VARIA: Post scriptum

I love you

Dtsch Arztebl 2000; 97(25): [64]

Polek, Brigitte

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Nun sind also Ärzte und Naturwissenschaftler nicht mehr die einzigen, die sich mit Viren beschäftigen. Auch für die Kollegen der Informationstechnologie ist dies immer häufiger ihr tägliches Brot. Und eigentlich sind die Unterschiede der zellulären und programmierten Viren sowieso eher gering. Sprachlich unterscheiden sie sich durch die Verwendung unterschiedlicher bestimmter Artikel: Während sich der Virus als Endwirt den Computer sucht, befällt das Virus den Computerbesitzer. Die Namensgebung für die Computerviren ist außerdem wesentlich gefälliger: „Pockenvirus“ kann klanglich einfach nicht mit „Michelangelo“ konkurrieren und die Nachricht im Anhang „I love you“ führt zu wesentlich angenehmeren Assoziationen als der amtliche Vermerk „Meldepflichtig bei Verdacht“.
Nun hören hier die Unterschiede allerdings auch schon auf, und die Ähnlichkeiten beginnen; daher wohl auch die Namensgebung. Beiden Arten gemeinsam ist der oft erstaunlich nachlässige Umgang der potenziell Betroffenen oder Überträger: Weder der Computerbesitzer noch der Patient können sich vorstellen, dass Viren ein Problem werden könnten – irgendwie passiert das immer nur den anderen oder dem Computer des Nachbarn. Da werden trotz der bekannten Gefahren aus dem Internet Programme und E-Mail-Anhänge von unbekannten Absendern geöffnet. Und nach Abschalten des Computers sorgt man durch unterlassenes Händewaschen nach dem Toilettenbesuch oder durch wahllosen Austausch von Körperflüssigkeiten für die Weiterverbreitung der Viren von Mensch zu Mensch. Knallhart gesprochen: Was dem Computervirus elektronische Leitungen und ein boshafter Programmierer, ist dem zellulären Gegenstück die Flugverbindung in ein exotisches Land und ein Tourist mit wenig Hirn. Und da helfen weder Anti-Viren-Programme noch Warnungen.
Viren als Krankheitserreger waren schon immer vorhanden und befielen Zellen jeglicher Organismen, vom kriechenden Wurm bis hin zum Menschen. Mit dem Sinn dieser Tatsache im Rahmen der Evolution sollen sich die Mikrobiologen beschäftigen. Computerviren ärgern Mitmenschen und sind von Menschenhand geschaffen – damit sollen sich die Psychiater befassen. Auch eine weitere Berufsgruppe könnte vermehrt mit Viren und deren Vermehrung zu tun bekommen: die Strafrichter. Weniger wegen Schadenersatzforderung durch infizierte Patienten als durch Milliardenschäden, weil pubertierende Computerfreaks mal so aus Frust die Weltbörsen lahm legten.
Eins ist jedoch sicher: Wer auch immer mit Viren zu tun bekommt, keiner wird es für eine so minimale Vergütung tun wie die Ärzte. Wahrscheinlich weil der Punktwert-Virus noch nicht isoliert oder programmiert wurde. Brigitte Polek
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema