ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2000Die „Sloterdijk-Debatte“: Dialog zwischen Medizin und Philosophie gefordert

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Die „Sloterdijk-Debatte“: Dialog zwischen Medizin und Philosophie gefordert

Dtsch Arztebl 2000; 97(26): A-1813 / B-1535 / C-1360

L’hoste, Sibylle; Müller-Holve, Wolfgang

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LNSLNS Ärzte, Biologen und Biochemiker haben bisher nur
vereinzelt zu Peter Sloterdijks Thesen Stellung bezogen.

Noch Wochen und Monate nach dem Vortrag des Philosophen Peter Sloterdijk auf dem bayerischen Schloss Elmau im Juli letzten Jahres nahm die als „Sloterdijk-Debatte“ bezeichnete Diskussion um den Vortrag eine zentrale Stellung in den Medien ein. Die Teilnehmer an der Debatte blieben dabei hauptsächlich auf die philosophischen Fachkollegen beschränkt.
„Codex der Anthropotechniken“
Auslöser für die heftige Diskussion war Sloterdijks Verkündigung eines Endes des „Humanismus“, der in Anbetracht der heutigen Möglichkeiten der Gentechnik von einem „Codex der Anthropotechniken“ (Sloterdijk) abgelöst werden müsse. Die Kritik der Kollegen an Sloterdijk und dessen Umgang mit der Gentechnik ging bis zum Vorwurf eines faschistoiden Denkens. Die Möglichkeiten und vor allem Gefahren der Gentechnik wurden somit in der Debatte direkt angesprochen.
Dennoch hat man bisher noch so gut wie nichts von Ärzten, Biologen und Biochemikern zu dieser Thematik gehört. Lediglich in der November-Ausgabe 1999 der „Gynäkologischen Nachrichten“ wird auf Sloterdijk hingewiesen, der „mit einem Beitrag die Debatte bezüglich Präimplantationsdiagnostik weiter angeheizt“ habe.
Sloterdijk beginnt seinen Vortrag „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus – die „Elmauer Rede“, die am 16. September letzten Jahres in der „Zeit“ veröffentlicht wurde, mit einer kritischen Betrachtung des Begriffs des Humanismus von der Antike bis heute: Philosophisch war, so Sloterdijk, der Begriff in erster Linie gekoppelt an die Schriftkultur. In der Renaissance wurde er durch das Wiederaufleben der Antike in der Lektüre der griechischen und lateinischen Sprache geprägt. Damit wurde eine Nähe zur antiken Kultur und den antiken Schriftstellern geschaffen, die einer Freundschaft ähnelte.
Allerdings habe diese durch die Schriftkultur bewirkte Nähe und Freundschaft von Büchern und damit der Humanismus an sich auch eine andere Seite: Selektion und Abgrenzung. Die für diese Kultur Auserwählten sonderten und grenzten sich nämlich zugleich ab vom Animalischen und Barbarischen des Menschen. Erinnert sei an all jene, die zur Zeit der Antike nach dem Genuss an den Kampfspielen in die Amphitheater strebten.
Der Begriff des Humanismus impliziert also immer beide Seiten – Bildung und Abgrenzung vom Anderen, oder anders ausgedrückt: die Verwirklichung der Vernunft (das spezifisch Menschliche) und die Abgrenzung vom Animalischen. Einen gänzlichen Abschied vom Humanismusbegriff forderte der Philosoph Martin Heidegger angesichts der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg. Im Faschismus sah er „die Synthese aus dem Humanismus und dem Bestialismus“ (Sloterdijk).
Stattdessen rufe Heidegger zu einer eher als Bescheidenheit oder gar als „ontologische Demutsübung“ (Sloterdijk) zu bezeichnenden Haltung auf – eine Haltung, die das Sein – als Grund alles Seienden – reflektiert. Einzig diese Seins-Vergessenheit habe zu solchen Ereignissen wie in den beiden Weltkriegen, die den Menschen zum Herrscher über Leben und Tod machten, führen können. Heidegger fordere daher ein Hinhören ins Sein, wie es im Brief über den Humanismus heißt, was besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts versäumt worden sei. Sloterdijk distanziert sich insofern von Heidegger, als er der These Heideggers vom ontologischen Status der menschlichen Sprache – Sprache nämlich verstanden als Weg zur Lichtung des Seins – nicht zustimmt. Nach Heidegger unterscheide sich der Mensch mit dieser Fähigkeit in der Sprache ontologisch-anthropologisch und nicht evolutionär-gattungsspezifisch vom Tier.
