist, den Patienten darüber aufzuklären, dass seine Erkrankung harmlos ist. Allerdings sollten wichtige organische Ursachen ausgeschlossen werden, um die Diagnose mit ausreichender Sicherheit zu stellen: Es genügen dazu Blutbild, BSG, Urinstatus, Abdomensonographie und gegebenenfalls eine Koloskopie. Es ist davon abzuraten, solche Untersuchungen mehrfach zu wiederholen.
Die symptomatische Therapie richtet sich auf Schmerzen und Stuhlkonsistenz. Wie Prof. Peter Layer vom Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Hamburg ergänzte, gibt es einige neue Therapieansätze: Man versucht, die Schmerzperzeption über eine Modulation der sensorischen Opioid-Kappa-Neurotransmission zu beeinflussen. In ersten Studien hat sich vor allem bei Patienten mit Diarrhö auch ein anderer neuer Weg als sehr erfolgreich erwiesen: Mit dem selektiven Serotonin-3-Antagonisten Alosetron (Glaxo Wellcome) lassen sich Durchfälle und Schmerzen signifikant besser in den Griff bekommen als mit Placebo oder Spasmolytika, wie Layer berichtete.
Alosetron wurde in den USA – nach einem beschleunigten Zulassungsverfahren – im März als Lotronex® auf den Markt gebracht. Die deutsche Zulassung wird für das nächste Frühjahr erwartet.
Dr. med. Angelika Bischoff
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