ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2000Das Gutenberg--Museum in Mainz: Ein Konzept wurde zum Selbstläufer

VARIA: Feuilleton

Das Gutenberg--Museum in Mainz: Ein Konzept wurde zum Selbstläufer

Dtsch Arztebl 2000; 97(26): A-1832 / B-1554 / C-1379

Apke, Bernd

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LNSLNS Der Buchdruck gehört zu den folgenreichsten
Erfindungen der Menschheit.

Johannes Gutenberg (circa 1400 bis 1468), der Vater des Buchdrucks, wurde im letzten Jahr zum „Mann des Jahrtausends“ ernannt. Mainz, die Heimatstadt Gutenbergs, weiß natürlich gerade im Jahr 2000 mit dem ihr zugefallenen Pfund zu wuchern. Liegt doch der Geburtstag des „größten Sohnes der Stadt“ in diesem Jahr mehr oder weniger exakt 600 Jahre zurück. Also feiert und gedenkt man das ganze Jahr hindurch und hat sich selbst mit der Erweiterung und Erneuerung des Gutenberg-Museums das wohl bleibendste Geschenk gemacht.
Die unmittelbare Nähe zum Dom, das heißt die Lage in der engen Altstadt, brachte es mit sich, dass man den Neubau bescheiden in einer benachbarten Baulücke ansiedelte und dem Altbau direkt anschloss. Immerhin ergibt sich so die Möglichkeit, die Besucher in der Ausstellung von Haus zu Haus pendeln zu lassen, ohne dass sie es oftmals wohl merken.
Dafür sorgt schon die spannende Präsentation selbst, gibt sie doch Einblick in die Technik des Buchdrucks.
Es gab auch schon vor 1454, dem Jahr der ersten datierbaren Druckerzeugnisse aus Gutenbergs Werkstatt, Bücher. Nur waren sie zumeist Unikate: Man schrieb sie – und das im vollen Wortsinn. Wollte man Bilder, malte man sie eben – Seite für Seite, Buch für Buch. Das erklärt, warum die „Auflage“ jedes Buches minimal war, was sich auch kaum änderte, als man daran ging, Schriften in Werkstätten von zahlreichen Schreibern vervielfältigen zu lassen. Seit dem späten 14. Jahrhundert kannte man schließlich das Verfahren, Holzdruckstöcke auf Papier zu drucken. Für jede Seite musste also ein Holzstück gefertigt werden, das ausschließlich für diese eine Seite genutzt werden konnte und zwar nur so lange, wie es die allmähliche Abnutzung zuließ.
In dieser Situation musste Gutenbergs Konzept ein Selbstläufer werden. Er wollte hohe Auflagen, einwandfreien Druck und eine Wiederverwertbarkeit der Druckutensilien. Deshalb zerlegte er jeden Text in seine Einzelelemente, in Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen. Diese „Figuren“ gravierte er in hartes Metall, womit er die zahlreichen Buchstaben, die ein Text enthält, in weiches Metall drücken konnte. Die so entstandenen Lettern mussten jetzt nur noch in die gewünschte Reihenfolge gebracht, mit Druckerschwärze versehen und auf angefeuchtetes Papier gedruckt werden. Wenn genügend Seiten gedruckt waren, konnte man die Zeichen wieder neu zusammenstellen. Der Faszination, eine Seite eigenhändig zusammenzustellen und Buchstaben physisch zu spüren, kann man im Druckladen des Gutenberg-Museums erliegen. Unter Anleitung gelernter Setzer kann man sich dort beim Drucken einer scheinbar altertümlichen Technik hingeben. Doch ihrem Prinzip nach ist sie hochaktuell. Wie damals werden auch heute Texte in die jeweils kleinsten verfügbaren Informationseinheiten zerlegt und neu zusammengesetzt. Und wie bislang benötigt man zum Druck auch heute (mehr denn je) Papier. Welche Sorten es gibt, wie man sie herstellt und wie sich Papier über die Jahrhunderte hinweg in den Regionen der Erde ausgebreitet hat, kann man in anderen Museumsräumen nachvollziehen. Dabei stößt man en passant auch auf solche Exponate wie die „Orakelknocheninschrift“, eine, wie erläutert wird, „reife chinesische Schrift im 15. bis 11. Jahrhundert v. Chr., die auf Schildkrötenpanzer oder Tierknochen graviert“ wurde. Oder aber auf eine von heute noch 49 existierenden Gutenberg-Bibeln aus den 1450er-Jahren, mit denen Gutenberg bewies, dass die „nova forma scribendi“ den Handschriften ästhetisch gleichwertig war. Bernd Apke

J. F. Schreiber: „Buchbinderwerkstatt“, Esslingen, 1836

Das Gutenberg-
Museum (Liebfrauenplatz 3–5, 55116 Mainz) ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Bis 3. Oktober ist dort und an vier
weiteren Orten die Ausstellung „Gutenberg – aventur und kunst. Vom Geheimunternehmen zur ersten Medienrevolution“ zu sehen.
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