Heidegger habe dadurch – nach Auffassung Sloterdijks – die gattungsspezifische Entwicklung des Menschen und dessen generische Sprachentwicklung im Zuge der Evolution verkannt. Diese geschichtlich-evolutionäre Entwicklung habe schließlich zur Domestikation geführt, zunächst von Tieren, dann vom Menschen selbst, worunter auch der Humanismus – ebenso verstanden als Zähmung – gehöre.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche soll diese evolutionäre Macht erkannt haben. Er habe die Überwindung des Humanismus in der Genetik – die „Züchtung“ des Menschen – bereits gesehen. Der Humanismus gelange nur bis zur „Zähmung“.
Das heutige technische Zeitalter zeichne sich nach Sloterdijk bereits durch Potenzierung der aktiven, subjektiven Seite aus – der Seite, die selektiert, wie im Fetozid bereits realisiert und vielleicht auch bald bei uns in Deutschland mit der PID.
An dieser Stelle schlägt Sloterdijk den „Codex der Anthropotechniken“ vor, als Metamorphose des Humanismus gewissermaßen, verstanden als „Selbstzähmung“ der zunehmenden aktiven selektiven Seite. Sloterdijk bedenkt die Möglichkeit der „optionalen Geburt“ und „pränatalen Selektion“, bis hin zur Möglichkeit einer gänzlichen „genetischen Reform der Gattungseigenschaften“. Während wir bisher glaubten, dass der Humanismus die Macht des Genetisch-Biologisch-Animalischen überwinden könne, werden wir heute zunehmend vom Genetisch-Machbaren beherrscht.
Erinnerungen an den Nationalsozialismus
Und so versteht denn auch Sloterdijk seinen Begriff des „Menschenparks“ – in Analogie zu Platons Bild von Hirte und Herde – als „Selbsthaltung“ – ohne Hirt, ohne Götter, ohne Weisen und damit ohne Humanismus. Offen bleiben im Vortrag allerdings mögliche Regeln für diesen neuen Menschenpark.
Sloterdijks Vortrag stieß auf scharfe Kritik. Es wurde ihm vorgeworfen, sich vom Humanismus und von der Ethik verabschiedet zu haben. Die Terminologie – Begriffe wie „Selektion“, „Menschenpark“, „optionale Geburt“ – ließen Erinnerungen an den Nationalsozialismus aufkommen. So wies beispielsweise der Philosoph Ernst Tugendhat darauf hin, dass der von Sloterdijk verwendete Begriff „Selektion“ nicht nur an Auschwitz erinnere, sondern sogar erinnern müsse.
Der Philosoph W. Ch. Zimmerli wies allerdings darauf hin, dass Sloterdijk nichts wesentlich Neues gesagt habe – im Gegenteil: diese Fragen der Möglichkeiten der Gentechnik würden bereits seit langem, auch von Philosophen, diskutiert.
Die Potenzierung der Gentechnik, wie überhaupt der Technik, wurde von Sloterdijk zweifellos richtig erkannt. Eine weitere Potenzierung von Selektion und Menschenzüchtung bis hin zur Ausrottung bestimmter genetischer Eigenschaften für die Zukunft lässt er offen. Und dennoch scheint Sloterdijks Sicht der Dinge zu radikal zu sein: Auch wenn der Mensch heute zunehmend selbst „selektiert“(Sloterdijk) und damit seine Evolution zum großen Teil selbst in der Hand hat, wird die „Menschenzüchtung“ den Humanismus nicht ablösen und in die Archive verweisen.
Auch die heftige Diskussion um die Selektion par excellence – die Abtreibung – zeigt: Embryo und Fetus sind eben (noch?) nicht, wie von manchen behauptet, als bloßes biologisches Etwas zu verstehen, sondern als Mensch, wenn auch nicht in jedem Fall mit unbedingtem Recht auf Leben.
Während die hitzige Debatte um diesen Vortrag wochen- und monatelang in vielen Tages- und Wochenzeitungen anhielt, wurde die Sloterdijk-Rede von Ärzten und Biologen kaum wahrgenommen. Sie ist offensichtlich ein Beispiel für das mangelnde gegenseitige Interesse und die fehlende Kommunikation unterschiedlicher Fachgebiete untereinander. Letztendlich scheint dies auf die fachspezifische Terminologie und philosophiegeschichtlichen Zusammenhänge in diesem speziellen Fall zurückzuführen zu sein, die sogar zu Missverständnissen und Uneinigkeit in den eigenen – philosophischen – Reihen führten.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-1813–1814
[Heft 26]

Literatur
1. Standortbestimmung zur PID. Gynäkologische Nachrichten 11/99: 1.
2. Sloterdijk P: Regeln für den Menschenpark. Die Zeit 16. 9. 1999; Nr. 38: 15–21.
3. Tugendhat E: Es gibt keine Gene für die Moral. Die Zeit 23. 9. 1999; Nr. 39: 31–32.
4. Zimmerli W Ch: Die Evolution in eigener Regie. Die Zeit 30. 9. 1999; Nr. 40: 34.

Anschrift für die Verfasser
Sibylle L’hoste, M.A.
Prof. Dr. med. Dr. med. habil.
Wolfgang Müller-Holve
Kaufingerstraße 12
80331 München

Peter Sloterdijks Verkündigung eines „Endes des Humanismus“ war der Auslöser einer heftigen Diskussion Foto: dpa
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